Interview mit Pavel Romanenko

Pavel Romanenko studierte Jura in Berlin, arbeitete bei der Werbeagentur BBDO und für einen Berliner VC, bevor er 2016 begann, bei dem Startup-Verlag NKF Media zu arbeiten. Dort leitet er heute das Projekt Blockchain Circle.

Blockchain ist in aller Munde – Wer gewinnt den Wettlauf um diese Technologie?

Nach meiner Wahrnehmung reizen heute die Tauschbörsen mit Ihren Milliardengewinnen ziemlich stark klassische Börsen und Banken.

Es gibt bereits dezentrale Gegenentwürfe zu Google Ads, Amazon Web Services, Facebook, Visa und Master Card. Deswegen investieren Unternehmen hinter diesen Produkten auch selber in die Forschung und Entwicklung eigener Blockchain-Projekte.

Doch wenn wir über den Status Quo sprechen, heute sind die größten Gewinner der Blockchain-Revolution bisher leider fast nur die Tauschbörsen für Kryptowährungen und die Produzenten der Mining-Hardware.

Estland ermöglicht seinen Bürgern bereits, Behördengänge digital zu erledigen und bedient sich dabei der Blockchain Technologie, Sierra Leone hat erstmals Wahlen unter Verwendung der Technologie genutzt.

Wir reden in Deutschland immer noch über einen flächendeckenden Netzausbau. Sind wir auf dem Weg in ein e-Entwicklungsland?

Estland, Sierra Leone und Malta erreichen zusammengerechnet knapp ein Siebtel der Population Deutschlands und müssen nicht über 11.000 Gemeinden verwalten.

Es ist naheliegend, dass sie flexiblere Legislative und Exekutive haben, um Sandkästen für innovative Technologien zu entwickeln. Diese Begründung darf aber nicht dazu genutzt werden, Digitalisierung hierzulande ausbremsen. Auch China experimentiert auf vielen Ebenen mit der Blockchain Technologie und kurbelt die Entwicklung dieser Technologie mit Milliardenfonds an.

Für welche Personen ist Blockchain ein Segen, für welche ein Fluch?

Blockchain ist, wie jeder technologische Fortschritt, ein zweischneidiges Schwert. Die Technologie kann dazu genutzt werden, die Datenmonopole großer Internetkonzerne zu zerschlagen. Sie kann direkte Demokratie auf einem nie denkbaren Niveau ermöglichen, mit manipulationssicheren digitalen Stimmrechten. Sie kann aber auch von Unternehmen und Überwachungsstaaten dazu missbraucht werden, unsere digitalen “Abdrücke” in einer unveränderbaren Datenbank zu speichern.

Welche digitalen Abdrücke meinst Du?

Suchanfragen, Surfverhalten, biometrische Daten und Gesundheitsdaten.

Warum wird hier nicht mit dem Erlass von entsprechenden Gesetzen eingeschritten?

Die Technik entwickelt sich viel schneller als die Gesetze, die sie regulieren sollten. Die Pessimisten unter uns würden vielleicht behaupten, dass sie auch die Entwicklung unserer moralischen Werte abhängt.

Was muss passieren, um diese Technik zum Wohle aller zu nutzen?

Damit Blockchain, AI und Robotik für uns alle ein Segen und kein Fluch werden, müssen wir sie mit einem Grundoptimismus begrüßen, aber auch auf allen Ebenen durchdringend diskutieren, mit unseren Familien, Freunden, auf Konferenzen und im Dialog mit der Politik.

Wie mit der Privatsphäre künftig umgegangen werden soll, wird sehr kontrovers diskutiert. Eine Idee ist es, dass jeder, der Daten produziert, an diesen auch verdienen soll. Ist diese Idee mit Blockchain denkbar? Bürger als Produzenten und Händler Ihrer eigenen Daten?

