Soziale Gerechtigkeit – nur noch ein Gespenst?

Arme werden ärmer, Reiche reicher:

Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung ergab, dass der Gehaltsabstand zwischen Topmanagern und Arbeitnehmern in den 30 Dax-Konzernen weiter auseinanderklafft. Vergleicht man das Durchschnittsgehalt in ihrem Unternehmen verdienten die Vorstandsmitglieder im vergangenen Jahr 71-mal so viel. 2005 hatte dieser Wert noch bei 42 gelegen. Frank Appel, Vorstandschef der Deutschen Post, erreicht mit dem 232-fachen Jahreseinkommen den Spitzenplatz in der aktuellen Rangliste.

Die Zahlen machen vor allem eines deutlich: Der Lohn für Arbeit ist heute weder gerecht, noch anständig. Wie sonst könnte man beispielsweise einem Krankenpfleger erklären, dass er trotz hoher Veranwortung und Intensität seiner Arbeit so viel weniger verdient als ein Vorstand, der auch nicht mehr als 24 Stunden täglich für seine Arbeit verwenden kann?

Irrsinnig dabei ist: Mehr Reichtum macht Reiche weder glücklicher noch bringt es ihnen einen Mehrwert, glaubt man der Studie von Andrew T. Jebb von der Purdue University.

 Wir haben herausgefunden, dass das ideale Einkommen bei 95.000 Dollar für die Lebenszufriedenheit und 60.000 bis 75.000 Dollar für das emotionale Wohlbefinden liegt. Andrew T. Jebb, Psychologe, Purdue University

 

 

Kein Trost für Geringverdiener: Obgleich mehr Geld nicht glücklicher macht – Zu wenig Geld macht es garantiert auch nicht! Denn Geld bedeutet Sicherheit und die gab es einst für Arbeit. Der Soziologe Richard Sennett bezeichnete die Arbeitswelt vor den 1980 Jahren als „stahlhartes Gehäuse”, in denen Anweisungsketten, Dispziplin, Pflichterfüllung und Gehorsam zum Arbeitsalltag gehörten.

 

Die Konsequenz war eine Reduktion individueller Freiheit  – Doch dafür wurden Arbeitnehmer mit gutem Lohn, fairen Arbeitszeiten, Betriebsrenten und Arbeitsplatzsicherheit belohnt.

Alte Sicherheiten wurden erstmals in den 1980 Jahren erschüttert

Mitte der achtziger Jahre gab es in den USA eine Spekulationsblase.  Am 19. Oktober 1987 kam es dann zum Crash: Der Dow-Jones-Index verlor 508 Punkte oder 22,6 Prozent. Das war der höchste Verlust an einem Tag in der Geschichte der amerikanischen Börse. Damals entlud sich das gesamte aufgebaute Krisenpotenzial des finanzmarktgetriebenen Kapitalismus: Devisengeschäfte werden zur reinen Spekulation und nicht zur Absicherung von realwirtschaftlichen Unternehmen gegen deren Wechselkursrisiken getätigt. Nicht das Realkapital, sondern das Finanzkapital dominiert über die Wirtschaft. Spekulationsgeschäfte steigen gegenüber der Produktion viel schneller.

Mit anderen Worten: Es ist viel mehr Geld mit Spekulationen zu verdienen, als mit Arbeit.

Entfesselte Finanzmärkte brachten den Investoren und Anteilseignern immer größeren Einfluss. Bedauerlicherweise scheint ihnen jedes Mittel recht, den Aktienkurs eines Unternehmens hochzutreiben und damit schnelles Geld zu machen. Im Zuge dieses Wandels entfesselten sich auch die Gehälter der Vorstände, die man im Vergleich durchaus als unanständig bezeichnen darf.

Auch Fleißige können durch Arbeit nicht mehr reich werden.

In der Folge der Spekulationen am Aktienmarkt begann für die Aktienunternehmen ein regelrechtes Schaulaufen: Permanente aktionistische Umstrukturierungen, Entlassungen oder die Einstellung billigerer Arbeitskräfte – das alles kommt an, bei den Aktionären und Börsen, denn es führt zu raschen Kursanstiegen.

Dadurch haben sich die Rahmenbedingungen der Arbeit kontinuierlich verändert: Dauerbeschäftigungen nehmen ab, befristete Verträge, Teilzeit- sowie Zeit- und Leiharbeit dagegen zu. Ein Blick auf die Statistik des Arbeitsamtes spricht Bände: Waren es 1985 noch unter 50.000 Menschen, die als Leiharbeiter beschäftigt waren, waren es 2015 bereits über eine Million.

