Die Wirkung von Licht – aus der Biologie für die Digitalisierung lernen

Vor 540 Millionen Jahren entstanden urplötzlich explosionsartig zahlreiche neue Arten in den Weltmeeren. Eine spektakuläre Häufung biologischer Neuheiten. Binnen weniger Jahre entwickelten sich neue Lebensformen und Körperformen, Organe und Strategien für Angriff und Verteidigung.

Diese neuen Arten hatten auch neue Feinde. Um nicht gefressen zu werden, mussten sich die einzelnen Ozeanbewohner z. B. durch Panzer oder Täuschungsmanöver tarnen. Oder allgemeiner formuliert, um zu überleben, mussten sie sich möglichst schnell Ihrer Umwelt anpassen.  Dieser „Urknall der Ozeane“ wird „kambirsche Explosion“ genannt. Nur wer sich anpasste, konnte überleben. Evolutionsbiologen wissen nicht sicher, wie es zu dieser erstaunlichen Entwicklung kam.

Der Zoologe Andrew Parker von der University of Oxford geht davon aus, dass diese Entwicklung durch Licht verursacht wurde. Licht durchdrang die zuvor undurchsichtigen und nun seichten Ozeane und begünstigte so zahlreiche biologische Innovationen.

Der Philosoph Daniel C. Dennett und der MIT Professor Deb Roy übertragen diese biologische Entwicklung nun auf die Digitalisierung.

In den Ozeanen sorgte das Licht für eine Vielzahl von Innovationen und Arten. Es veränderte das gesamte biologische Leben. Die gleiche Entwicklung sehen die Wissenschaftler durch die Digitalisierung.

Der Ozean menschlichen Wissens wird durch die digitale Transparenz erhellt.

Ein Urknall freier Informationen- Die beiden Forscher begreifen die Digitalisierung gewissermaßen als einen Urknall der Geschichte menschlicher Information. Der urplötzlich eine Vielfalt menschlichen Wissens und Daten frei gesetzt hat.

So wie das Sonnenlicht dem Leben Sehkraft im zuvor dunklen Wasser verlieh, verleiht die Transparenz der digitalen Informationen dem Menschen Wissen im „Meer“ der Informationen.

Eine neue Dimension von Fortschritt

Fortschritt in der Technik der Kommunikation ist nicht neu. Ob die Erfindung der Schrift, der Druckerpresse oder des Telefons – diese Innovationen haben bereits in der Vergangenheit für Umbrüche gesorgt. Aber die Auswirkungen der Digitaltechnik stellen heute schon diese Umbrüche in den Schatten.

Warum? Sie verschieben Macht, von den Mächtigen, die sich bisher nur durch Intransparenz etablieren und halten konnten, hin zu bisher Ohnmächtigen, die nun auf einmal auch eine Stimme erhalten.

Verschleierung und Desinformationen waren seit jeher Instrumente der Macht

Ob Regierungen, Kirche, Militär, Universitäten, Banken oder Firmen – sie alle haben ihre Macht oft durch lokal begrenztes Wissen erhalten können. Ohne die digitale Transparenz konnten sie ausschließen und Geheimnisse verwahren. Diese alten Methoden der Machterhaltung funktionieren im Zeitalter der digitalen Transparenz immer weniger. Die alten Schutzschirme zur Außenwelt sind gefallen.

Neue Welt ohne alte Regeln

Die sozialen Medien verschaffen den bisher Ausgeschlossenen mächtige Kommunikationswerkzeuge, mit dem sie auf alte Machtverhältnisse antworten können: YouTube, Twitter, Facebook, Tumblr, Instagram, WhatsApp und SnapChat erzeugen neue Medien – abseits der alten Monologe von TV und  Radio.

Artenvielfalt des Austausches

Neue Arten entstehen im digitalen Ozean der Kommunikation. Kleinste Unternehmen finden auf einmal globale Absatzmärkte, mittels soziale Dienste sprießt an jeder Ecke Konkurrenz zu historischen Unternehmen. Die Geschwindigkeit, in der sich diese digitale Welt verändert, ist atemberaubend und verlangt Unternehmern eine Flexibilität und Anpassungsleistung ab, die nie zuvor erforderlich war.

Wirtschaft, Politik und Gesellschaft

Der leichtere Zugang zu Daten setzt alles auf den Prüfstand. Transparenz, Kontrolle und Selbsterhaltung sind die großen Themen der alten Institutionen in dieser neuen digitalen Welt.

Wähler, Kunden und Bürger können binnen Sekunden auf News oder Statements reagieren, aber  auch Gerüchte und Fakenews durch den digitalen Ozean treiben. Historische Gewohnheiten müssen sich ändern, oder die alten Organisationen gehen unter.

Geheimnisse sind Wettbewerbsvorteil

Eine Erkenntnis der Spieltheorie besagt, dass die Akteure eines Spiels Geheimnisse bewahren müssen.

Dabei ist es gleichgültig, ob das Spielfeld Politik, Wirtschaft oder Finanzen ist. Wer seinen Zustand offen legt, verliert Wissensvorsprung und damit wertvolle Autonomie. Er gerät in Gefahr, manipuliert zu werden. Um einen Wettbewerbsvorsprung zu behalten, schützt man Firmen,  Rezepte, Ideen, Produkte, Expansionspläne und Unternehmensdaten. Schulen und Universitäten müssen ihre Prüfungsaufgaben bis zum Zeitpunkt des Examens unter Verschluss halten. Eine Prüfung ist sonst ad absurdum geführt.

Informationskrieg oder Verbrüderung

Für mich ergeben sich aus diesen beiden Gegensätzen – immer größere Transparenz durch die Digitalisierung gegen berechtigte und unberechtigte Geheimhaltung – zwei mögliche Szenarien.

Ich halte einen erbitterten Kampf um Informationen für denkbar, in dem neue Mechanismen der Tarnung und Abschottung etabliert werden. Oder die Verbrüderung – in der alle Informationen geteilt werden.

Nur eines scheint sicher: Die Menschen werden sich am Ende der Entwicklung in einer neuen Ordnung wiederfinden, mit neuen Erinnerungen, Überzeugungen, Plänen, Werten und Aktionen.

Der Aufbruch in eine neue Welt hat gerade erst begonnen.

 

 

 

 

 

2 Gedanken zu „Die Wirkung von Licht – aus der Biologie für die Digitalisierung lernen

  1. Dieter Hannemann sagt:

    Neue Werte in einer ganz Neuen Gesellschaft, wird das UBI – globale BGE ermöglichen. Wir verbringen heute unsere wertvollste Lebenszeit mit Erwerbsarbeit und spezialisieren uns in eine ganz beschränkte Richtung.
    Klar das Wissen ist heute so groß, das selbst Spezialgebiete wie Physik, Medizin nochmals in Spezialgebiete aufgeteilt und abgegrenzt werden.

    Dadurch werden wir zu Fachidioten.
    Erst wenn wir die Zeit haben und über alles zu informieren, verstehen wir die Zusammenhänge besser und können uns den Ganzen widmen.
    Gut möglich, das erst das Verbinden mit der SuperKI über Gehirnschnittstellen uns zu 1000 oder gar millionenfachen Wissen verhilft, mit dem wir alle Weltprobleme lösen und unser Leben sinnvoll gestalten können.

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