Ein Dorf mit der Leuchtkraft einer Stadt- Utopie oder mögliche Realität?

In den 70er Jahren war es Utopie- die Urbanisierung des Dorfes: Ländliche Idylle und städtische Vorzüge in einem. Alle Vorzüge der Stadt – Arbeit, Unterhaltungsmöglichkeiten und kreativer Flair der Metropole vereint mit heimeliger ländlicher Geborgenheit und Ruhe – grünen Wiesen und friedliche Provinz.

Dahinter verbirgt sich nicht weniger, als die Hoffnung, dort leben zu können, wo Städter heute Erholung suchen.

Ländliche Gegenden mit Bioanbau, Gourmetbauernhöfen, Therapieleistungen, Sport- und Naturerleben stehen bei Städtern als Orte der Erholung hoch im Kurs. Nicht wenige von ihnen können das Tempo in der Stadt nicht mehr halten und träumen vom Bleiben.

Und gerade diese Städter sind der Schlüssel zur Rettung der Vereinsamung ländlichen Gegenden.

Sozialwissenschaftler hofften in den 70er Jahren, dass sich der Gegensatz von Stadt und Land auflösen würde. Aber um ein Dorf zu einem attraktiven Wohnort für Städter zu machen, braucht es mehr als einen Bahn-Anschluss oder Highspeed-Internet. So ist bei der utopischen Hoffnung der Sozialwissenschaftler geblieben.

Die Landflucht hält unvermindert an. Alle ziehen in die Stadt

Weltweit ziehen die Menschen in die Metropolen. Bereits 2005 lebte die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten. 2050 werden es nach aktuellen Schätzungen mehr als zwei Drittel sein.

Laut dem Ökonom Richard Florida kommen Menschen, die etwas planen und vorankommen wollen, in die Stadt. Er nennt diese Menschen die „kreative Klasse“ So elitär und streitbar diese These ist, so ist doch ein wenig Wahrheit darin. Innovationskraft scheint sich vor allem – zusammen mit kreativen Köpfen – in den Städten der Welt zu ballen.

In den ländlichen Gegenden verwaisen die kleinen Orte, fast jeder zieht weg, in die Stadt. Es gibt Überlegungen, die Infrastruktur zurück zu bauen und die Landstriche sich selbst – also wieder der Natur zu überlassen.

Der Trend zur Verstädterung hält ungebrochen an. In den Städten wird studiert, gearbeitet, kreativ geschafft und die großen Innovationen geboren. Bis jetzt.

Jeder Trend löst einen Gegentrend aus. Der Gegentrend der Urbanisierung hat einen Namen. Glokalisten und progressive Provinz! Glokalisten? Progressive Provinz?

Was ist denn das? Man trifft Glokalisten – im Dorf! Glokalisten sind viel gereist, sie kennen die Stadt und bewegen sich sicher in der Welt. Es zieht sie trotzdem auf das Land. Sie denken global wollen aber lokal leben. Doch nicht in einer verschlossenen Einöde.

Sie wollen in einem weltoffenen Dorf leben, einem progressiven Dorf.

Dort wollen sie auch nicht hin, um Fantasien ländlicher Idylle zu verwirklichen, um der Illusion von autonomen Leben als Eremit nachzujagen oder Verbitterungen städtischen Lebens hinter sich zu lassen. Glokalisten fliehen nicht aus der Stadt – Sie kommen an – in ihrem progressiven Zukunftsdorf. Sie wollen ihre Heimat finden und sich niederlassen.

Dafür ziehen von der Stadt um – in ein Dorf oder kleinen Ort. Dort lenken Sie mit ihrem Wissen aus der Welt im günstigen Fall das Schicksal des Landstriches in Richtung erfolgreiche Zukunft. In ihren Koffern führen sie Know-How, Kontakte, kreative Tatkraft und manchmal auch monetäre Mittel mit sich.

Einer solcher Glokalisten ist Götz Paschen aus Niedersachsen. Bevor er 1993 in die Provinz zog, um dort das Magazin „Torfkurier“ zu gründen, lebte der gebürtige Westfale unter anderem in Kopenhagen. Mit seinem Magazin – eine Art „Stadtmagazin nur für das Dorf“ und die Gegend zwischen Hamburg und Bremen – bietet er nicht nur seinen Lesern kulturelle Inhalte, sondern auch Arbeits- und Ausbildungsplätze in seiner Redaktion.

Die Geschäftsideen, die die Glokalisten mitbringen sind so kreativ wie sie selbst. Ihr globales Wissen verbindet sich in einer fruchtbaren Weise mit dem Ort, in dem sie sich niederlassen.

