Geld und Glück: Kein Traumpaar?

Weltreise, eigene Werkstatt, Traumhaus, Engagement für ein Projekt, ohne damit seinen Lebensunterhalt bestreiten zu müssen oder anderen Menschen helfen: Die Träume der Menschen vom Glück sind so vielfältig wie sie selbst.

Kann man beim Glücksspiel Glück gewinnen?

Was würden Sie tun, wenn Sie im Lotto gewinnen? Sich etwas Schönes gönnen, den Gewinn teilen oder für einen guten Zweck spenden? So mancher Durchschnittsverdiener reist in das Land der ganz großen Tagträume, wenn er seinen Lottoschein ausfüllt.

Geld bringt Glück – das denken viele. Mit dieser Annahme verdienen die Lotterien schließlich ihr Geld. Wer würde überhaupt spielen, erhoffe er sich nicht das große Glück durch einen Geldsegen? Obgleich die Gewinnchancen mit etwa 1 zu 140 Millionen quasi aussichtslos sind, träumen die Menschen vom großen Glück: 7,3 Millionen Bundesbürger spielen regelmäßig Lotto. Doch – ist der Traum möglicherweise besser, als die Realität? Wird man überhaupt glücklicher, wenn man reich wird?

Ed Diener gilt als führender Forscher auf dem Feld des subjektiven Wohlbefindens. Er hat den Zusammenhang zwischen Einkommen und Glück untersucht und widerlegt die Fantasien vom Glück durch das große Geld. Der leitende Forscher des Gallup-Instituts fand heraus, dass die reichsten Amerikaner, die immerhin ein Vielfaches ihrer Angestellten besitzen, nur wenig glücklicher als diese sind. Warum?

Arm aber sexy?

Niemand, der großen Hunger spürt, würde seinen geizigen Nachbarn als „geil“, noch seinen knurrenden Magen mit „sexy“ etikettieren. Werbeslogans wie diese dürfen getrost als offensichtlicher Indikator für die satte Ignoranz der Wohlstandgesellschaften begriffen werden.

In dem Land Tschad lebt laut dem aktuellen World Happiness Report 2019 des Gallup Instituts das unglücklichste Volk der Welt – gefolgt von Niger, Sierra Leone, Irak, Iran, Benin, Liberia, Guinea, palästinensische Gebiete und Kongo.

Die Menschen dort werden von großen Sorgen geplagt: Die Wirtschaft ihres Landes befindet sich seit dem Rückgang der Ölpreise im Jahr 2014 in einer tiefen Rezession, der Lebensstandard sinkt weiter und fast 6 Millionen ihrer 15 Millionen Bürger leben in extremer Armut. In der Studie spiegeln sich Gewalt, Vertreibung und der „Zusammenbruch der Grundversorgung wieder, die Tausende von Familien betroffen haben“, schrieb Gallup. Etwa 72% der Menschen im Land gaben an, dass sie Schwierigkeiten hatten, sich irgendwann im Laufe des Jahres Nahrungsmittel zu leisten. Auch konnten die Tschader den größten Teil des Jahres 2018 nicht auf das Internet zugreifen, nachdem die Regierung es geschlossen hatte.

Paradoxes Geld

In der Glücksforschung spricht man vom „Glücks-Paradoxon“. Das sagt aus, dass zwar Wohlstand, nicht aber Reichtum ein Glücksbote ist. Stavors Drakopoulos untersucht das Verhältnis zwischen der Höhe des Einkommens und dem Glücksniveau der Menschen.

Die Resultate seiner internationalen Studien bestätigen, dass die Einkommenshöhe Einfluss auf das Glücksempfinden hat – aber nur so lange, bis das Geld ausreicht, sich ein Leben ohne Not zu leisten. Wer bereits im Wohlstand lebt und noch mehr Geld bekommt, erhält damit nicht gleichzeitig mehr Lebensfreude. Es scheint, als gäbe es einen Punkt der „monetären Sättigung“, an welchem mehr Geld keine neue Freude bringt. Aber wieviel Geld braucht ein Mensch, um glücklich zu sein?

