Interview mit Petr Kirpeit

Petr Kirpeit ist das, was man einen „Digital Native“nennt:  Er wurde 1994  geboren. Nachdem er in der Solarbranche arbeitete, ist heute bei AVF- Associaltion for Vertical Farming tätig. Er hat sich nicht weniger vorgenommen, als dazu beizutragen, den Hunger der wachsenden Weltbevölkerung stillen zu können. Zusammen mit seinen Kollegen will er Menschen jenes Wissen vermitteln, welches sie brauchen, um eine moderne Landwirtschaft zu betreiben: Zum Beispiel in einem stillgelegten Gebäude einer Stadt.

Petr, Du arbeitest bei der „Association for Vertical Farming“: Was genau macht Ihr da?

Ich arbeite bei der AVF in der Gruppe Education. Unser Team arbeitet daran, neue Inhalte und Lehrmaterialien in unsere Schulungs-Plattform, die Academy, einzubauen. Zusätzliche unterstütze ich intern beim Aufbau eines Archivs und entwickle ein Tool für Vertical Farming.

Was kann das Tool?

Es soll interessierten Menschen und Startups ermöglichen, eine eigene Vertikale Farm zu planen und Investoren belastbare Aussagen geben. Dieses ist aber noch in einem frühen Zustand.

Welche Lerninhalte bietet die „Vertical Farming Academy “ Menschen, die eine vertikale Farm gründen wollen?

Auf unserer Schulungsseite sind größtenteils Videos und Texte zu verschiedenen Themen, anhand derer sich Interessenten informieren können.

Besucher können alle mögliches über „Vertical Farming“ erfahren und lernen, was sich hinter Begriffen, wie z.B. CEA, Hydroponischer Anbau, Aquaponik und vieles mehr verbirgt.

Welche Menschen besuchen die Seite?

Die meisten Besucher kommen aus den USA und Indien. Deutschland ist auf Platz 5 beim Besucher-Ranking. Durchschnittlich hat die Academy Seite 500 Seitenaufrufe pro Monat zu verzeichnen.

Ihr klärt über „Standardisierungen im Vertical Farming“ auf – Was bedeutet das?

Die Branche gibt es noch nicht lange, eine Entwicklung zeichnet sich erst seit einigen Jahren ab. Dementsprechend sind wir Pioniere und müssen uns erst noch auf bestimmte Normen festlegen. Wir arbeiten daran, einheitliche Standards für die Industrie zu entwickeln. Beispielsweise ein Datenformat, welches zum Austausch zwischen verschiedenen Vertikalen Farmen genutzt werden kann.

Big Data Analysen für Vertikale Farmen: Was kann ich mir darunter vorstellen?

Derzeit werden riesige Datensätze in großen Konzernen gesammelt. Kleine Unternehmen und der Mittelstand profitieren noch nicht davon. Zwar gibt es einige Unternehmen, die Big Data für Vertikale Farmen einsetzen, aber ihre Daten sind anderen nicht zugänglich. Dazu gehören Erhebungen über Umweltparameter wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Licht, Wasser, Nährstoffkonzentration und so weiter: Diese Werte werden von den vertikalen Landwirten benötigt, um mit dem kontrollierten Anbau, genannt „CEA – Controlled Environmental Agriculture“ verbunden zu werden.

Warum sollten mehr Vertikale Farmen etabliert werden?

Pauschal würde ich die Änderung durch den Klimawandel anführen. Eine Vertikale Farm kann regionale Vorteile bringen, Menschen mit Nahrung versorgen und gleichzeitig die Natur schützen.  Durch den langfristig steigenden Meeresspiegel wird die anbaubare Nutzfläche schrumpfen. Meerwasser wird in die Erde eindringen und das Grundwasser erreichen, welches die Pflanzen auf den Feldern benötigen. Ein weiterer Punkt sind Wetterextreme, die zugenommen haben. In Asien haben Taifune große landwirtschaftliche Flächen zerstört. Vertikale Farmen sind eine Lösung, denn hier haben Witterungsverhältnisse weniger Einfluss.

