Kritiklos unmöglich – Offenheit

Utopisten träumen von einer offenen Gesellschaft

Was ist das – Offenheit?

Wir fordern Offenheit für viele Bereiche unseres Lebens: Unter Partnern, Freunden, für Unternehmensstrukturen und als Vermittler zwischen Kulturen und Völkern.

In den Sozialwissenschaften wird schon lange mit dem „explorativen Forschungsansatz“ – den sogennanten „Erkundungsstudien“ gearbeitet. Hierbei soll der Forscher unvoreingenommen auf seinen Forschungsgegenstand zugehen – Einfacher gesagt, als getan. Denn welcher Wissenschaftler ist frei von Vorurteilen?

Welcher Sozialwissenschaftler könnte beispielsweise eine unvoreingenommene Befragung im Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses durchführen?

Das Prinzip der „Offenheit“ wurde durch die Digitalisierung vorangetrieben

Die umwälzendste Öffnung erlebten wir vermutlich mit den sozialen Medien. Was immer privat war – ist nun öffentlich: Heute werden persönliche Gedanken, Filme, Aufnahmen und Bilder mit einer großen Zahl – und mitunter fremden – Personen geteilt.

Auch in der Forschung sorgte die Digitalisierung für Öffnung – mit dem Konzept von Open Innovation – also einem Forschungsprojekt, welches die Beteiligung von vielen Forschern in aller Welt ausdrücklich wünscht.

Viele Start-ups arbeiten in offener Arbeitsumgebung, in sogenannten Co-Working Flächen – und auch Teams und Büroflächen großer Konzerne beugen sich bereits dem Trend der Öffnung. Mit dem Begriff „Offenheit“ schwingt immer auch ein Hauch von „Heilmittel“ mit.

Offenheit ist komplex

Doch Offenheit ist nicht zu jedem Zeitpunkt die Lösung für jedes beliebige Problem.

Man kann Offenheit nicht wie eine Schablone über ein Thema legen und es als „gelöst“ etikettieren. Öffnung bringt neue Fragen und oft auch Konflikte mit sich.

Besonders gut darstellen lässt sich dies in der Beziehung zweier Menschen. Denn hier ist große Offenheit – also Ehrlichkeit – nicht zwingend ein Friedensstifter.

Wenn ein Partner dem anderen schonungslos die Wahrheit sagt, dann ist es manchmal der Anfang eines Konfliktes. Man stelle sich Sätze wie: „Du bist nicht mehr so schlank wie früher. Du bist alt geworden“ vor.

Im schlimmsten Fall bedeutet Offenheit Kränkung, im besten Fall erfolgt die Klärung von Prioritäten.

Offenheit kann verletzen und verletzbar machen

Jeder, der sich öffnet, macht sich angreifbar. Um den möglichen Schaden gering zu halten, wägt man also im Vorfeld die Risiken ab. Verletzt meine Offenheit einen anderen Menschen oder werde ich angreifbar?

Eine Risikoabschätzung erinnert zunächst eher an Misstrauen – was dem Prinzip der Öffnung – zumindest auf den ersten Blick – widerspricht.

Befreiendes Misstrauen

Teil der Öffnung ist also Misstrauen, auch wenn es paradox erscheint. Zur Offenheit gehört die eigene Meinung – mehr noch – es erfordert die Bereitschaft, die eigenen Urteile zu prüfen und zu revidieren.

Eine Überprüfung von Urteilen – eigener und anderer Personen – erfordert eine kritische Betrachtung. Ein misstrauischer Blick – nach innen und außen – ist Teil des Prozesses der Öffnung und nicht ihr Gegenteil.

Offenheit ist Risikobereitschaft

Es gibt wohl kaum eine kompliziertere Unternehmung, als seine eigenen Vorurteile auf Richtigkeit prüfen zu wollen. Dafür müssen wir uns von alten Gewohnheiten frei machen. Wir müssen neue Urteile fällen und alte loslassen.

Ein Urteil fällen bedeutet, ein neues gültiges Gesetz zu formulieren. Um das zu ermöglichen, müssen wir uns ständig selbst in Frage stellen.

Der Zeitgeist der Öffnung verlangt uns das beharrliche Hinterfragen unserer selbst, anderer Menschen, Dinge, Gewohnheiten und vieles mehr ab.

Gleichzeitig verlangt derselbe Zeitgeist eine neue Achtsamkeit von uns. Die Schönheit von allem und jedem zu erkennen: Die des Lebens, der Vielfalt, von uns selbst, unserer Umgebung – ja, von allem, was ist.

Gleichzeitiges in Frage stellen und die Schönheit erkennen – das klingt beinahe wie ein Auftrag, der nicht zu erfüllen ist.

Vorurteile schützen uns

Wir brauchen Vorteile. Sie bewahren uns davor, Fehler wieder und wieder zu begehen. Sie strukturieren unsere Welt. Welche wir behalten sollten, gilt es heraus zu finden.

Nicht alle Vorurteile sind so einfach, wie jenes, dass ein Herd heiß ist. So manches Mal müssen wir in Kauf nehmen, dass wir uns erneut – metaphorisch gesprochen – „die Finger verbrennen“.

Mit diesem Risiko muss eine offene Gesellschaft leben. Zumindest dann, wenn Offenheit nicht nur eine Worthülse oder schlichtes Akzeptieren von Fremdem oder deren Idealisierung sein soll.

Die Forderung nach Offenheit definiert das Andere

In dem Moment, in dem wir fordern, uns zu öffnen, ziehen wir bereits die Grenze zwischen Vertrautem und Fremdem. Wir nennen das Andere beim Namen: Fremd – damit benennen wir den Menschen, die Personen, das Ding oder die Sache, der es sich zu öffnen gilt.

Ein achselzuckendes Akzeptieren ist Offenheit nicht, denn sie ist das Gegenteil von Gleichgültigkeit – sie ist die Bereitschaft etwas Neues zu prüfen. Offenheit ist kritische Betrachtung und Anteilnahme im selben Moment. Sie ist das Auffinden von Unterschieden und Gemeinsamkeiten.

Offenheit ist der Anfang, nicht das Ende der gemeinsamen Geschichte

Es ist nicht leicht, eine Kultur der Offenheit zu etablieren, sei es in der Partnerschaft, Unternehmensstrukturen, Politik oder kulturellen Bereichen. Offenheit verlangt uns viel Arbeit ab – vor allem an uns selbst. Sie verlangt, uns unsere Meinung zu bilden – auch dann, wenn sie anderen nicht gefällt.

Die Aussicht auf vielfältige Gemeinschaft

Bei genauerer Betrachtung impliziert Offenheit das Recht, sich nach einer Überprüfung der eigenen Werte für oder gegen etwas zu entscheiden – sich ein neues und passendes Urteil zu bilden. Oder auch – ein altes Urteil aufrecht zu behalten.

Im Idealfall haben wir eine Kultur, in der Ansichten besprochen werden können. Kritik bringt uns ins Gespräch – und ein Gespräch ist in der Regel der Anfang einer Freundschaft.

Freude an anderen Lebensstilen und Ansichten – Spaß daran, sich diese anzusehen und auch in Frage stellen zu dürfen – das ist Offenheit.

Wer Unterschiede diskutiert, kann viel gemeinsames entdecken. Offenheit ist nicht gleichbedeutend mit friedlicher Vielfalt. Sie ist vielmehr ein Werkzeug auf dem Weg dorthin. Wir haben das Werkzeug – Nutzen wir es!

Ein Gedanke zu „Kritiklos unmöglich – Offenheit

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