Sex & Eigentum -Die Digitalisierung der Kriminalität und die Zukunft der Polizeiarbeit

von Thomas-Gabriel Rüdiger

Cybermobbing, Hacking und Hatespeech: Unsere Welt hat sich verändert. Schon heute existieren Delikte, die wir vor einigen Jahren nicht kannten. In kurzen Abständen werden neue Technologien entwickelt, die neue Straftaten ermöglichen.

Die Zukunft der Kriminalität ist digital

Künftig wird es kaum noch Delikte geben, die keine Verbindung zum digitalen Raum haben. Neben Cyberwar und Hacking werden sich vermutlich – parallel zum technologischen Fortschritt – ganz neue Delikte etablieren.

Digitalisierte Sexualdelikte

Eine große Herausforderung für die Kriminologie und den Rechtstaat wird der digitalisierte Sex sein. Immer mehr  Sexroboter und –spielzeug kommen auf den Markt. Nicht nur das – sie werden für „Cybersex“ onlinefähig. Das ermöglicht Paaren, auch über große Distanzen– via Fernsteuerung – sexuell zu verkehren.

Was aber passiert, wenn Sexspielzeuge und Roboter gehackt und von Fremden gesteuert werden? Wenn diese missbraucht werden, um einem Menschen Gewalt anzutun? Kann dies als Vergewaltigung im herkömmlichen Sinne verfolgt werden? Der Einsatz von Technologien wie Virtual und Augmented Reality lässt zwangsläufig eine neue Klasse von Delikten erwarten, für die Gesetze formuliert werden müssen.

Bereits heute sind täuschend echt aussehende Kinderpuppen, die die Nachahmung eines sexuellen Missbrauchs ermöglichen, auf dem Markt. Eine Vernetzung dieser Puppen wird gerade auch im Missbrauchsbereich neue Delikte eröffnen.

Virtuell Reality: Auch Delikte werden realer

Die Begriffe Hatespeech und Cybermobbing kennt heute vermutlich jeder, der sich im Netz bewegt. Wenn Menschen zunehmend mit VR-Brillen in virtuellen Realitäten unterwegs sind, bekommen auch Übergriffe eine andere Qualität – sie werden ebenfalls realistischer. Opfer können in der virtuellen Realität in einer neuen Weise traumatisiert werden.

 „Spielwiese“ für Sexualdelikte

Es ergeben sich für sexuelle Belästigungen ganz neue Dimensionen und Belastungen für die Opfer.  Dabei sind heute bereits neue Formen des Missbrauchs möglich. Beispielsweise, wenn Gesichter von Fremden in – im schlimmsten Fall pädophilen – Pornofilme transferiert und diese anschließend erpresst werden. Ein solches Delikt wird teilweise als „Sextortion“ behandelt. Dabei handelt es sich um eine Kombination der Englischen Wörter Sex und Extortion (Erpressung).

Cyberstalking, Cybermobbing und Sextortion

Körperimplantate und Internet of Things werden die Polizeiarbeit vor gravierende Herausforderungen stellen. Die Aufklärungsarbeit wird erschwert, denn der Hacker eines Körperimplantates oder einer hochsensiblen Maschine-zu-Maschine Produktion kann von einem anderen Staat aus handeln. Gleichzeitig multiplizieren sich die Angriffsobjekte und -ziele.

Automatisierte Kriminalität – Die Entwicklung eigenständiger künstlicher Intelligenz birgt neue Fragen für Rechtsprechung, Kriminologie und Polizeiarbeit

Wenn integrierte Bots selbständige Entscheidungen treffen, wird es zwangsläufig auch zu einer neuen Form von Kriminalität kommen. Denn damit wird der KI auch die Möglichkeit eingeräumt, Normen der jeweiligen Gesellschaft zu brechen und eigenständig Kriminalität zu begehen.

Bereits 2015 sollte der mittlerweile berühmte Bot Tay von Microsoft auf Twitter von dem Verhalten der Nutzer lernen. Im Ergebnis postete er nach kurzer Zeit Aussagen, die nach deutschem Recht strafbar sein könnten. Wie sollen Polizisten und Menschen zwischen einem Bot und einer realen Person unterscheiden? Vermutlich gar nicht!

