Interview mit Viney Lugani

VINEY LUGANI IST KLINISCHER PSYCHOLOGE, NEUROLINGUIST, INTERKULTURELLER KOMMUNIKATIONSTRAINER WIE AUCH ARBEITS- UND ORGANISATIONSPSYCHOLOGE. SEINE SCHWERPUNKTE SIND KOMMUNIKATION IN DER GESUNDHEIT UND WIRTSCHAFT.

Viney, hat sich durch die Digitalisierung an der psychischen Gesundheit der Gesellschaft etwas geändert?

Um erst einmal mit einer Angst aufzuräumen: Unser Gehirn ist definitiv einer künstlichen Intelligenz um Lichtjahre voraus. Alleine wegen unserer Emotionen und dadurch, dass wir diese empfinden und mit ihnen umgehen können.  Aber eins ist auch klar: Computer bzw. KI sind schneller im Daten finden und strukturieren, als das menschliche Gehirn. Insbesondere was die Verarbeitung der Datenmengen betrifft.

Und diese Datenmengen, die durch die Digitalisierung entstehen, nehmen einen erheblichen Einfluss auf die Informationsverarbeitung in unserem Gehirn. Ein derartiger Informationsinput, dem wir heute durch das Internet ausgesetzt sind, kann unsere psychische, wie auch physische Gesundheit erheblich negativ beeinflussen. Vor allem, da durch eine derartige Informationsflut Entscheidungen nicht unbedingt besser werden, sondern eher schwieriger. Auch wird es immer problematischer zu unterscheiden, welche Informationen einer objektiv nachvollziehbaren Realität entsprechen und welche vielleicht eher subjektiv interpretiert sind.

Warum ist die Informationsflut unserer Tage ist  eine Herausforderung für den Menschen?

Unser Gehirn verarbeitet nicht nur analytisch Daten, sondern auch emotional. Zuviel Input auf einmal löst in uns ab einem bestimmten Punkt einen sogenannten „emotionalen Overload“ und somit Stress aus.

Das bloße Funktionieren und immense Datenmengen in kurzer Zeit verarbeiten zu müssen erzeugt unglaublichen Stress, welcher unwiederbringlich kumuliert und am Ende zum menschlichen Kollaps führt. Aber ab wann ist zu viel? Ich meine, die  Grenze ist längst überschritten.

Was stresst den modernen Menschen? Wo ist der größte Handlungsbedarf?

Ich meine, der Stress speist sich aus verschiedenen Quellen, wie beispielsweise  Umweltstress, Ernährungsstress; Kommunikationsstress und Informationsstress erzeugt durch die vielen Daten.

Den größten Handlungsbedarf sehe ich in den Schulen und bei den Familien. Es müsste so etwas wie Familienunterricht geben in dem die Familienmitglieder beispielsweise gemeinsam der Umgang mit dem Internet und social media lernen. So kann die ganze Familie einen sensiblen und informierten Umgang mit Fakenews  kennenlernen.

Welche grundsätzlichen Fragen sollte in so einem Familienunterricht besprochen werden?

Es sollte die Abgrenzung erlernt werden – Wo die Gefahren im Internet lauern und wo macht es Spaß, Sinn, Freude und ist überaus informativ und hilfreich zur Informationsbeschaffung.

Die junge Generation ist sehr  medienaffin – siehst Du generative Unterschiede im Umgang mit den neuen Medien?

Ja! Die gute Nachricht ist, dass wir bei der  kommenden neuen Generation Z – Jahrgang 1995-2005 –  jetzt schon aus Selbstschutz einen anderen Umgang mit dem Internet sehen, als bei der Generation Y -1980-1990  – davor.

Du gibst social media Kurse – Wer besucht diese Kurse?

Diese Workshops sind aus einem zwischenmenschlichen Austausch bzw. Bedarf entstanden. Die Zielgruppe sind Einzelhändler, die den Einstieg bisher noch nicht gewagt hatten.

Was hat sich in  der menschlichen Kommunikation verändert?