Arm, traurig, wütend und besorgt?

Professor Habib Tiliouine von der Universität Oran in Algerien fand in seinen Studien etwas Erstaunliches heraus.

Lebenszufriedenheit und subjektives Glücksempfinden sind in Algerien insgesamt niedriger als in hoch entwickelten Ländern. Aber – die Unzufriedenheit lässt sich nicht ausschließlich durch einen niedrigen Lebensstandard erklären. Tiliouine sammelte Daten aus verschiedenen Teilen des Landes und stellte fest, dass die ärmeren Menschen der Provinz Adar – welche tief in der Sahara liegt – unerwarteterweise glücklicher waren als ihre Mitbürger in den höher entwickelten, modernen und reicheren Gegenden – wie beispielsweise in der Provinz Oran, im Norden des Landes.

Sicherheit und Grundversorgung sind ohne Zweifel ein Garant für Glück. Wer nun aber daraus folgert, dass unter den reichsten Menschen der Welt auch die glücklichsten zu finden sind, irrt sich.

Der Forscher Christian Kellner von der britischen Universität Southampton fand in einer experimentellen Studie mit mehr als 1300 Probanden heraus, dass Geldsegen sogar geizig macht. Heißt das, dass ärmere Menschen großzügiger und deshalb ärmere Gesellschaften auch glücklicher sind? Ist dort das große Glück zu finden, wo kein großer Besitz bewahrt, möglicherweise gemehrt, aber auf jeden Fall bewacht werden will?

Die Sorge nistet gleich im tiefen Herzen,
Dort wirket sie geheime Schmerzen,
Unruhig wiegt sie sich und störet Luft und Ruh;
Sie deckt sich stets mit neuen Masken zu,
Sie mag als Haus und Hof, als Weib und Kind erscheinen,
Als Feuer, Wasser, Dolch und Gift;
Du bebst vor allem, was nicht trifft,
Und was du nie verlierst, das mußt du stets beweinen.

(Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Eine Tragödie – Kapitel 4 )

In einer immer kleiner werdenden Welt haben die Entwicklungsländer selten eine andere Wahl, als sich der Moderne zu stellen und anzupassen. Aber – beschert die Moderne den Menschen auch ein besseres Leben?

Das Glück der Welt

Die Gallup-Studie bestätigt Tiliouines Ergebnisse global:  In den rund 150.000 Interviews gaben mehr als ein Drittel an, gestresst zu sein. Gefühle, wie Sorgen und Trauer nahmen ebenfalls weltweit zu. Rund 39 Prozent der Befragten gaben an, besorgt, traurig oder wütend zu sein. Drei von zehn Interviewpartnern litten sogar unter körperlichen Schmerzen. Nicht einmal die Hälfte sagte aus, etwas Interessantes gelernt oder getan zu haben.

Paraguay führt die Liste der Länder mit den persönlichen positiven Erfahrungen an, die in den Interviews abgefragt wurden. Gefolgt von der Konkurrenz aus Panama, Guatemala, Mexiko, El Salvador und Honduras. Wie das? Trotz der hohen Armut und der Gewalt in diesen Nationen? In der Studie scheint sich die „kulturelle Tendenz dieser Regionen widerzuspiegeln, sich auf die positiven Aspekte des Lebens zu konzentrieren“, so der Bericht. Das lässt vermuten, dass der Blick auf die Welt und der bloße Wille, Glück zu empfinden, ein wesentlicher Faktor in Sachen Lebenszufriedenheit sind.

Das bestätigen auch Untersuchungen aus Finnland: Im Länder-Ranking, in welchem auch Faktoren, wie Bruttoinlandsprodukt, Lebenserwartung, Regierungssystem und Wirtschaft berücksichtig werden, führt dieses als glücklichstes Land der Welt – bereits zum zweiten Mal.

