Gewerkschaften: Mit neuen Aufgaben zu steigenden Mitgliederzahlen?

Bist du Mitglied in einem Arbeitnehmer-Verband? Gibt es eine Organisation, die Deine Interessen vertritt? Wahrscheinlich nicht.

Früher waren Gewerkschaften viel wichtiger als heute

Damals, als die Dampfmaschine die Welt revolutionierte, entstanden sie nicht ohne Grund. Die neue Maschine hielt Einzug in Webereien und Spinnereien, in die Kohle-, Eisen- und Stahlproduktion. Zu dieser Zeit nahm auch die erste Eisenbahn ihren Betrieb auf und eröffnet neue Möglichkeiten, Waren zu transportieren. In Deutschland wurde der industrielle Kapitalismus geboren, mit ihm die industrielle Ausbeutung der Arbeitskräfte.

Für Gewerkschaften gab es damals viel zu tun

Arbeiterinnen, Arbeiter und deren Kinder waren den Fabrikherren schutzlos ausgeliefert. Diese Menschen mussten oft bis zu 16 Stunden am Tag arbeiten und hatten trotz der immensen Leistung ein entbehrungsreiches Leben. In städtischen Ballungszentren lebten sie beengt. Aufgrund der schlechten hygienischen Bedingungen waren Tod und Krankheit Dauergäste. Die Belegschaft der Fabriken war chronisch unterernährt. Krankheiten wie Tuberkulose breiteten sich in den Städten rasant aus.

Als der Unmut gegen die Fabrikherren wächst, wird der Ruf nach Reformen immer lauter. So entstehen in den Jahren zwischen 1830 und 1840 zahlreiche Vereine. Doch wer glaubt, die Arbeiter hätten nach einem 16 Stunden Tag noch die Kraft gehabt, aufzubegehren, der irrt.

Vorkämpfer Handwerksgesellen

Diese traten als erste für die Idee einer Vereinigung ein. Denn ihre Existenz war durch den Einsatz der neuen Maschinen bedroht. Ihre Qualifikation wurde entwertet und der Stolz ihres Berufsstandes verletzt. So waren es die Handwerker, die sich zu einer ersten berufsständischen Organisation zusammenschlossen, um für bessere Arbeitsbedingungen und gegen eine Entwertung der Arbeitskraft zu kämpfen. Bis zu den etablierten Gewerkschaften verging aber noch viel Zeit.

Als sich die ersten Gewerkschaften formierten und für den Großteil der arbeitenden Bevölkerung einsetzten, waren diese für die Arbeitnehmer von großer Bedeutung. Viele der rechtlosen Arbeiter traten ihnen bei.

Warum verlieren in der heutigen Zeit Gewerkschaften zunehmend an Bedeutung?

Immer weniger Menschen werden von Gewerkschaften vertreten. Die veränderte Arbeitswelt und die neuen beruflichen Biographien spielen dabei eine maßgebliche Rolle. Noch vor wenigen Jahrzehnten war es üblich, sein ganzes Leben im erlernten Beruf zu arbeiten, oft sogar im selben Betrieb.

Heute müssen Arbeitnehmer flexibel sein

Sie müssen sich immer neuen Arbeitsbedingungen anpassen und häufig den Arbeitsplatz wechseln. Die sich ständig verändernden Anforderungen führen zu einer andauernden Selbstoptimierung der Arbeitnehmer. Häufig verfügen sie über mehrere Ausbildungen und zahlreiche berufliche Lebensabschnitte. Sozialwissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang von der „Pluralisierung von Biographien und Lebensstilen„. Blickt man in die USA, wird diese Entwicklung besonders deutlich. Dort behält ein Arbeitnehmer durchschnittlich nur circa vier Jahre seinen Arbeitsplatz.

Wer häufig seinen Arbeitsplatz wechselt, beteiligt sich seltener an langen Arbeitskämpfen

Kein Wunder also, dass die Gewerkschaften drastisch Mitglieder verlieren. Erschwerend hinzu kommt, dass die Gewerkschaften heute gar nicht alle Arbeitnehmer vertreten können. Aussen vor bleiben nämlich alle, die eine Vertretung zwar bitter nötig hätten, aber in keinem regulären Angestelltenverhältnis stehen. Dazu zählen beispielsweise Zeitarbeit und Freiberufler, die kurzfristig eingesetzt oder bei einer externen Firma angestellt sind.

Neue Aufgaben für Gewerkschaften?

Eine neue Aufgabe für Gewerkschaften könnte sein, sich für das bedingungslose Grundeinkommen einzusetzen. Damit würden Sie nicht nur viele Arbeitnehmer vertreten, sondern zahlreiche Gruppen der arbeitenden Bevölkerung ansprechen.

In Deutschland fehlt für soziale Gerechtigkeit oft Geld

Beispielsweise für die finanzielle Grundsicherung von Familien oder für die Pflege von Angehörigen. Auch für die Ausbildung von jungen Menschen, ohne deren Verschuldung hinzunehmen, bedarf es finanzieller Mittel. Die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens könnte viele „soziale Schieflagen“ in Deutschland lösen.

Auch für die Deutsche Wirtschaft gut

Innovativen Ideen und jungen Unternehmen lieferte das bedingunglose Grundeinkommen die notwendige Rückendeckung und könnte damit die Innovationskraft unseres Landes stärken. Arbeitgeber und Selbstständige würden damit, befreit vom existenziellen Druck, Aufträge finden. Vermutlich wären zahlreiche Unternehmensgründungen zu erwarten, Arbeitslosigkeit kein Stigma und Altersarmut kein Thema mehr.

Modernisierung der Gewerkschaften?

Vor dem Hintergrund der Digitalisierung, Automatisierung und dem Einzug der künstlichen Intelligenz in nahezu alle beruflichen Betätigungsfelder müssen sich Gewerkschaften die Frage stellen, ob sie sich modernisieren sollten. Sie laufen sonst Gefahr, wie ganze Berufszweige, zum Auslaufmodell zu werden.

Einst organisierten sich die Handwerker und halfen schlussendlich den Fabrikarbeitern aus größter Not. Ihrer historischen Aufgabe – dem Einsatz für soziale Gerechtigkeit – können Gewerkschaften heute gerecht werden, wenn sie sich am Arbeitsmarktes unserer Zeit orientieren.

Immerhin sind es sie, die lange Erfahrungen im Kampf um gerechte Verteilung mitbringen. Mit ihrer Modernisierung scheinen steigende Mitgliederzahlen sicher.

Susanne Gold

Gründerin & Herausgeberin des Zukunfts- und Wissenschaftsblogs Utopiensammlerin

Futuristin, Utopistin, Erfinderin und Sozialwissenschaftlerin. Sucht Utopien und sammelt Geschichten. Versteht Digitalisierung als Aufbruch in eine neue Welt – und träumt von einer besseren.

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