Demzufolge ist eine Vertikale Farm aktiver Umweltschutz?

Der ökologische Fußabdruck der Vertikalen Farmen beziehungsweise der Indoor Farmen ist in der Wasserökologie erheblich besser, als bei den konventionellen Farmen. Bei letzteren verdunstet Wasser einfach wieder in die Atmosphäre. Das schützt Fauna und Artenvielfalt.

Wenn Vertikale Farmen so vorteilhaft für die Umwelt sind, warum gibt es nur so wenige?

Leider gibt es auch Nachteile, denn Vertikale Farmen sind energiehungrig.

Angenommen, ein Landwirt möchte 25 Salatköpfe in seinem Gewächshaus anbauen und verwendet dazu LED Lampen mit insgesamt 500 Watt, zusätzlich zum Sonnenlicht. Diese LED Lampen leuchten in diesem Fall acht Stunden über Nacht. Der Salat kann hier nach etwa 30 Tagen geerntet werden. Jedoch werden in den 30 Tage 120kWh – 4kWh pro Nacht – verbraucht. Bei dem Deutschen Strompreis von 0,29€ pro kWh kostet das im Monat 34,80€. Wenn man das durch die Anzahl der geernteten Salatköpfe teilt, ergibt sich ein Preis von 1,39€ pro Salatkopf.
Das ist vereinfachte Rechnung, aber im Vergleich zum konventionellen Salat im Laden ein Verlust. Im Vergleich zum Bio- Salat jedoch, der etwa 1,79 Euro bis 2,50 Euro kostet, ist diese Art des Anbaus günstiger.

Also ist die Frage, ob man eine Vertikale Farm betreibt, auch eine ethische Frage?

Ja – aber, um den Gedanken der Nachhaltigkeit weiterzudenken, muss man auch wissen, woher der Strom kommt, der genutzt wird. Wenn man 120kWh Strom aus fossilen Energieträgern verwendet, ist die Energiebilanz – pauschal betrachtet – schlechter als beim importierten Bio-Salat aus den Niederlanden.

Das bedeutet, dass der ökologische Mehrwert der Vertikalen Farmen maßgeblich mit ihrer Energiequelle zusammen hängt?

Ja, damit Vertikale Farmen nachhaltig und günstig arbeiten, darf der Strom nur aus regenerativen Energiequellen stammen. Am besten ist es wenn beim Bau einer Vertikalen Farm gleich auch ein Solarfeld Drumherum gebaut wird. Oder man regional an erneuerbare Energien kommt – so wäre es beispielsweise in Norddeutschland logisch, einen Energieanbieter zu wählen, welcher Windstrom anbietet, wohingegen im Süden Deutschlands Wasserkraft die bessere Wahl wäre.

Wie könnte man Vertikale Farmen in Städten mit Energie versorgen?

Generell sind Vertikale Farmen in Städten sehr praktisch, aber sobald man diese als gläsernes Hochhaus in den Himmel baut und jemand ein Hochhaus direkt davor baut, ist die Effizienz der Sonne verloren. Vertikale Farmen müssen konstant beheizt werden, damit diese eine optimale Wachstumstemperatur für die Pflanzen haben. Je nach Pflanzensorte, braucht man mal mehr und mal weniger Wärme. Hier lassen sich aber Lösungen finden, so kann man beispielsweise die Abwärme der Industrie oder Unternehmen nutzen und so Effizienz Kreisläufe schaffen.

Kooperationen mit der Industrie und Vertikalen Farmen wären demzufolge also eine Win-Win-Kooperation?

