Die Welt in hundert Jahren: Xyrill

Von Madeleine Blaschke

Hier und Jetzt

Man sieht in ihren großen und traurigen Augen, dass diese einst wach waren und einst vor Ideen und Inspirationen nur so sprühten.

Xyrill pustet eine grüne Feder aus ihrem Gesicht. „Was?“, fragt sie und stochert lustlos in ihren Frühstücksflocken herum. „Du weißt übrigens, dass ich keine Milch vertrage?“, sagt sie und zieht den Mund schief.

„Das ist Mandelmilch, du Genie!“ antworte ich und verstrubbele ihr im Vorbeigehen freundschaftlich den bunten Schopf. „Ich hasse Marzipan!“, entgegnet Xyrill bockig und schiebt den Teller von sich. Ich stehe im Türrahmen und beobachte „mein“ kleines Mädchen, wie sie da vor der Küchentheke sitzt. Zusammengekauert, fast verkrampft.
Ihren Schwanz um die Beine des Barhockers gewickelt und mit allen 12 Zehen ihres rechten Fußes ärgerlich die Haltestange umkrallend – und muss unweigerlich an den Tag denken, an dem ich ihr das erste Mal begegnete.

Xenophobie

Damals herrschte der große Krieg, die Verfolgung „Andersartiger“ , nachdem die Menschheit sie entdeckte. Mit der Entdeckung der Aliens erreichte Xenophobie ein neues Level.  Xyrill floh vor ihren Jägern und diese Flucht führte sie zu mir. Ich habe sie damals versteckt und seit diesem Tag ist sie bei mir.

Unsere erste Begegnung

Plötzlich ein Knall. Ich schrecke auf und drehe mich zur Balkontür. Ein großer Blutfleck klebt an der Scheibe. Ein Blutfleck mit Federn. „Das arme Vögelchen“, denke ich und öffne die Tür.

Vor der Tür liegt ein ganzer Berg toter Vögel. Ohrenbetäubendes Geschrei von überall her: Hilfeschreie, Wutschreie, Fluchtschreie, Verfolgerschreie.

Ein einziger, brennender Schmerz. Es riecht nach Staub und Feuer. Orangeroter Himmel und Geschrei. Als mich eine fette Krähe am Kopf trifft, sacke ich zusammen..
Ich öffne die Augen und kann nicht sehen. Blut und Federn verkleben mir die Sicht.

Ich reibe meine Augen und sehe einen massiv beschuhten Fuß direkt vor meinem Gesicht. Ich schaue hoch und es trifft mich ein kalter Schwall Wasser ins Gesicht. Ich wische Dreck aus meinem Antlitz und blicke in ein grimmiges, forderndes. „WO?“ bellt der Mann, der mich an einem fetten Mastiff erinnert. „Ich weiß es nicht“, stammele ich unsicher.

Dann sehe ich den Stiefel auf mein Gesicht zukommen und – es wird wieder dunkel… „Sie schläft. Pssst. Stört sie nicht!“ – „Nein, nicht anfassen, wer weiß ob sie Krankheiten hat!“ –

„Sie kommen. Sie kommen!“

Ich wache auf, weil ich friere. Ich bin fast nackt. Jemand muss meine Kleidung gestohlen haben, denke ich. Vor mir sitzt ein etwa ein Meter großes grüngelbes Plüschtier mit großen wachen und lila Augen. Es legt den Kopf schief.

Ich schaue mich um. Niemand sonst ist da. „Hast Du? Hast Du dich gerade bewegt?“ bringe ich hervor. „Achja schau an, es kann denken!“ sagt das Plüschtier, aber ich sehe nicht, dass sich irgendetwas in seinem Gesicht regt.

Ich richte mich auf. „Du bist einer von diesen schrägen Träumen…“, sage ich vor mich hin und reibe meine Schläfe. Meine Nase schmerzt höllisch. Ich versuche, sie zu berühren. „Nicht anfassen! Die ist gebrochen, du Genie!“ sagt das Plüschtier.

„Was…“ – „Bist du“?

unterbricht mich das Plüschtier, bevor ich anfangen konnte. „Ich habe keine Lust mehr auf diese bescheuerte Frage! Warum fragt mich niemand WER ich bin? Warum denken alle, ich bin ein Freak? Ich will kein Freak sein. Ich will einfach nur ICH sein“, sagt es und jetzt sehe ich, dass es den Mund trotzig verzieht und jetzt spüre ich, dass ich auch nicht reden muss.

Es kann meine Gedanken spüren und ich seine. Bevor mir auffällt, dass das gruselig ist, ist unser Gespräch schon in vollem Gange. „Du bist weggelaufen, oder?“ „Ja.“ – Eine Träne kullert aus einem dieser unendlich tiefen, traurigen Teiche in ihrem Gesicht und fällt glitzernd zu Boden. Ich weiß inzwischen, dass es eine sie ist – und ich könnte nicht erklären warum – sie sitzt zusammengekauert vor mir. Ihre grünen Federn schimmern ein bisschen an den Stellen, an denen sie nicht dreckverkrustet sind. Ich entdecke verbrannte Löcher in ihrem „Pelz“ und ihre Schulter ist feucht. „Du bist auch verletzt“. „Das sind nur Kratzer“. Sie nimmt selbstbewusst ihren Kopf hoch.

Alternative für die Welt

„Wenn Sie schon nicht lieben können, dann hätten sie Euch wenigstens in Ruhe lassen können“, sage ich und eine gleichermaßen bekannte, als auch neue Trauer überkommt mich. „Ich habe aufgehört mich zu fragen, wer von uns die Aliens sind“, sage ich „Und es ist mir auch egal“… „Wir müssen hier weg“, sagt sie und hält mir ihre Hand hin. „Sie suchen mich.“, sagt sie und fügt traurig hinzu „Und dich jetzt auch….“

Die grüngelbe Hand nimmt meine, zieht mich durch die Balkontür, schließt sie hinter mir und zieht hastig die Vorhänge zu. Sie atmet durch. Geht an einem Bild an der Wand vorbei, das einen streng dreinblickenden Mann zeigt, der eine Armbinde trägt, auf der „AfdW“ steht: „Alternative für die Welt“.

Xyrill klebt ihr Kaugummi auf das Gesicht des Mannes. Ich ziehe scharf die Luft ein und will… da sagt sie: „Komm, wir spielen Trivial Pursuit! Ich gebe!“ Ich lächele „So geht das Spiel nicht“ – und umarme sie. „Wir gewinnen, Xyrill?“ „Wir gewinnen!“

 

 

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