Wie im Minority Report

Zwei Forscher aus China wollen mit künstlicher Intelligenz Verbrecher erkennen – schon bevor sie eine Straftat begehen

Der Mediziner Cesare Lombroso stellte sich im 19. Jahrhundert die Frage, ob man einen Verbrecher bereits vor seiner Tat identifizieren kann?

Mit seinem Werk „L’Uomo delinquente“ begründete er die Studien zur Täterklassifizierung. Für ihn gehörten Verbrecher in die Gruppe der „Geisteskranken und Primitiven“. Lombroso war überzeugt, dass Kriminellen ihre Neigung äußerlich anzusehen sei. Seine Tätertypenlehre wurde bereits im 19. Jahrhundert kritisch diskutiert.

Eine Renaissance erlebten seine Studien in der Zeit des Nationalsozialismus. Mit der Rassenlehre wurde die Theorie bis zum typischen „Volksschädling“ oder„Herrenmensch“ pseudowissenschaftlich ausgereizt.

Die Idee, Verbrecher anhand ihrer Gesichter oder körperlicher Merkmale erkennen zu können, wurde später als ethisch unvertretbar verworfen.

Der Mensch – eine Mischung aus Veranlagung und Erziehung?

Es galt bis vor kurzem die „Anlage-Umwelt- Formel, welche beinhaltet, dass das Verhalten eines Menschen sowohl durch seine angeborenen Gene als auch sein soziales Umfeld  und Kindheit – also die Sozialisation – beeinflusst wird.

Welcher Faktor größeren Einfluss auf späteres Verhalten nimmt – Vererbung oder Erziehung – blieb unklar, obwohl spannende Zwillingsstudien dazu durchgeführt wurden. Eineiige Zwillinge, die getrennt voneinander aufwuchsen sind für solche Forschungen von unschätzbarem Wert. Sie haben gleiche Gene, aber verschiedene Sozialisation. Mit Zwillingsstudien wollten Wissenschaftler herausfinden, wie sich genetisch gleiche Menschen unter unterschiedlichen sozialen Vorausssetzungen entwickeln.

Daher wurden besonders gerne Zwillinge untersucht, die an verschiedenen Orten aufwuchsen – zum Beispiel bei Adoptiveltern in unterschiedlichen Milieus. Das Ergebnis? Eineiige Zwillinge haben häufig ähnliches Verhalten, Vorlieben und Gewohnheiten, wenngleich sie getrennt aufwuchsen. Beispielsweise erkrankten sie oft auch an selber Krankheit zeitgleich – unabhängig vom Lebensstil, beispielsweise Raucher und Nichtraucher. Diese Studien gaben Anlass zu der Vermutung, dass es durchaus eine erhebliche genetische Prädisposition gibt.

Dennoch lieferten diese keine sichere Antwort, ob Verbrechen angeborenes oder erlerntes Verhalten ist.

Mit künstlicher Intelligenz wird die scheinbar unlösbare Frage wieder aufgegriffen

Unter Zuhilfenahme künstlicher Intelligenz haben sich zwei Forscher der Frage nach dem Tätertypus erneut angenommen.  Xiaolin Wu und Xi Zhang von der Jiao Tong University in Shanghai haben einer künstlichen Intelligenz beigebracht, Kriminelle anhand von Bildern zu erkennen.

Polizei und Internet lieferten die Fotos

Dazu haben sie die künstliche Intelligenz mit rund 1800 Fotos von chinesischen Männern gefüttert. 700 Fotos davon wurden von der Polizei zur Verfügung gestellt – abgelichtet darauf – vorbestrafte Kriminelle. Weitere 1100 Fotos haben die Forscher aus dem Internet – Bilder aus dem beruflichen Netzwerk LinkedIn. 90 Prozent der vorhandenen Bilder wurden zunächst dazu genutzt, die künstliche Intelligenz zu trainieren. Die verbleibenden Fotos wurden zum Testen des neuronalen Netzwerks verwendet.

Kriminelle sehen anders aus – sagt die künstliche Intelligenz

Ihre Untersuchung ergab, dass drei verschiedene Züge im Gesicht auf kriminelles Potential hindeuten: Eine besondere Krümmung der Oberlippe, ein bestimmter Abstand zwischen den Augen und zwei spezielle Linien von der Spitze der Nase in Richtung des Mundes.

Forschungsergebnis steht vielfach unter Kritik

Von mehrfacher Verzerrung (Bias) der Daten ist die Rede:  Zum einen wird die Datengrundlage kritisiert, die keinesfalls repräsentativ sei, da weder andere Ethnien, noch Altersgruppen oder Geschlechter vertreten sind.

Auch das Vergleichsmaterial hinke, heisst es: Auf den LinkedIn Fotos sind die abgelichteten Personen hübsch gemacht – frisiert, geschminkt – oft auch von einem professionellen Fotografen perfekt ausgeleuchtet und entsprechend mit Krawatte oder Kragen abgelichtet. Die Bilder der Kriminellen hingegen seien Polizeifotos, die unter ganz anderen Bedingungen – das liegt in der Natur der Sache – aufgenommen wurden.

Große Datensätze und neue Möglichkeiten der Analyse

Dennoch ist zu erwarten, dass derlei Studien fortgesetzt werden – beispielsweise für Gesichtskontrollen an Flughäfen und Grenzen. Zu groß ist der Reiz, mit Hilfe künstlicher Intelligenz Verhaltensprognosen erstellen und Verbrechen im Vorfeld erkennen und verhindern zu können.

Künstliche Intelligenz und smarte Datenanalysen sind für die kriminologische Forschung schlicht zu attraktiv. Schließlich liefern Polizeiakten und Statistiken riesige Datenmengen, welche getestet und ausgewertet werden können.

Vermutlich wird es in der kriminologischen Forschung in den kommenden Jahren noch einige Versuche geben, Verbrechen mittels künstlicher Intelligenz zu prognostizieren.

Gleichzeitig macht die Studie der zwei Chinesischen Forscher deutlich, wie behutsam die neuen technischen Möglichkeiten eingesetzt werden müssen, um zu vermeiden, dass sie zur Stigmatisierung einzelner Menschen führen.

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