Betont werden muss, dass diese Leiharbeiter doppelt bezahlen: Einmal mit ihren Steuern für eine Arbeitsagentur, die zunehmend unfähig scheint, sichere Arbeitsplätze zu  vermitteln. Ein weiteres mal mit ihrem Lohn an die Zeitarbeitsfirma: Diese kassiert nämlich bei jeder Arbeitsstunde mit, weil  sie den Job vermittelt hat, was eigentlich der Auftrag der „Jobcenter“ sein sollte: Arbeit zu vermitteln!: Arbeitsagenturen werden deshalb bereits spöttisch „Arbeitslosenagenturen“ genannt, die lediglich Arbeitslose verwalten. Sichere Arbeit ist dort immer seltener zu finden. Etablierte Unternehmen melden ihre vakanten Stellen häufig erst gar nicht.

Durchsucht man die Stellenangebote der Arbeitsagenturen, findet man vielfach Angebote dieser Zeitarbeitsfirmen, auch Arbeitnehmerüberlassungen genannt:  Überlassung scheint dabei vor allem für jene Tatsache zu stehen, dass diese ihre Mitarbeiter wieder der Arbeitslosigkeit überlassen, wenn ihnen kein Auftrag mehr vorliegt. Arbeitsplatzsicherheit bieten sie ganz sicher nicht, das widerspricht dem Prinzip ihres Geschäftsmodells. Was bleibt den Leiharbeitern? Unsicherheit und ein karger Rest von ihrem Lohn.

McJob: Sklaverei in Perfektion!

Die Sicherheit und Fürsorge, die Unternehmen ihren Mitarbeitern früher boten, sind heute Arbeitsplatzunsicherheit und ständigem Leistungsdruck gewichen. „McJobs”, so Richard Sennett, sind eine weitere Folge dieser Entwicklung: Statt kontinuierlich und Schritt für Schritt bei einem Arbeitgeber seine beruflichen Fähigkeiten zu verbessern, springen viele heute von einem schlecht bezahlten Job zum nächsten. Das hat auch soziale Folgen: Kollegiale Bindungen und Freundschaften am Arbeitsplatz werden in einer schnelllebigen Arbeitswelt immer seltener.

Es scheint, als würden sich Arbeitsmarkt, Arbeitnehmer und  Arbeitsagenturen dem Diktat des spekulativen Geldflusses beugen. Buchautor und Börsenmakler Dirk Müller ist sich daher sicher:

Wir leben in einer Scheindemokratie, in einer „Plutokratie“

Nur wenige Eliten bestimmen, was in der Welt geschehen wird. Dabei ist die Plutokratie oder Plutarchie heute eine Herrschaftsform, in der das Vermögen die entscheidende Voraussetzung für die Teilhabe an der Macht ist. Es herrscht der Geldadel.

Eine Studie von Martin Gilens und Benjamin Page, die an der renommierten Princeton Universität durchgeführt wurde, bestätigt die These des umstrittenen Dirk Müller.  

Ihre empirische Studie ergab, dass die Interessen der breiten Massen meistens ignoriert werden, die Interessen reicher Eliten hingegen oft in Gesetze gegossen werden. Auch wenn diese Studie in den USA erhoben wurde, dürften vor dem Hintergrund der intensiven Lobbyarbeit in der deutschen Politik wohl ähnliche Ergebnisse erwartet werden.

Es gibt mehr Lobbyisten als Abgeordnete im Bundestag!

Vermutlich werden diese nicht in die Politik gesandt, um die Rechte der breiten Masse zu vertreten: Anders gesagt, die Masse bestimmt nicht mit. 

Diese Bedingungen spiegeln sich im subjektiven Empfinden der Wähler wider. Einer Statista-Umfrage zum geringen politischen Interesse zur Folge gaben 61 Prozent der Befragten an, dass sie gar nicht verstünden, wobei es in der Politik ginge. Über die Hälfte der Befragten geht davon aus, dass sie ohnehin ausgetrickst würden.

Die Statistik beschämt die Masse selbst, nicht den Geldadel!

Das Gespenst ist nicht die schwindende Sicherheit aus der abhängigen Erwerbstätigkeit – es ist das Schweigen und die Politikverdrossenheit der Menschen!

Die Antwort auf diese neuen Verhältnisse kann nicht sein, dasss Bürger ihr demokratisches Recht auf Mitbestimmung zusammen mit der Kaufkraft aus geleisteter Arbeit einfach aufgeben!

Mit der alten schwindenden Ordnung kamen neue Möglichkeiten in die Welt: Nie zuvor konnten sich Menschen in dieser Weise (digital) weltweit verbinden, wie heute. Dort, wo einst abhängige Sicherheit existierte, ist heute Raum für eigenständiges Denken und autonomes Handeln. Zeit wird es, die neuen Mittel auch einzusetzen, sich Rechte zu erstreiten und das Gespenst der sozialen Ungerechtigkeit zu verjagen.

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Susanne Gold

Gründerin & Herausgeberin des Zukunfts- und Wissenschaftsblogs Utopiensammlerin

Futuristin, Utopistin, Erfinderin und Sozialwissenschaftlerin. Sucht Utopien und sammelt Geschichten. Versteht Digitalisierung als Aufbruch in eine neue Welt – und träumt von einer besseren.

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