Die Stimmen in unserem Kopf und die Sterne am Himmel – ist alles, was wir gelernt haben, falsch?

Messungen belegen, dass nur das, was durch die Filter in unserem Gehirn gelangt, auch in unser Bewusstsein dringt. Nur, wenn jeweils synchron feuernden Nervenzellen auf einen Gegenstand in unserem Blickfeld reagieren, erscheint eine von unserem Gehirn manipulierte, aufbereitete, zurechtinterpretierte Wirklichkeit – in dessen Zentrum wir selbst stehen.

Unsere Seele – Nur ein Konzert elektrischer Impulse?

Wenn wir fühlen, denken und uns erinnern und uns unserer selbst bewusst werden, dann, weil ein Chor in unserem Kopf im gleichen Takt singt. Ein Chor von Zellen, die in unserem Kortex gleichzeitig elektrische Impulse aussenden und unseren Thalamus passieren müssen – bevor unsere Aufmerksamkeit – unser Bewusstsein für eine Sache – entsteht. Unser Ich wird dann geboren, wenn unser Gehirn aus Milliarden von Reizen eine Vorstellung von der Welt und unserer Existenz darin entwirft.

Heißt das nicht gleichermaßen, dass Dinge in der Welt existieren könnten, die wir nicht sehen, weil unser Gehirn unsere Aufmerksamkeit nicht darauf lenkt?  Mit den neuen Erkenntnissen der Hirnforschung wird die alte philosophische Frage, was zuerst da war – Form oder Inhalt, Huhn oder Ei, Welt oder Sinn – wieder aktuell.

Der zerrissene Mensch

Lange wurde der Mensch als ein Wesen aus Körper und Geist begriffen. Diese dualistische Vorstellung wurde wesentlich von dem griechischen Philosophen Platon geprägt, der glaubte, dass in unserem Leib eine körperlose und unsterbliche Seele gefangen sei – ein nicht materielles Wesen, welches nicht den Gesetzen der Physik unterworfen sei- anders, als unser Körper. Dieser Glaube von der Zweiteilung setzte sich bis in die Neuzeit fort. Auch der französische Philosoph René Descartes glaubte, dass der Mensch aus zwei Wesenheiten – einer geistigen und einer körperlichen – bestünde.

Immer mehr Wissenschaftler können heute mit dem dualistischen Weltbild nichts mehr anfangen. Dieses Bild stellt den Geist als etwas magisches – ja, metaphysisches – dar. Diese Annahme passt nicht in eine Weltordnung, in der alles physikalischen Gesetzen unterworfen ist. Deshalb werden in letzter Zeit von einigen Wissenschaftlern immer kühnere Thesen formuliert, mit welchen diese Grenze von Körper und Geist aufgehoben wird.

Alles besitzt eine Seele – Das Ende der Zweiteilung

Diese Idee nennt sich Panpsychismus – aber was bedeutet das? Die Vorstellung ist so radikal, weil sie alle Grenzen der gängigen naturwissenschaftlichen Vorstellungen herausfordert. Kurioserweise ist es gerade die aktuelle Hirnforschung, welche den Vorteil der Auffassung der Beseeltheit aller Materie in bestechender Weise untermauert:  Die Frage, wie Bewusstsein aus nicht bewusster Materie entsteht, müsste nicht mehr gestellt werden – in einem Weltbild, in dem alles Materielle bereits die Eigenschaft in sich birgt, bewusst zu sein. In dieser Ordnung der Welt stellt man sich Materieteilchen als mentale Wesen mit physikalischen Kräften vor. Selbst kleinste Partikel in unserem Hirn haben in diesem Weltbild – zumindest in rudimentärer Form – geistige Eigenschaften. Alles und jedes ist in dieser Theorie von Geist durchdrungen.

Für unser Gehirn würde das bedeuten, dass dort gleichzeitig viele Formen von Bewusstsein existieren, die sich anziehen, um gemeinsam zu feuern und auf diese Weise ein Bild von der Welt mit uns in ihrer Mitte vermitteln. Revolutionär – denn bisher beschrieb die Wissenschaft immer nur die äußere Form von Materie, nicht aber ihre innenwohnende Natur. Die Physik kann beobachten und messen – aber sie kann nicht beschreiben, was Materie in sich ist, warum sie sich messbar verhält.

Das Leben im Leben

Geist, Seele, Bewusstseins, Ich – mit immer neuen Begriffen haben die Philosophen die mysteriösen Bewohner menschlicher Körper zu fassen versucht. Seit Jahrtausenden verwirrt, das ein immaterieller Geist von einem Körper Besitz ergreifen kann. Das warf immer wieder Fragen auf: Wie verhält sich die Welt in uns – das Geflecht aus Gedanken, Gefühlen und Wahrnehmungen – zu der da draußen – aus anderen Menschen, Bäumen, Bergen, Tieren, Meeren und so weiter?