Selbst wenn Produzenten von Bots, KI und anderer selbstständig agierender Programme nicht die Absicht haben, dass ihre Erfindungen straffällig werden – was ist zu tun, wenn diese es werden?

Digitale Kerndelikte

Dabei gehe ich davon aus, dass sich die Menschheit in Zukunft auf „digitale Kerndelikte“, einigen muss, die global unter Strafe stehen.

Globales Weltstrafrecht

Für digitale Delikte wird eine Art „globales (digitales) Weltstrafrecht“ unausweichlich sein. Ich vermute, dass es sich dabei vornehmlich um Sexual- bzw. Missbrauchs- und Vermögensdelikte handeln wird.

Eigentum und Sexueller Missbrauch

Missbrauchsdelikte, weil in den meisten Staaten Kinder vor Missbrauch geschützt werden und sich niemand öffentlich gegen einen solchen Schutz aussprechen wird. Vermögensdelikte, weil das Recht auf Eigentum in fast allen Ländern als relevant angesehen wird.

Weltstrafrecht – eine Utopie?

Wenn Menschen meinen, ein solches globales Strafrecht sei eine Utopie, halte ich gerne folgendes entgegen:  Einst waren auch weltweit gemeinsame Regeln für den Straßenverkehr eine Utopie! Trotzdem versteht heutzutage vermutlich jeder, dass er an einem Stoppschild oder einer roten Ampel warten soll. Was bedeutet das für die Polizeiarbeit der Zukunft?

Digitale Weltpolizei

Für die digitale Polizeiarbeit werden sich zwei grundsätzliche Felder ergeben. Einerseits würde ein Weltstrafrecht eine digitale Weltpolizei hervorbringen, die rudimentäre exekutive Rechte zur Durchsetzung erhalten muss. Eine solche Erweiterung der Aufgaben und Befugnisse könnte beispielweise auf Interpol übertragen werden.

Digitalisierte Polizeiarbeit

Auf der anderen Seite wird sich jeder Aspekt der „normalen“ Polizeiarbeit digitalisieren. Einen ähnlichen Prozess konnte man bei der Etablierung des Kfz beobachten. Heute ist es normal, dass fast die gesamte Polizeiarbeit in irgendeiner Form mit dem Straßenverkehr zu tun hat. Seien es Streifenfahrten, Verfolgung von Verkehrsdelikten, Fahrten zu Kriminalitätsorten oder auch der Unfallaufnahme.

Dieser Umstand spiegelt sich auch in der polizeilichen Ausbildung wieder, in der diese Aspekte eine wichtige Rolle einnehmen und nicht umsonst jeder zukünftige Polizist den Besitz einer Fahrerlaubnis nachweisen muss.

Medienkompetenz, Polizeibots und virtuelle Polizeistreifen

Eine solche vergleichbare digitale Verkehrskompetenz – die Medienkompetenz – wird voraussichtlich dieselbe Rolle einnehmen und zu einer absoluten polizeilichen Schlüsselqualifikation dieses Jahrhunderts werden. Der versierte Umgang mit digitalen Medien wird dringend benötigt werden. Dies, weil Polizisten ganz selbstverständlich über die unterschiedlichsten digitalen Medien für die Bürger erreichbar sein müssen-  und, weil „virtuelle Streifen“ aktiv nach Straftaten im Netz suchen.

Dabei wird die Polizei der Masse an Delikten im digitalen Raum nur durch Automatisierung antworten können

Selbst wenn jeder Polizist in Zukunft auch im digitalen Raum selbstständig unterwegs sein würde, würde das nicht ausreichen. Automatisierung der Polizeiarbeit könnte z.B. durch „Polizeibots“ erfolgen, die selbstständig nach strafbaren Inhalten im Netz suchen.

Entmenschlichung der Kriminalität

Eine Entmenschlichung von Kriminalität und den (strafrechtlichen) Reaktionen könnte die Folge sein. Was bedeutet das?  Wenn ein Bot strafbare Handlungen begeht und in der Folge von einem eigenständigen Polizeibot ermittelt wird, ist kein Mensch mehr beteiligt.