Daten werden überall produziert – in unseren Haushalten, auf der Straße, auf dem Arbeitsplatz. Viele Blockchain-Startups werben damit, dass sie die Konsumenten als Inhaber der Daten stärken wollen.  Gleichzeitig dürfte jedes Unternehmen Interesse an präzisen und möglichst billigen Konsum- und Nutzungsdaten haben. Die Blockchain bietet eine technologische Lösung, um die Datensouveränität der Nutzer zu stärken.

Aber nicht Blockchain als Technologie wird entscheiden, ob wir besser über unsere Daten verfügen, sondern ein schärferes Verständnis der Konsumenten vom Wert dieser Daten.

Also das Bewusstsein über seine „digitale Identität“– wie sieht so eine Identität in der Welt der Blockchain Technologie aus?

Schon heute können unsere Daten auf dem Endgerät unserer Wahl gespeichert werden und in einer sicheren Umgebung geteilt werden. Auf Basis von Blockchain wird eine Verknüpfung zwischen dem Inhaber der Daten und dem Nutzer der Daten ermöglicht – sensible Daten landen weder auf der Blockchain noch auf einem Server von unserem Partner, sie bleiben auf unserem Endgerät. Wir behalten mit der Blockchain-Welt die Hoheit über unsere sensiblen Daten – unsere „digitale Identität“.

Wie würde das die Cyberkriminalität und deren Eindämmung beeinflussen?

Wir haben regelmäßig von den Hacks an großen Unternehmen gehört, bei denen “auf einen Schlag” Daten der Millionen Nutzer von einem Server geklaut wurden. Das kann mit kluger Nutzung der Blockchain der Vergangenheit angehören. Sensible Daten können nicht mehr geklaut werden, da sie lediglich auf dem Endgerät der Nutzer sind.

Was ist Deine Zukunftsprognose? Wann und wie wird sich Blockchain durchsetzen?

Ich denke Blockchain setzt sich heute schon durch, Ihre Anwendungsfälle gehen stark in die Breite, es gibt immer mehr Blockchain-Startups und die werden oft auch ganz gut finanziert. Viele gute Projekte beschäftigen sich heute mit Protokollen und Infrastruktur, die den Weg für die Verbraucheranwendungen ebenen werden.

Kannst Du mir ein paar Beispiele nennen?

Die Anwendungsbeispiele in der Logistik und in Supply Chains entwickeln sich gut, hier wird die Blockchain für Unternehmen viel Geld einsparen und neue Business-Modelle ermöglichen.

In den Bereichen Smart Home und Smart City ist die gegenseitige Befruchtung von Blockchain und IoT Geräten sehr vielversprechend. Blockchain-Lösungen für internationale Finanztransaktionen im b2b Bereich haben gerade viel Aufmerksamkeit. Außerdem wird die Blockchain weiter die Art verändern, wie wir in Unternehmen und andere Assets investieren.

Bitnation möchte digitaler Weltstaat für jeden Menschen der Welt sein und dies mit Blockchain realisieren. Was hälst Du von dieser Idee? Brauchen wir in einer digitalen Welt noch nationale Grenzen? Können wir den Traum von einem gemeinsamen Staat für alle Menschen der Welt realisieren?

Bitnation erforscht das Potential der Blockchain im Bereich Governance. Ohne die Lösung von Bitnation konkret zu bewerten: Das Versprechen der Technologie in diesem Anwendungsfeld ist unglaublich stark. Manipulationssichere Wahlen, funktionierende Register für Grundstücke, effektiver Datenschutz.

Das, was wir heute in Deutschland für unproblematisch erachten, ist in anderen Ecken der Welt ein undenkbarer Luxus. Hier können Technologien wie die Blockchain auch über staatliche Grenzen hinaus die Zustände verbessern.

Für mich, als Utopiensammlerin, klingt das wie wundervolle und verheißungsvolle Musik – aber ist es auch realistisch?

Ja – Das klingt utopisch!  Aber auch eine Weltwährung, die keiner Bank und keinem Staat gehört, klang vor dem 31. Oktober 2008 auch extrem utopisch, oder?

… und gehört definitiv in diesen Blog! Danke für das Interview!

 

 

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