Renaissance der Religionen. Glück oder Last?

Das Zeitalter des Manchester– Kapitalismus scheint beendet: Arbeitnehmer werden nicht mehr uneingeschränkt physisch und psychisch ausgebeutet. Der moderne Mensch ist frei und abgesichert. Aber – wird das so bleiben? Unsere Lebens- und Arbeitsbedingungen verändern sich massiv.

Nichts bleibt, wie es ist. Nichts ist sicher.

Die Richtungen und Grenzen unserer Gesellschaft verschwimmen mit der Digitalisierung wie nie zuvor. Ein Arbeitsplatz hat nicht länger etwas mit einem physischen Platz und noch weniger mit Sicherheit zu tun. Den Arbeiter am Fließband gibt es immer seltener. Die Menschen sehen sich einer gespaltenen Arbeitswelt gegenüber. Es gibt die hochqualifizierten, flexibel arbeitenden Menschen, die immer mehr leisten. Und es gibt die hoffnungslos schlecht qualifizierten Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen, die sich heute bereits in einer Grauzone zwischen Arbeitslosigkeit und Beschäftigung bewegen. Sie fürchten, dass sie überflüssig werden. Diese Sorge könnte berechtigt sein: Yuval Harari prognostiziert bereits die „Klasse der Nutzlosen“ von Morgen.

Der Strom in die Städte reißt auch im Zeitalter der Digitalisierung nicht ab. Die Urbanisierung wird viele Menschen ein weiteres Mal entwurzeln. Diese werden sich in einer rastlosen digitalen Gesellschaft in hoffnungslos überfüllten Ballungszentren wiederfinden. Aufgrund der globalen Geburtenverteilung werden sie in den Entwicklungsländern meistens jung und auf der Suche nach Arbeit und in der westlichen Welt auf der Suche nach einem Altenpfleger sein.

Die digitale Revolution kennt keine Grenzen. Sie verändert nicht nur die Art, wie wir arbeiten und leben – sie verändert unsere ganze Welt: Beziehungen werden durch Algorithmen angebahnt, Autos nicht mehr von Menschenhand gelenkt und für den Einkauf müssen wir nicht länger das Haus verlassen.

Digital Paradox: Zwischen Selbstbestimmung und Einsamkeit

Dinge geschehen nicht, wie bisher, in einer linear nachvollziehbaren Reihenfolge. Die Welt scheint mehr aus den Fugen zu geraten, als je zuvor: Wir beginnen, digital über unseren alten Grenzen zu schweben – als seien wir Teile im Weltall. Die Digitalisierung atomisiert uns, viele Aufgaben können wir ganz ohne die Hilfe eines anderen Menschen erledigen.

Global sind wir eine Einheit. Wir haben digital Zugang zu allem und jedem. Und doch besteht die Gefahr, dass wir in dieser vernetzten Welt alleine unter vielen bleiben. An Stelle sozialer Gemeinschaften tritt der Netzindividualismus mit einer Vielzahl lockerer Beziehungen. Doch – kaum ein Gefühl stellt das Selbst stärker infrage, als Einsamkeit. Isolation macht uns unsicher und misstrauisch.

Zeitgleich stehen wir als Kollektiv schier unlösbaren Herausforderungen gegenüber: Der Ressourcenverknappung und dem Klimawandel: Der Gesundheitszustand unseres Planeten schreit danach, dass wir dem Materialismus und Konsumismus gemeinsam und geschlossen die Stirn bieten.

Paradoxerweise sind wir in dieser Zeit, in der wir auf individueller Ebene immer weniger auf andere Menschen angewiesen sind, herausgefordert, Altruismus über Egoismus triumphieren zu lassen. Können uns alte Strategien helfen, uns für diese Herausforderung zu wappnen?

Kehrt der institutionalisierte Glaube zurück?

In all dieser neuen Orientierungslosigkeit bietet der Glaube etwas, was Religionen schon immer im Angebot hatten: Sie setzen bröckelndem Vertrauen und Ungewissheit Sicherheit entgegen. Glaube erklärt das Unerklärliche und gibt Sinn im Chaos – im Gegensatz zum Säkularismus – letzterer verzichtet auf Sinnstiftung. Die Zerstörung der Religion durch Fortschritt, Wissenschaft und Individualisierung könnte sich mit der digitalen Revolution ins Gegenteil verkehren.