Auch der Trend, durch Algorithmen Vorhersagen über Kriminalität zu treffen, das „Predictive Policing“ ist kaum aufhaltbar und wird perspektivisch stark automatisiert erfolgen –  von der Analyse bis zur Verhinderung und Strafverfolgung.

Datenanalyse und Verbrechensbekämpfung

Die Verknüpfung und Datenanalyse als auch automatisierte Auswertung zum Zweck der Kriminalitätsbekämpfung wird daher voranschreiten.

Bereits heute werden chinesische Polizisten mit Brillen zur Gesichtserkennung ausgestattet, die nach Gesuchten scannen

Auch an Bahnhöfen und öffentlichen Plätzen ist diese Technik heute weltweit verbreitet. Dies ist letztlich eine Frage der Effizienz der Polizeiarbeit: Es spart Personalressourcen bei gleichzeitiger (vermeintlicher) Erhöhung der Sicherheit.

Renaissance des Multifaktorenansatzes

Bereits in den Anfängen der Kriminologie entwickelt sich der Gedanke, dass viele unterschiedliche Faktoren im Zusammenspiel zur Kriminalität führen könnten. Je mehr ungünstige Faktoren bei jemanden vorliegen, umso wahrscheinlicher wird er kriminell werden.

Ich erwarte, dass in einigen Ländern Vorhersagen über die kriminelle Entwicklung von Menschen durch Auswertung digitaler Daten getätigt werden. Besonders in despotischen Ländern könnte dies zu einer neuen Form der Unterdrückung ihrer Bürger führen.

Die gesamte zwischenmenschliche Kommunikation und Interaktion der Polizei wird digitalisiert werden

Hier sind visuelle Kommunikationstechniken denkbar, dass beispielsweise mit einem virtuellen Polizisten kommuniziert wird. Google hat mit „Google Duplex“ aufgezeigt, wie realistisch Computer menschliche Kommunikationen führen (werden) können. Eine mündliche Anzeigenannahme durch eine KI erscheint da zukunftsgerecht.

Neben virtuellen Anzeigenannahmen erscheint es mir naheliegend, dass die gesamte Polizeiarbeit verstärkt auf Roboter ausgelagert wird. Dies wird von Drohnen bis zu selbstfahrenden Streifenwagen reichen.

Erste Schritte in diese Richtung werden bereits heute bei vielen Polizeibehörden weltweit getätigt

Dass ein solcher Prozess durch gesellschaftliche Debatten eingerahmt gehört, erscheint dabei nahe liegend. Hierbei fehlt es aber – zumindest in Deutschland – bisher an einer grundlegenden Strategie wie eine tatsächliche digitale Polizei aussehen soll: Was für eine Funktion soll sie einnehmen? Wie wird sie dafür rechtlich wie logistisch ausgestattet?

Zeit wird es!

 

  

 

  

Ein Gedanke zu “Sex & Eigentum -Die Digitalisierung der Kriminalität und die Zukunft der Polizeiarbeit

  1. Dieter Hannemann schreibt:

    Wichtiger als Polizei ist es Kriminalität erst gar nicht zuzulassen.
    Je mehr und kompliziertere Gesetze es hat, desto eher werden diese bewusst, oder unbewusst gebrochen.
    Will man Kriminalität verhindern, dann braucht es einfache und für allen logische Gesetze, mit denen sich jeder abfinden kann. Es ist viel einfacher Benutzer, welche versuchen Computer zu hacken als Bestrafung für einige Zeit den Zugang zu verwehren, als Hacker-Angriffe zurückzuverfolgen und strafrechtlich zu ahnden.
    Die Länder mit der heute geringsten Kriminalität sind Länder, welche geringe gesellschaftliche Unterschiede haben. Verfügt jeder über genügend Einkommen, dann entsteht nicht der Druck sich das benötigte mit krimineller Energie zu besorgen.
    Statt Bestrafung, Geld/Gefängnis sollten Menschen die Gesetze gebrochen haben psychologisch untersucht und therapiert werden.

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