Ein anderes Beispiel kommt aus Griechenland. Als Kräuterladen von Iannis Iannutsos im gebirgigen Hinterland von Kreta. Der Laden schaffte es mehrfach ins Fernsehen, Blogs und U-Tube-Videos, wodurch das verschlafene Örtchen Kouses nun von Städtern aufgesucht wird, die seine Kräuter und Tees konsumieren wollen. Auch, weil er diese nicht nur nach Geschmack mischt, sondern nach traditionellen Rezepten bei Gesundheitsproblemen aller Art als unterstützendes Heilmittel.

Zukunftsdorf statt Einöde – irgendwo in der Welt

Wie kann ein Dorf das schaffen – ein attraktiver Standort zu sein – ein Zukunftsdorf, das mit städtischem Leben konkurrieren kann?

Laut Richard Florida müssen Dörfer dafür nicht Unternehmen anwerben, sondern Menschen. Künstler, Gründer und Akademiker – Menschen die die Welt kennen, aber ankommen wollen: Glokalisten, wie das Zukunftsinstiut von Matthias Horx sie taufte.

Drei Dinge braucht es, um die wirtschaftliche Entwicklung in ländlichen Gegenden zu beflügeln: Technologien, Talente und unternehmerische Kreativität.

Dies tragen Menschen, nicht Unternehmen in eine Region.

Darum lohnt es sich, für den Zuzug von solchen Menschen zu werben. Und nicht, wie es viele Dörfer tun, als Wirtschaftsstandort für Unternehmen. Denn ohne innovative Arbeitnehmer sind Orte für die meisten Unternehmen uninteressant.

Mit Weltoffenheit kreative Köpfe anziehen und die Verödungsgefahr bannen

Intensität, Individualität und Selbstverwirklichung sind die Treiber kreativer Menschen. Bieten ländliche Regionen diese Optionen, werden sie zum Magnet für diese Menschen. Dann ziehen Städter in die Toskana, an den Alpenrand, nach Kreta, Mecklenburg-Vorpommern oder ins Brandenburger Land. Dabei tragen sie ihre kreative Schaffenskraft, Netzwerke und finanziellen Möglichkeiten mit an diesen Ort.

Durch ihren Zuzug wird die Provinz progressiv und bieten Menschen einen erstrebenswerten Raum zum Leben

Fünf Pfeiler für die „progressive Provinz“

Das Zukunftsinstitut hat in einem Report für 2018 Voraussetzungen formuliert, die ein Dorf braucht, um den Sprung in die Zukunft zu schaffen und Glokalisten anzuziehen.

Dazu gehören lokale Visionäre – Menschen, die die Welt kennen und in diesem Dorf ihre Impulse und Ideen umsetzen wollen. Kein Visionär wird sich an einem Ort niederlassen, der feindselig auf alles Fremde schaut.

Deshalb ist die wesentlichen Bedingung – Offenheit!

Ein Zukunftsdorf will voller Freude Heimat für Fremde sein. So ein Dorf ist weltoffen und hat eine Geschichte, die es erzählen kann.

Storytelling ist nicht nur für Unternehmen wichtig – sondern auch für das progressive Zukunftsdorf

Jeder Ort hat eine Geschichte die weiter in die Zukunft reichen soll, ein Handwerk, eine regionale Spezialität oder Bewohner, die schon lange dort leben. Diese Geschichten müssen erzählt werden, um Fremde anzuziehen. Ein progressives Dorf ist eine Marke, macht PR – wie ein Unternehmen. Es erzählt seine Geschichte der Welt, um diese zu sich einzuladen.

Auch moderne Architektur, die neben den idyllischen ländlichen Gebäuden dynamisch wirken kann, erzählt eine Geschichte, die Vergangenheit und Gegenwart verbindet.

Wer jemals in Dörfern war, in denen sich ausschließlich ein Haus gleicher Art an das andere reiht, wird sofort verstehen, wie das gemeint ist: Die Zeit ist stehen geblieben. Faszinierend anzusehen für einen Moment, aber bleiben wollen die meisten nicht.

In Orten mit homogener Architektur herrscht häufig ein Nationalstolz, der Fremde ausschließt. Ein Zukunftsort braucht keinen solchen selbstverliebten Stolz, es braucht Heimatliebe, die selbstbewusst Fremde einlädt, diese Liebe ebenfalls zu empfinden.

Ein progressiver Ort schaut optimistisch in die Zukunft, statt national – selbstverliebt in der Vergangenheit zu hängen.

Es gibt mittlerweile einige Beispiele für Dörfer, die diesen Schritt in die Zukunft mit eigenen Konzepten gemeistert haben, wie das Künstlerdorf Dötlingen oder das Energiedorf Wilpoldsried.

Dörfer und kleine Orte, die Voraussetzung der Weltoffenheit erfüllen, können die Utopie vom Landleben mit der Leuchtraft eine Metropole wahr machen.

Eben, weil sie offen sind, eine attraktive Geschichte haben und es dank Digitalisierung der Welt auch erzählen können!

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