Die Erreichbarkeit über verschiedene Messenger Systeme in einer 1 zu 1 Kommunikation. Der visuelle Kontakt innerhalb dieser Systeme kommt noch hinzu. Und das über Ländergrenzen und Kontinente hinweg, sei es der Kontakt zu Verwandten oder zu ganz neuen Freunden.

Welches sind die besonderen Herausforderungen der modernen Kommunikation?

Auch hier ist die Gesellschaft noch im Lernprozess, Themen zu filtern und einen Umgang damit zu entwickeln. Nicht immer erreichbar zu sein und gleichzeitig die komfortable Zeitersparnis durch eine schnellere Informationsverarbeitung in Anspruch nehmen zu können, ohne dabei den Halt und Boden unter den Füßen zu verlieren.

Wie erklärst Du Dir Hate Speech im Netz?

Hate Speech gab es auch vorher schon. Jetzt findet es sich auf digitalen Plattformen im Internet wieder. Hier ist es um so gefährlicher, da die Hetzer sich erstmal hinter einer digitalen Maske verstecken können.

Welche Art von Menschen verbergen sich hinter diesen „digitalen Masken“?

Die Entstehung von so etwas liegt in einem Minderwertigkeitsgefühl, erzeugt durch eine unglückliche Sozialisation, geprägt von einem politisch erzeugten System mit verzerrten Werten einer Gesellschaft, dessen humanitären Grundwerte heute mehr als je in Gefahr sind.

Hinter einem hasserfüllten Kommentator verbirgt sich also eigentlich ein durch und durch ängstlicher Mensch?

Ja –  Angst darüber, die noch vorhandene Kontrolle über das eigne Leben zu verlieren. Gesellschaft und Politik müssen momentan sehr Acht geben. Zum Glück hat die Gesellschaft in der Masse wie auch in vielen einzelnen Individuen ein eigenes Gewissen und eine kollektive Erinnerung an menschliche Werte.

Welche Vorteile hat die vernetzte Welt für Dich?

Es entstehen online Friedensbewegungen und andere Demos zur Aufrechterhaltung und Durchsetzung humanistischer Werte. Hass darf erst gar nicht entstehen. Das hatten wir schon öfters in der Geschichte der Menschheit und hat nicht nur jedes Mal böse geendet, sondern auch lange gebraucht gesellschaftlich verarbeitet zu werden.

Wie begegnet man Hass im Netz? Wozu rätst Du?

Wir können den Hass am besten mit Aufklärung und Verständigung beseitigen. Meinen Kursteilnehmern sage ich ganz klar eines dazu: Wenn Ihnen Hate Speech im Netz begegnet, unbedingt melden! Bei Facebook z.B. ist das ganz einfach und auch anonym.

Glaubst Du, dass digitale Abhängigkeit eine  neue Volkskrankheit ist?

Ja und Nein! Eine Abhängigkeit ist es erstmal nicht, da die Entwicklung von Technologien in einer Gesellschaft schon immer eine Veränderung menschlichen Verhaltens gefordert hat. Eine Abhängigkeit oder andere psychische Störungen entstehen nur dann, wenn das Medium, und hier spreche ich konkret vom Internet  -z.B. Emails, Surf- und Spielverhalten – so im Fokus steht, dass es keine andere Formen menschlicher Begegnungen oder auch Interaktionen mehr gibt.

Abhängigkeiten und psychische Störungen hat es auch schon vorher gegeben. Das Internet als Instrument zur Ausführung ist nun hinzugekommen.

Du bist indischer Abstammung, hast in London gelebt bevor Du in Berlin mit drei drei verschiedenen kulturellen Einflüssen  groß geworden bist. Wie schätzt Du die Chancen auf eine friedliche multikulturelle Gesellschaft in Deutschland ein?

Das ist mittlerweile eine eigne Wissenschaft im Psycho-Soziologischen Bereich.

