Netflixbildung?

Die Digitalisierung ist in der Wissensvermittlung nicht angekommen. An unseren Schulen wird gelehrt, als würden wir immer noch Enzyklopädien als Nachschlagewerke haben

Eine bedauernswerte Tatsache – unsere Schulen und Universitäten sind veraltet. Sie sind analog und eindimensional.

Von modernem Wissensaustausch keine Spur

Die Digitalisierung hat fast alle Berufsgruppen erreicht. Paradoxerweise ist die höhere Bildung weitestgehend davon unberührt.

Im klassischen Schulunterricht vermittelt immer noch ein einzelner Experte sein Fachwissen an die Schüler. Sogenannte „MOOCs“ Massive Open Online Courses konnten sich bisher an unseren Bildungsinstitutionen nicht etablieren.  Erste Versuche damit verliefen enttäuschend. Die Kurse erfüllten die Hoffnungen nicht, die auf sie gesetzt wurden.

Angebote wurden nicht genutzt – Silos in den Köpfen?

Es wurde erwartet, dass mit den „MOOCs“ der Zugang zu Bildungsinstitutionen demokratischer und einfacher würde.  Scheinbar war das Angebot nicht so gestaltet, dass es alle erreichen konnte. Denn es stellte sich heraus, dass es fast ausschließlich von Menschen wahrgenommen wurden, die ohnehin eine Universität besucht hatten oder besuchen.

Auch waren viele Universitäten nicht bereit, Zeugnisse und Zertifikate für Menschen auszustellen, die einen kostenlosen Online-Kurs absolvierten.

Die vielen vernetzten Seiten des Internets haben auch ein neues Denkmodell hervorgebracht – das „Network-Thinking“

Lange Zeit wurde Wissen linear geordnet und strukturiert. Informationen werden in unserem Bildungssystem immer noch von A bis Z organisiert und in Fachgebiete unterteilt. Schulen trennen nach Unterrichtsfächern und Universitäten in Fakultäten.

Doch heute steht uns mit Wikipedia eine neue Art von Informationsquelle online zur Verfügung.  Das Internet repräsentiert dabei nicht nur einen Wechsel von Papier zum Bildschirm.

Die Digitalisierung ändert die Anforderungen an die Wissensvermittlung

Die digitale Revolution verändert nicht nur unseren Zugang zu Informationen, sondern revolutioniert sämtliche Lebens- und Arbeitsprozesse.

Unsere Schulen und Universitäten sind weiter von Klausuren und Noten geprägt. Hierbei bleibt vollkommen unberücksichtigt, dass Wissen nicht durch gute Noten hängen bleibt, sondern durch eigenes Erleben, wie z.B. Mitarbeit an gemeinsamen Projekten.

Die Bildung unseres Landes ist im Hintertreffen. Das Land der Dichter und Denker ist nicht im neuen Zeitalter angekommen. Unser Bildungssystem befindet sich im letzten Jahrhundert. Im Damals, als man Dinge noch im Brockhaus nachschaute und alleine daheim auswendig lernte.

Dabei gehört lineares Denken in fast allen Bereichen unseres Lebens der Vergangenheit an. Paradoxerweise nicht in der Art und Weise, wie wir unsere Kinder ausbilden (lassen).

Wikipedia macht es uns vor

Hier werden die ehemaligen Experten der Fachgebiete von Autoren abgelöst, die sich für das jeweilige Thema begeistern und die Seiten aus Leidenschaft füllen. Dadurch verändert sich nicht nur die Urheberschaft, sondern die gesamte Organisation und Umgang mit Wissen.

Vernetzung statt „Silo-Denken“

Das alte System besteht aus Silos, aus sogenannten „Inseln des Wissens“ – aus Kategorien. Interdisziplinäre Betrachtungen bilden in Ausbildung und Forschung leider immer noch die Ausnahme. Aber die neue Organisation von Wissen ist frei! Silos lösen sich in allen Bereichen unseres Lebens auf.

Dies lässt sich am besten beschreiben mit den Wikipedia-Artikeln, die eine unglaublichen Schatz an verbundenem Wissen durch entsprechende Verlinkungen offerieren.

Unsere Bildung braucht digitale Vernetzung – „Network Thinking“

Statt der rigiden Form der Wissensstrukturierung muss ein modernes Bildungssystem wie Wikipedia funktionieren – mit Informationen, die auf einander Bezug nehmen und  verweisen. Unsere bisherige Unterrichtsform lässt wenig Raum für Kreativität, Wissensaustausch und interaktives Arbeiten. So wird kein Schüler auf die heutige Arbeitswelt vorbereitet! Nicht einmal e-books haben den Unterricht erreicht. Noch immer schleppen Schüler Berge von Büchern in ihren Ranzen durch die Gegend.

Wie wird man auf die Arbeitswelt 4.0 vorbereitet?

Vor allem durch ein Umdenken von Konkurrenz zu Miteinander! Noten fördern ein Gegeneinander, nicht die Gemeinschaft. Die digitalisierte Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts ist aber auf das Teilen von Wissen angelegt, auf Gemeinschaft.

Einzelgänger sind ein Auslaufmodell. Durch das Konkurrenzsystem an den Schulen und die Notenvergabe werden Schüler und Studenten  nicht auf die Anforderungen der Arbeit 4.0 vorbereitet. Sie werden auf ein veraltetes Modell der Arbeit vorbereitet.  Auch Lehrer und Professoren müssen umdenken – Unser Bildungsystem verlangt nach Wandel und Aufbrechen von alten Silos.

 Szenarien zur Zukunft der (Weiter)Bildung

Die Fraunhofer Academy hat im vergangenen Jahr einige Szenarien zur Weiterbildung 2026 vorgestellt, die im Rahmen eines Foresight-Projekts entwickelt wurden.

Ganz im Sinne des Abbruchs von Silos und alten Kategorien sollen diese weder als Prognosen noch isoliert betrachtet werden. Sie sollen die Diskussion über die Zukunft der Bildung anregen und zu eigenen Ideen und Vernetzung inspirieren. Sie sollen selbst Anregung zum „Network Thinking“ sein.

Ein Szenario dieser Serie ist beispielsweise das“Weiterbildungs-Netflix“, bei dem auf Lernplattformen Inhalte zum Abruf bereit gehalten werden.  Die Idee gefällt mir sehr gut, weil man damit eine breite Masse von Menschen abholen kann – nicht nur die, die ohnehin schon an den Universitäten sind.

Ich wäre froh gewesen, hätte ich das Internet zum Suchen von Inhalten während meines Studiums gehabt. Wie viele Bücher ich von der Bibliothek nach Hause getragen habe – um dort festzustellen, dass sie nicht die Inhalte transportieren, nach denen ich suchte!

Schulen und Universitäten, die mit flachen Hierarchien auf Gemeinschaft, Vernetzung und Wissensaustausch setzen?

Einst Utopie, die – mit etwas Engagement  und „Network Thinking“ –  heute wahr werden kann.  Schön!

 

 

 

 

 

 

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