Heute ist die Körper-Seele-Frage zum Terrain der Hirnforscher geworden. Für sie ist die Masse in unseren Köpfen die Materie, in der sie Gefühle, Gedanken und Empfindungen aufstöbern wollen. Die Panpsychisten unter ihnen bekommen dabei Rückendeckung auch von der Physik: Der mathematische Physiker Roger Penrose beispielsweise glaubt, dass die Entstehung unseres das Bewusstseins erst mit Hilfe ganz neuer, noch nicht entdeckter physikalischer Gesetze erklärbar sein wird.

„Jeder Stern, ja – die gesamte Galaxie könnte ein Bewusstsein haben.“


Gregory Matloff, Physiker, New York City College of Technology

Analog zu Matloffs Idee vom Universum existiert auch in unseren Gehirnen die Welt nicht aus unabhängigen Splittern. Alles im Hirn scheint mit allem verknüpft zu sein. Aus dieser Verknüpfung ersteht unser Geist, der unsere Welt gleich einem Kunstwerk in ihrer ganzen Schönheit erkennen kann. Sollten die Panpsychisten Recht behalten, dann bleibt die Frage, wie viele dieser Bewusstseinseinheiten in unseren Köpfen einen höheren und einheitlichen Geist zustande bringen? Wie müssen sich die Nervenzellen verknüpfen, dass daraus unser Bewusstsein entsteht?

Und – wenn wir einen Schritt weiterdenken? Könnten wir Menschen unsererseits wieder Teile eines größeren gemeinsamen Bewusstseins sein?

Herzen im Gleichtakt!

In einem Experiment hat schwedisches Forscherteam belegt, dass beim Chorgesang das Herz aller Sänger schon nach ein paar Takten synchron schlägt. Wenn sie singen, beginnen ihre Herzen im Gleichtakt zu schlagen. Zudem wird es mit der tiefen, regelmäßigen Atmung mal schneller und mal langsamer, wie die Forscher im Fachmagazin „Frontiers in Neuroscience“ berichten.

Feuern auch die Gehirne im Gleichtakt?

Professor Ulman Lindenberger vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung ist Entwicklungspsychologe. Er beschäftigte sich in einem Experiment mit Profi-Gitarristen mit der Frage, ob sich auch die Gehirnaktivität von Musikern beim gemeinsamen Spiel synchronisiert. Dazu spielten diese zusammen eine Melodie, so synchron wie möglich. Die Forscher schauten sich dann mittels Hirnscan an, ob auch die Hirnaktivität eine Übereinstimmung aufweist. Die Auswertung der EEG-Protokolle zeigte, dass dies durchaus möglich sein könnte. Die Studien der Managementprofessorin Sigal Barsade aus dem Jahr 2002 unterstützen diese Vermutung. Sie fand heraus, dass Menschen, während sie gemeinsam einer Rede lauschen, an bestimmten Stellen gleich reagieren. Basarde geht von einer Art emotionale Verbindung zwischen Menschen aus.

Wenn die Zellen in unserem Kortex gleichzeitig elektrische Impulse aussenden und damit unser Bewusstsein erschaffen – was können wohl wir Menschen erschaffen, wenn unsere Herzen im gleichen Takt schlagen und unsere Gehirne im gleiche Takt feuern?

Das alles durchdringende Bewusstsein – Neo Geozentrik

Sogenannte Neo-Geozentriker behaupten, der gesamte Kosmos sei von Bewusstsein durchdrungen – und dieses Bewusstsein sei vielleicht sogar der Funke, der den Urknall ausgelöst hat. Das neo-geozentrisches Denken lauerte bisher immer am Rande der Wissenschaften, doch mit dem Ruf nach einer ganz neuen Wissenschaft, die das Bewusstsein als grundlegend akzeptiert und nicht nur als Nebenprodukt des Gehirns, ändert sich alles:

Von der Art, wie wir das Leuchten der Sterne am nächtlichen Himmel begreifen – ebenso wie die Weise, mit der wir die Stimmen in unserem Kopf verstehen.

Susanne Gold

Gründerin & Herausgeberin des Zukunfts- und Wissenschaftsblogs Utopiensammlerin

Futuristin, Utopistin, Erfinderin und Sozialwissenschaftlerin. Sucht Utopien und sammelt Geschichten. Versteht Digitalisierung als Aufbruch in eine neue Welt – und träumt von einer besseren.

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