Es ist wichtig, sich um die Hindernisse, wie das „Verstehen lernen“ unterschiedlicher kultureller Werte, zu kümmern. Nur wenn wir das Werteverständnis auf allen Seiten erweitern können, dann wird es wirklich besser. Und das geht nur durch das Kennenlernen der unterschiedlichen Werte der Kulturen, welche aufeinandertreffen. Wir müssen nicht mit allen Werten aller Kulturen verschmelzen. Das würde  die Gesellschaft auch überfordern, was zum Teil bereits heute schon der Fall ist.

Eine Antwort wäre, Räume der Begegnung und des Lernens zu schaffen. Dort könnten Einwanderern die Möglichkeiten gegeben werden, vor allem durch das Lernen der deutschen Sprache unsere Werte kennenzulernen und den Umgang z. B. mit freiem Denken nahe zu bringen.

Worum geht es bei der Integration hauptsächlich?

Hier geht es mir vor allem um Toleranz, z. B. in religiösen Fragen. Indien ist z.B. ein Land wo Säkularität groß geschrieben und gelebt wird. Andere Länder führen Kriege im Namen der Religion. Dabei sind sogenannte religiöse Auseinandersetzungen unterschiedlicher Ausrichtungen  immer durch die Politik instrumentalisiert. Diese Methode und damit Massen zu führen und manipulieren, hat sich weltweit nicht geändert. Und Hate Speech ist eine Methode, die heute dazu mitverwendet wird, um den Mob zur Aufruhr zu bewegen.

Welche Möglichkeiten haben wir für eine friedvolles Miteinander?

Eine friedvolles gegenseitiges Lernen und Leben der Werte und eine Einführung dieser Werte für Einwanderer. Dass sie verstehen, dass sie nur ein Teil dieser Gesellschaft werden können, wenn sie die Werte der Gesellschaft in und mit der sie leben auch miteinander teilen können.

Fördert die Digitalisierung eine mulitkulturelle Gesellschaft?

Das passiert teilweise, dort wo entsprechende Programme entstehen. Wo die Digitalisierung als Instrument zum Transport von transparenten und erlernbaren Informationen weiterhilft. Die Digitalisierung bringt verschiedene Welten und deren Inhalte zusammen. Zum Erlernen und Verstehen ist das perfekt. Es gibt da so einige Trends, deren Konsequenzen noch nicht wirklich überschaubar sind. Deren Nutzen aber gerne schöngeredet wird.

Welche Trends sind das?

Zum einen ist das die „Algorithmisierung“. Jedes digitale Verhalten wird in einen Algorithmus gepackt und verarbeitet. Überwiegend für die Konsumforschung. Doch brauchen wir eigentlich noch mehr Konsum? Haben wir nicht schon genug mit Konsum zu tun? Aus meiner Sicht  haben wir bereits mehr Konsum als wir psychisch verkraften können.

Das Kopfkino, also der Wunsch nach zukünftiger und dabei möglichst rascher Glückserfüllung durch Konsum, beherrscht uns viel mehr, als die Realität im Hier und Jetzt. Und genau das wollen sich die Konsumforscher mit den Algorithmen zu Nutze machen. Doch die Rechnung wird so nicht aufgehen: Das menschliche Gehirn wehrt sich jetzt schon, indem es sich entweder verweigert, oder durchdreht. Manchmal auch beides.

Ein weiter Trend wird sein, dass kommende Generationen sich wieder mehr der Selbstverwirklichung widmen werden wollen. Das Internet ist mittlerweile auch eine riesige Bibliothek geworden, in der jeder etwas für seine Weiterbildung und Selbstverwirklichung finden und nutzen kann.

Wie siehst Du die Zukunft?

Ich bin Visionär – Die Zukunft ist gestaltbar. Im Mikrokosmos zuerst, denn damit bewegt sich der Makrokosmos. Und wenn der sich bewegt, bewegen sich wieder die kleinen Teile des Mikrokosmos.

Den Mikrokosmos beeinflussen – wie meinst Du das?

Zum Beispiels mit diesem Interview. Dies werden andere Menschen lesen.  Ich hoffe,  wie Du ja auch, dass wir dadurch Impulse zum Nachdenken geben können.

 

 

 

 

 

 

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