„Great again“? Nein, danke!

Wie werden die Historiker der Zukunft unsere Epoche wohl bezeichnen? Als die Zeitalter der Neuordnung? Als die Epoche der sozialen Hysterie oder der verzerrten Wahrnehmung? Als beginnender Postkapitalismus?

Fakten versus alternative Fakten

Wir leben in parallelen Realitäten: Einerseits die subjektiv als katastrophal empfundene und andererseits die im Grunde normale – im empirischen Vergleich – recht positive Welt.

Die Krise unserer Zeit ist vor allem eine seelische Krise

Wir leben heute gesünder, länger, sicherer und besser, als je zuvor in der Geschichte der Menschheit. Starke Armut ist weltweit ebenso auf dem Rückzug, wie die Demokratie global auf dem Vormarsch ist. Dennoch empfinden viele Menschen das exakte Gegenteil davon. Angst, Unsicherheit, Weltuntergangsszenarien, Verdacht, Unterstellung, Verschwörungstheorien, Überheblichkeit, Wut, Aufruhr, Polemik und Grobheit beherrschen vielerorts den gesellschaftlichen Diskurs.

Nostalgische Sehnsucht greift um sich. Der Glaube an eine bessere Zukunft wird heute oft ersetzt durch die verklärende Hinwendung zur Vergangenheit. Zygmunt Baumann hat für diese Sehnsucht den Begriff „Retrotopia“ kreiiert. Dabei ging es den Menschen nie so gut wie heute. Was ist da los?

Die alte Welt zerbricht: Gut so!

Wir erleben gemeinsam das Ende einer autoritären Ordnung, die seine schwächsten Mitglieder über Jahrhunderte hinweg gnadenlos ausbeutete – weltweit. An dieser Stelle mag so mancher argumentieren, dass der relative Wohlstand der arbeitenden Bevölkerung beständig besser wurde und der Manchester– Kapitalismus lange überwunden sei.

Doch – blickt man heute beispielsweise in die Fabriken Chinas oder auf die Erntehelfer Südeuropas, zeichnet sich ein ganz anderes Bild: Globalisierung bedeutete bisher lediglich, dass sich das Machtverhältnis von Arbeit und Kapital internationalisert hat. Die Klassengesellschaft hat sich nie aufgelöst. Sie ist ein globales Phänomen geworden.

Bis jetzt – da die Digitalisierung die arbeitenden Individuen erreicht und sämtliche Absatzmärkte und Produktionsverhältnisse durcheinanderwirbelt. Wir sprechen heute von den „disruptiven Märkten“ und meinen eigentlich eine Neuordnung der Welt.

Die Welt ordnet uns – und wir die Welt

Mensch und Umwelt verhalten sich reziprok. Das bedeutet, dass unsere Technologien nicht nur die Welt verändern, sondern auch uns. Immer schon haben sich Menschen technologischen Entwicklungen angepasst. Sie sind in Interaktion mit ihrer Umwelt – wie Resonanzkörper, die die Musik ihre Umgebung verstärken.

In der Sozialpsychologie spricht man von einem „Sozialcharakter“. Gemeint sind damit jene Charaktereigenschaften, die wir nicht genetisch vererbt bekommen haben, sondern die von unserer Gesellschaft und Kultur geformt wurden.

Doch was für eine Kultur war das? Die meisten von uns sind in einem autoritären und hierarchischen System aufgewachsen. Besonders gefragt war dabei die Anpassungsfähigkeit an die Leistungsgesellschaft – bestmöglich zu funktionieren, wie das Rädchen eines Uhrwerks, galt als Erfolg. Wie sollten solche Individuen nun plötzlich einen autonomen und freiheitlichen Sozialcharakter haben?

Der Haken ist bloß – so einen sozialen Charakter brauchen wir jetzt schnell um in der Welt, wie sie bereits ist und morgen noch mehr sein wird, zu bestehen: Oben und unten – weisungsbefugt und weisungsgebunden – alles löst sich in der sich rasch wandelnden Umgebung auf, in welcher alles und jedes miteinander verbunden ist. Unsere Welt ist so flach geworden, wie unsere Bildschirme!

Auslaufmodell: „Höher, schneller, weiter“

Als „Resonanzgesellschaft“ werden wir von der Trendforschung bezeichnet. Dies, weil immer häufiger die gesellschaftliche Resonanz auf „Industrie 4.0“ Minimalismus, Achtsamkeit und bewusster Umgang mit der Umwelt ist.

Googelt man den Begriff „Mindfulness“ findet man heute mehr als 120.000.000 Treffer – Tendenz steigend! Hinter diesem Begriff verbirgt sich eine Bewegung, die nicht unterschätzt werden darf: Sie ist die leiseste, friedlichste und gleichzeitig mächtigste Revolution, die es je gab und – sie ist global! Weltweit wenden sich Menschen dem Glück des Augenblicks zu, statt nach Konsum und Leistung zu streben.