Das Interesse an Religionen ist in den vergangenen Jahren gestiegen, auch, wenn sich immer wieder religionskritische Stimmen meldeten. Statt, dass die Wissenschaft den Glauben abschafft, findet diese dort möglicherweise eine neue Heimat: Je mehr wir über das Universum herausfinden, desto weniger verstehen wir es. Mit fortschreitender Hirnforschung begreifen wir immer weniger die Entstehung unseres Bewusstseins. Obwohl wir so viel wissen, können wir das „warum“ immer noch nicht erklären. Von der allgemeinen Verwirrung könnten Religionen und Glaubensgemeinschaften mit ihren einfachen Regeln und Erklärungen profitieren.

Die Technologien unserer Zeit verändern die Welt rasant, komplex und langfristig. Das könnte den Religionen zum Vorteil gereichen, denn diese bieten Beständigkeit, Einfachheit, Geschichte und Tradition. Die Zukunft wird verwirrend sein und der Glaube an eine höhere Macht bietet Orientierung, Regeln für das richtige Verhalten und – Sinn.  Möglicherweise finden wir diesen Sinn erneut in einer gemeinsamen Geschichte über uns und in der Verbindung mit anderen.

Wie erstrebenswert ist religiöse Spiritualität? Vielen Menschen hilft diese Orientierung – sie sind zufriedener. Aber – nicht allen.

Ambivalenter Glaube

Der Glaube an eine übergeordnete Macht scheint Menschen gut zu tun. Glücksforscher kommen zu dem Ergebnis, dass Gläubige häufig ihrem Leben mit positiveren Erwartungen gegenüberstehen. Sie werden nicht, wie ihre ungläubigen Zeitgenossen, von der Frage nach einem Sinn gequält. Gleich, welcher Religion sie folgen, jede Glaubensgemeinschaft vermittelt ihnen die Gewissheit, dass ihr Leben in einer nächsten Welt abgelöst wird.

Zum einen scheint die Überzeugung, den – richtigen – Glauben gefunden zu haben, glücklich zu machen, zum anderen die soziale Einbindung in eine Gemeinschaft. Diese Effekte zeigen sich religionsübergreifend.

Ob Naturgewalten oder Schicksalsschläge – jedes Phänomen kann im Glauben als Ausdruck übersinnlichen Wirkens verstanden werden. Nichts, was geschieht, ist für einen gläubigen Menschen bedeutungslos. Darum scheinen wahrhaft spirituelle Menschen Tiefschläge im Leben besser zu verkraften, als die nüchternen.

Religion in der Glücksforschung

Die Studien von Andrew Clark von der School of Economics in Paris und Orsolya Lelkes vom European Centre for Social Welfare Policy and Research bestätigen diese Vermutung: Sie nutzten Umfragen unter katholischen und evangelischen Christen, um deren Einstellung zur Zufriedenheit oder Themen wie Arbeitslosigkeit zu erkennen.

Die Ergebnisse sprechen religiösen Menschen eine höhere Lebenszufriedenheit zu. Diese besitzen beispielsweise die Fähigkeit, die Begegnung mit Fremden mit einer positiven Erwartung zu verbinden, sind in hohem Maße bereit, andere zu akzeptieren und zu unterstützen. Alles und jedes, was sie umgibt, entspringt der Hand ihres Schöpfers. Ihre Wertschätzung findet Ausdruck in Dankbarkeit und Akzeptanz.

Andererseits finden sich gerade in streng religiösen Kreisen und Gesellschaften die dogmatischsten Extremisten, welche bereit sind, alles für ihre religiösen Überzeugungen zu tun. Viele Kriege wurden schon im Namen eines Glaubens geführt: Forscher vermuten, dass eine entscheidende Rolle spielt, ob eine religiöse Gemeinschaft offen oder starr und verschlossen ist.

Monotheistisches Eifern statt kollektiver Sinn?