Was macht die Finnen so glücklich? Die Sozialpsychologin Jennifer De Paola von der Universität in Helsinki hat untersucht, welche Themen die Finnen mit dem Begriff Glück in den  sozialen Medien verbinden. Sie kam zu dem Ergebnis, dass vor allem Bilder mit Freunden und Familie, aber auch Haustiere sowie Eindrücke aus der Freizeit in den sozialen Medien unter dem Hashtag Glück gepostet werden. Offensichtich spielt die innere Haltung, neben der existenziellen Grundversorgung, eine elementare Rolle auf der Suche nach einem glücklichen Leben.

Nicht gemeinsam auf Welttournee: Geld und Glück

Reichtum ist ungleich auf der Welt verteilt. Ebenso, wie das empfundene Glück. Die Ergebnisse der Gallup- Studie weisen auf ein zunehmendes globales Ungleichgewicht in den Emotionen der Menschen hin. – Menschliche Freude ist so ungerecht verteilt, wie die Schätze der Welt: Sowohl im nationalen als auch internationalen Vergleich.

Zwar sind erwartungsgemäß Menschen, deren monetären Mittel nicht ausreichen, um sich Grundbedürfnisse wie Nahrung, Unterkunft und Sicherheit zu erfüllen, unglücklich. Diesen Menschen bringt mehr Einkommen tatsächlich mehr emotionales Wohlbefinden.

Sobald aber die existenziellen Bedürfnisse gestillt sind – was für die meisten Menschen in den Industrienationen der Fall ist – werden andere Gesichtspunkte relevant.

Es scheint, als würde sich großer Reichtum gegen seine Besitzer wenden: Mehr Eigentum bringt ihnen nicht mehr Glück. Sobald wir versorgt und sicher leben, geht es plötzlich um andere Werte: Um das Verhältnis von Freiheit und Verbundenheit, Lebensqualität, Vertrauen und persönliche Beziehungen.

Wie Paradox das Verhältnis von Geld und Glück ist, spiegelt sich darin, dass in den wohlhabendsten und sichersten Ländern nicht die Menschen mit den glücklichsten Erfahrungen der Welt leben. Gerade dort ist es weitverbreitete Meinung, dass das Leben immer schwieriger werde und es mit der Umwelt, Wirtschaft und der Demokratie nur noch bergab ginge.

Laut der Gallup-Studie ist in den Ländern der westlichen Welt insgesamt ein deutlicher Abwärtstrend im Glücksempfinden zu verzeichnen. In West-Europa beispielsweise sind laut Umfrage gerade mal 11% der Menschen glücklich. Pessimismus dominiert das Denken vieler Menschen der Industrienationen.

Es scheint, als mache sich genau dort, wo objektiv die größten Möglichkeiten zum persönlichen Glück liegen, eine Art Ohnmachtsgefühl breit. Dabei ist es in diesen Ländern wahrscheinlicher, an einem zuckerhaltigen Getränk zu sterben, als an einer kriegerischen Auseinandersetzung, wie die „Global Burden of Disease“ Studie der Harvard School of Public Health belegt :

Wenn das nicht paradox ist – was dann?

Susanne Gold

Gründerin & Herausgeberin des Zukunfts- und Wissenschaftsblogs Utopiensammlerin

Futuristin, Utopistin, Erfinderin und Sozialwissenschaftlerin. Sucht Utopien und sammelt Geschichten. Versteht Digitalisierung als Aufbruch in eine neue Welt – und träumt von einer besseren.

2 Gedanken zu „Geld und Glück: Kein Traumpaar?

  1. Steffen Hannemann sagt:

    Glück = Grundversorgung + das tun was ich will – nicht das tun müssen was ich nicht tun möchte.
    Glück = frei zu sein von Abhängigkeiten, Anpassung, Anerkennung.

  2. Silvia sagt:

    Liebe Susanne Gold, warum im westlichen Teil von Europa die Stimmung im Volk unzufreidener ist, ist einfach erklärt: Die Menschen hier wissen, dass sie betrogen werden! … und wollen das nicht einfach so hinnehmen! In den 1970ern waren z.B Politiker oder Unternehmer/Arbeitgeber noch ehrenhafter…da waren die Menschen auch zufriedener! Es sind eigentlich nur eine Handvoll Menschen die westliche Europäer in der Masse absichtlich unglücklich machen… warum? – weiß ich auch nicht…

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