Jeder Ökonom weiß das: Angebot und Nachfrage bedingen einander!

In einer Welt, in der sinnloser Konsumrausch nicht länger nachgefragt wird, wird auch nicht mehr in ausbeuterischem Akkord produziert werden. Das Ende der Leistungsgesellschaft hat begonnen. Wir alle sind bereits auf dem Weg in das postkapitalistische Zeitalter.

Sie denken, sie sitzen sicher? Anschnallen, bitte!

Leistungsprinzip und Gewinnmaximierung haben abgedankt. Stattdessen werden Achtung und Nachhaltigkeit die Zukunft bestimmen. Nirgendwo vollzieht sich der Wandel so rasant wie in der Arbeitswelt. Gerade eben noch war das Büro des Chefs pompös und der Arbeitsplatz ein physischer Ort. Kultur wurde in weiten Teilen der Welt als Luxus begriffen und die Höhe des Einkommens bestimmte den Takt des Lebens.

Die hierarchische Stellung in einem Unternehmen bestimmte die Identität mehr, als der Sinn des Arbeitsauftrages. Heute krempeln schnelle Prozesse, zunehmende Automatisierung, Ansprüche von Kunden und Mitarbeitern quasi jedes Unternehmen um.

Die Reaktion am Arbeitsplatz? Eine Restrukturierung nach der anderen, in dem verzweifelten Versuch, das Unternehmen den neuen Anforderungen der disruptiven Märkte anzupassen und – auf persönlicher Ebene: Angst und Hysterie!

Ein Arbeitsmodell hat ausgedient

Lange Jahre wurde wie Rädchen in einem System funktioniert, sich weggeduckt und Befehle ausgeführt, die von oben angetragen wurden.

Persönlicher Erfolg hing meistens davon ab, ob man einen Gönner hatte. „Vitamin B“ ist ein feststehender Begriff für das Fortkommen auf Grundlage von Verbindungen und Seilschaften. Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie oft Menschen gegen ihre persönliche Moral gehandelt haben, um die Gunst eines einflussreichen Vorgesetzten nicht zu verlieren.

Für das nun aufkommende Chaos werden allenortes Verantwortliche gesucht. Es wird mit Fingern aufeinander gezeigt und Schuldige etikettiert. Obgleich die Menschen heute über unfassbare Möglichkeiten der persönlichen Einflussnahme verfügen, empfinden sie völlig konträr dazu – Ohnmacht und Ausgeliefertheit. So, als seien sie noch immer ein Rädchen in einer vertikal geordneten Welt.

Denn – Was tut ein autoritärer Sozialcharakter, wenn seine alte Ordnung auseinanderbricht? Natürlich: Er zittert vor Verunsicherung. Es herrscht Angst und der Eindruck von Ausgeliefertheit.

Die Angst vor der Freiheit

Freiheit muss man können. Eine Arbeitsumgebung, in welcher den Angestellten sämtliche Routinen und Aufgaben vorgegeben wurden, gibt es immer seltener. Einfache Aufgaben wird es bald gar nicht mehr geben – sie werden von künstlicher Intelligenz und Robotern erledigt. Nuovel Harari spricht bereits von der Klasse der Nutzlosen von Morgen.

Selbstbestimmung, Initiative, Handlungsbereitschaft, Aufgeschlossenheit, die Fähigkeit zur Vernetzung und die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen stehen nicht nur hoch im Kurs: Sie sind überlebenswichtig! Das mag grausam klingen – ist es aber nicht.

Das Ende der Entfremdung

Das, was Marx als Entfremdung der Arbeit bezeichnete, löst sich auf. Heim und Familie sind nicht länger der Arbeit entfremdet. Schon heute können viele Arbeitnehmer von zu Hause arbeiten. Arbeit bedeutet immer seltener die physische Bindung an einen Ort. Die Gemeinschaft der digitalen Nomaden wächst kontinuierlich.

Gewerkschaften kämpfen verzweifelt um Mitglieder, die es bald nicht mehr geben wird. Immer mehr Menschen arbeiten freiberuflich oder in kleinen StartUps – sie sind dem Endprodukt ihrer Arbeit keineswegs entfremdet, sondern bestimmen darüber. Lebenssinn und Arbeitsaufgabe stehen immer öfter in identitätsstiftendem Zusammenhang.

Diejenigen, die umdenken können, werden die Gewinner der Industrie 4.0 sein, weil sie ihre Chancen zu nutzen wissen. Gewiss, es gehen alte Türen zu – aber überall öffnen sich dafür neue: Erfindungen werden mit Kunden gemeinsam entwickelt, Open Innovation liegt voll im Trend, Firmenkommunikation von Morgen ist Dialog statt Monolog, wer eine gute Idee hat, kann welweit seinen Absatzmarkt finden und die Chefs der Zukunft werden mehr Berater als Auftraggeber sein. Menschliche Eigenschaften wie Kreativität und Mitgefühl werden zur heiß begehrten Ware.