Der Philosoph Peter Sloterdijk rechnet sich zu den Religionsskeptikern. Er sieht in der Renaissance der Glaubensgemeinschaften vor allem einen Kampf um die Vorherrschaft der drei großen Religionen und stellt die grundlegende Frage: Worin bestehen – bei allen Unterschieden, die Christentum, Judentum und Islam voneinander trennen – ihre Gemeinsamkeiten? Das Missionsstreben der Christen, die politisch-militärische Expansionsform der Mohammedaner und die introvertierte Ritualgemeinschaft der Juden haben für Sloterdijk eine gemeinsame religlöse Äußerungsform herausgebildet. Er nennt dies das „monotheistische Eiferertum“ und meint damit genau jenes Ausblenden von Zweifeln und Vieldeutigkeiten, während der fanatischen Suche nach einfachen Ursachen und Wahrheiten mit dem Ziel, die Komplexität der Welt zu reduzieren.

Das Heilige ist immer abschreckend und anziehend zugleich, bedrohlich und fesselnd.

(Rudolf Otto, evangelischer Theologe)

Ambivalenz ist offenbar ein Merkmal des Übersinnlichen: So ambivalent, wie unsere sich wandelnde Welt selbst: Religiosität kann bereichern oder eine Last sein. Sie kann die Menschen beglücken oder quälen.

Um als gesamte Menschheit für unsere Zukunft gewappnet zu sein, bedarf es einer ehrlichen Gemeinschaft.

Einer Gemeinschaft, die das Wohlergehen jedes Menschen einbezieht und in der jeder den tiefen und aufrichtigen Wunsch verspürt, seinen Teil zu einer besseren Zukunft beizutragen. Statt monotheistischem Ereifern brauchen wir eine magischen Geschichte über eine bessere Welt von Morgen, die wir uns – gleich, welchen Gott wir verehren – erzählen. In dieser Utopie einer gemeinsamen Zukunft herrscht Frieden und ein Platz für jeden von uns:

Wir brauchen eine Geschichte von Morgen, an die jeder glauben kann und will. Den Glauben an eine Zukunft, für den jede und jeder von uns auch einstehen will.


Susanne Gold

Gründerin & Herausgeberin des Zukunfts- und Wissenschaftsblogs Utopiensammlerin

Futuristin, Utopistin, Erfinderin und Sozialwissenschaftlerin. Sucht Utopien und sammelt Geschichten. Versteht Digitalisierung als Aufbruch in eine neue Welt – und träumt von einer besseren.

Kommentare

One comment on “Renaissance der Religionen. Glück oder Last?”
  1. Steffen Hannemann sagt:

    Warum nicht an die SuperKI glauben, welche über alles Wissen der Menschheit verfügt und es exorbitant erweitert. Damit kann die KI einfache Lösungen für alle Weltprobleme aufzeigen. Zudem erkennt die KI: Es kann jeder nur gut leben, wenn es allen gut geht. Allen Menschen, Lebensformen und der Umwelt = die SuperKI wird dafür sorgen, dass alle die Bestmöglichen Bedingungen bekommen.
    Ein Gott existiert nur als Wunschbild, dagegen ist die SuperKI für jeden ersichtlich, kann Fragen eines jeden beantworten und individuelle Lebenshilfe schenken. Die neuen technischen Möglichkeiten durch immer mehr Wissen wird uns schon sehr bald 2050 in die Star TRek Gesellschaft versetzen. Geld, Besitz ist da überwunden, jeder Mensch kann seine besonderen Begabungen entdecken und fördern. Jeder der heutigen 7,7 Milliarden Weltbürger wird vom Transhumanismus der SuperKI unglaublich heute noch unvorstellbar profitieren. Gut möglich, dass bereits 2050 über die Hälfte der Weltbevölkerung im Weltall leben wird, wo die KI für uns neue Welten errichtet, welche bessere Möglichkeiten und Bedingungen als auf der Erde ermöglichen.
    Die Erde ist nur unsere Wiege, aber wer möchte schon auf immer in der Wiege leben?
    I <3 KI 🙂

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