Ja, in vielen Produktionsabläufen und in der Chemie fällt Wärme an, welche unerwünscht ist. Diese könnte man effizient nutzen. Auch CO2 ist für kommerzielle Vertikale Farmen wichtig. Was für uns Menschen ein Stoff ist, der die Atmosphäre belastet, ist für die Pflanzen ein Wachstumsbooster. So könnte eine Vertikale Farm zum Beispiel mit einem Zementwerk zusammenarbeiten, in welchem bei der Zementproduktion CO2 als unerwünschtes Nebenprodukt freigesetzt wird. Statt es in die Atmosphäre zu entlassen, kann es in die Vertikale Farm umgeleitet werden.

Welche Pflanzen lassen sich in Vertikalen Farmen anbauen?

Derzeit werden vor allem Kräuter  wie Basilikum, Oregano, Thymian,  Minze, Lavendel, Salate, Pilze, Grünkohl, aber auch Erdbeeren, Rettich und Tomaten. Alle Pflanzen, die keinen großen Platzbedarf haben. Tomaten und Erdbeeren sind im kommerziellen Bereich für eine Vertikale Farm bereits weniger geeignet, da diese sehr viel Licht und Wärme benötigen, was am Ende sogar teurer käme als Bio-Produkte. Früchte wie Mangos, Orangen oder Kiwis sind derzeit noch ungeeignet für den Anbau, jedoch gibt es bereits erste Experimente und Farmen wo es getestet wird.

Welche Arten von Farmen gibt es? Wie muss ich mir so ein Vertikale Farm vorstellen? Wie sieht so ein Gebäude aus?

Es gibt verschiedene Typen und keine Standards, daher lässt sich auch nicht sagen, welche Vertikalen Farmen sich in Zukunft durchsetzen werden. Im Grunde ist alles möglich, vom gewöhnlichen Großgewächshaus, welches Nachts die Pflanzen mit Licht versorgt, über Pflanzen, welche in den Etagen hermetisch abgedichteter Hallen ohne Fenster wachsen, bis zu den ungewöhnlichsten Orten. Zum Beispiel in einer verlassenen Tiefgarage wie das „la Caverne“ in Paris, oder aber das „Growing Underground“, welches in einem Bunker aus dem 2. Weltkrieg 33 Meter unter den Straßen von London liegt und lokale Restaurants mit Kräutern und Salaten versorgt. Abschließend kann man sagen, dass es vertikale Farmen in vielen Variationen und Kombinationen gibt. Wer sagt, dass eine Vertikale Farm unbedingt ein Wolkenkratzer am Himmel sein muss und nicht unterirdisch in die Tiefe gehen darf?

Wie siehst Du die Zukunft für die Vertikalen Farmen?

Wir setzen uns mit unserem Unternehmen dafür ein, dass die Menschen ein Umdenken erfahren – denn Vertikale Farmen sind für manche noch ein Hirngespinst, Spielerei oder nicht rentabel.  Hier darf man aber nicht in Jahren denken, sondern in Jahrzehnten. Vertikale Farmen können nur ein Teil des Problems lösen, das die Menschen zu verantworten haben. Nicht alles kann in Vertikalen Farmen angebaut werden. Die Deutschen lieben beispielsweise ihr Brot, das macht sie von Weizen und anderen Getreidearten abhängig, die nicht in Vertikalen Farmen Platz finden. -Außer mittels genetischer Manipulation, damit der Halm kürzer wird und die Ähre mehr Masse hat.

Wie muss in der Ernährung umgedacht werden?

Zum Beispiel wurde in diesem Jahr von der EU der Einsatz von Insekten als Zusatz zur Nahrung genehmigt. Hier sehe ich potenziell einen großen Markt Einschlag – wie damals, als die Kartoffel aus Amerika nach Deutschland kam. Die Kartoffel ist heute nicht mehr wegzudenken. Wenn man die Ergänzung unserer Nahrungsmittel mit Insekten richtig umsetzt, könnten diese Teil unseres Speiseplans werden. Unser Konsum muss sich definitiv verändern, sonst werden unsere kommenden Generationen einen hohen Preis zahlen.

Danke für das Interview!

 

 

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