Prozesse und Entwicklungen, die früher im Geheimen geschahen, Absprachen im Hinterzimmer, politische Vereinbarungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit – all das wird es bald nicht mehr geben. Die Welt ist transparent geworden, wie der Urozean unserer Erde, der plötzlich vom Sonnenlicht durchflutet wurde.

„Great again“ ist lediglich die nostalgische Verklärung einer nicht glorreichen Vergangenheit.

Der gesellschafliche Wandel ist Bedrohung und Chance zugleich. Die Reaktion ist Verunsicherung und Sehnsucht nach alten Zeiten. Doch sollten wir nicht zu lange in Retrotopia verweilen. „Great again“ ist kein angemessenes Ziel in einer Welt, in der wir „great like never before“ sein können.

Wie beginnen wir die Reise in eine bessere Zukunft?

Unsere Reise beginnt mit dem individuellem Streben nach Glück und dem dazugehörigen Anspruchsdenken. Die Forderung auf bedingunglose existenzielle Absicherung gehört dazu! Alles Potential für unsere Zukunft liegt in der Gegenwart: Gleichwohl, ob politisch, gesellschaftlich, in der Wirtschaft oder auf persönlicher Ebene. Nie gab es eine bessere Zeit in der Geschichte der Menschen als heute. Wir müssen nur rasch begreifen, über welche Möglichkeiten wir heute verfügen. Jetzt ist unsere Zeit! Wir dürfen uns die Freiheit nehmen, unbequem, unangepasst und anspruchsvoll zu sein.

Unser Handwerkszeug dafür? Die Reise zu uns selbst!

Unsere bessere Zukunft beginnt mit der ehrlichen Frage jedes einzelnen: Wie will ich morgen leben, was will ich tun? Erst wer weiß, welches Schaffen ihn mit Sinn erfüllt, kann sich auf den Weg machen und die Mitstreiter finden, die seine Definition von Erfolg teilen.

Susanne Gold

Gründerin & Herausgeberin des Zukunfts- und Wissenschaftsblogs Utopiensammlerin

Futuristin, Utopistin, Erfinderin und Sozialwissenschaftlerin. Sucht Utopien und sammelt Geschichten. Versteht Digitalisierung als Aufbruch in eine neue Welt – und träumt von einer besseren.

6 Gedanken zu „„Great again“? Nein, danke!

  1. kat63str sagt:

    Seit mehr als 40 Jahren sind zwei Raumsonden im All unterwegs, die Voyager 1 und die Voyager 2. An Bord haben sie Botschaften der Menschheit an außerirdisches Leben außerhalb unseres Sonnensystems. In verschiedenen Sprachen werden Grüße übersandt. Es wird dargestellt, wie der Mensch aussieht (Mann und Frau, von Diversen war noch nicht die Rede, sorry) und Musik der Menschheit wird auf einer Schallplatte gespeichert, um den „Aliens“ zu erklären, was die Erde und das Leben auf ihr bedeuten. Oder bedeutet haben. Wir sind im Prinzip gerade dabei, unser letztes Archiv, die letzte Kunde von uns ins All zu schicken. So wie die Bibliothek von Alexandria verloren ging, so wie ganze Staaten und Kulturen ausgelöscht wurden, kann es uns auch ergehen, wenn wir nicht inne halten und begreifen, dass unsere natürlichen Ressourcen sich erschöpfen, dass Wachstum nicht mehr Ziel unseres Wirtschaftssystems sein kann und dass wir uns auf einen radikalen Klimawandel einstellen müssen, der vielen Menschen Land und Heimat nehmen wird. Andere Staaten und Kontinente werden zu Solidarität und Humanität gegenüber großen Flüchtlingsströmen verpflichtet sein. Sollten sich Kräfte durchsetzen, die mit Macht an den alten Zuständen festhalten wollen, ist das Schicksal der Menschheit besiegelt. Wir werden uns in Kriegen um Trinkwasser, Boden und Nahrung gegenseitig auslöschen. Aber Voyager 1 und 2 erreichen vielleicht einmal Planeten mit vernunftbegabten Wesen und erzählen aus unserer Geschichte.

    • Susanne Gold sagt:

      Ich hoffe, wir werden vorher alle Umdenken …. Dankeschön für diesen Gänsehaut Kommentar!

  2. renatesell sagt:

    Wunderbar ehrlich geschrieben! Wir sollten DANKBAR sein, in dieser spannenden, sich endlich verändernden Welt, hin zum Miteinander und VERSTEHEN, mitmachen zu dürfen. Alles Liebe Renate

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