Fliegen – Utopie und Fluch der Menschen

Der Schwere des Körpers unterworfen, vermag der Mensch wohl keine größere Sehnsucht empfinden, als bei dem Anblick des Zugs von Vögeln am Himmel, die in unerreichbare Fernen aufbrechen. Flugreisen in ferne Länder und Kulturen sind heute ein großer und umkämpfter Markt.

Den Moment größter Motivation und Inspiration bezeichnen wir gerne als „beflügelt“.

Sogar in unseren Träumen findet sich diese urmenschliche Sehnsucht nach Freiheit wieder. Wer hat nicht schon einmal davon geträumt, zu fliegen?

Fliegen steht für Schwerelosigkeit, Leichtigkeit und Freiheit.

Es bedient alle Sehnsüchte, die wir Menschen in unserem Alltag haben. Fliegen überwindet  Schwere, Last und Unfreiheit. Daher ist es kein Wunder, dass die Menschen schon früh versuchten, den Himmel zu erobern und es ihren gefiederten Zeitgenossen gleich zu tun.

Die große Freiheit ist oben!

Der Mensch wollte und will frei sein. Die Sehnsucht der Menschen nach Freiheit ist allgegenwärtig und findet sich in vielen Philosophien und Religionen thematisch wieder. Fliegen symbolisiert Freiheit – die Fähigkeit, abzuheben, sich dem gegenwärtigen Ort zu entziehen und die Welt von oben – als Ganzes zu sehen.

Der Traum vom Fliegen ist raum- und zeitlos.

Die Fantasie, die Schwere zu überwinden und es den Vögeln gleichzutun –  abzuheben ist eine „Urwunsch“ der Menschheit. Schon prähistorische Zeichnungen und antike Mythen zeugen von diesem Wunsch, wie auch zahllose religiöse Legenden.

Wer fliegt, herrscht!

Wer von oben auf die Welt hinab schaut, der überblickt sie. Alles, was dort unten ist, wird ganz klein.  Götter und Herrscher werden deshalb gerne im Himmel verortet.  Aus Ägypten stammen rund 4000 Jahre alte Texte aus den Pyramiden, die Pharaonen als Reiher, Kraniche, Falken oder Gottkönige über den Wolken schweben lassen.  Die älteste bekannte Darstellung eines Fluges stammt von etwa 2300 v. Chr. aus Mesopotamien. In der griechischen Mythologie entkommt Ikarus der Gefangenschaft mit den Flügeln, die sein Vater Dädalus für ihn baute.

Dem Himmel so fern.

Der erste Flugversuch fand schon um 1000 vor Chr. in China statt. Dort wurde ein Drachen aus Bambus und Seide erfunden, der später zur Entfernungsmessung genutzt wurde.  In Europa könnte eine mechanische Taube aus Holz, die der griechische Mathematiker von Tarent gebaut haben soll, das erste Fluggerät gewesen sein und 2500 Jahre nach dem chinesischen Drachenflug versuchte der europäische Erfinder und Konstrukteur Leonardo da Vinci das Geheimnis des Himmels zu entschlüsseln.

Das Renaissancegenie fragte sich: Warum können Vögel sich in die Luft erheben und wir Menschen nicht?

Auf dem Papier entwarf er Gleitflugzeug, Fallschirm, Hubschrauber aus Schilf, Holz und Leinen und überlegte sich verschiedenste Schwingformen.  Für ihn, für den das wichtigste Instrument der Erkenntnis seine Augen waren, war die Luft ein Gegenstand, ein festen Körper.

Die äußeren Begrenzungen eines Gegenstandes sind keinesfalls Teil des Gegenstandes selbst. Am Ende ist jeder Gegenstand bereits der Beginn eines anderen. (Leonardo da Vinci)

Die Faszination des Fliegens trieb ihn zu vielen technischen Utopien. Dabei begriff er den Vogel als ein Gerät, das gemäß natürlichen Gesetzen funktionierte.  So studierte er den Flug des Vogels und untersuchte die Strömungen der Luft. Die Luft verstand er dabei als Gegenstand, der weggedrückt werden muss, um zu fliegen oder dessen Widerstand man nutzen könne.  Er dachte über eine Flugschraube nach, die sich in so hoher Geschwindigkeit dreht, dass sie sich in die Luft hineinbohre und dadurch in die Höhe steigt. Was da Vinci über den Widerstand der Luft schreibt, wird man später als Aerodynamik bezeichnen.  Dennoch ist kein Flugversuch Leonardos dokumentiert, kein Modell von ihm vorhanden. Aber ein halbes Jahrtausend nach der theoretischen Erfindung testete Judy Leden erfolgreich eine von da Vincis Flugkonstruktionen.

Ein neues Zeitalter führt in Himmel und Abgrund zugleich.

Im November 1783 lassen die Gebrüder Montgolfier einen Heißballon mit Passagieren starten und überwinden die Schwere der Menschen. Obwohl dies vor dem Hintergrund der französischen Aufklärung geschah und Wissenschaft als auch Ratio als das Maß aller Dinge galt, beweist die Mischung für das Gas der Gebrüder, wie nahe Fliegen in das Reich der Mystik gehörte. Das Montgolfier-Gas wurde aus feuchtem Stroh, gehackter Schafwolle, alten Schuhen und halb verwesen Tierkadavern erstellt.

Mit den beiden Brüdern Montgolfier hat die Epoche der Luftschiffe begonnen und damit auch der Krieg der Menschen um die damit verbundene Technik. Statt zu kooperieren, wurde um die Vorherrschaft am Himmel gestritten – schon zu Zeiten der Gebrüder Montgolfier selbst. Immer wieder wurde die Technik eingesetzt, um andere Menschen zu übervorteilen, statt sie zum Wohle aller einzusetzen. Nicht nur das – Die Kriege der Menschheit sind sogar zu regelreichten Innovationstreibern geworden. Viele Innovationen sind im Rahmen des Militärs entstanden.

Bereits 1793 wird der Ballon für den Krieg verwendet – als Fesselballon zur Aufklärung der französischen Armee gegen österreichische Invasionstruppen. Nur wenige Jahre danach – 1849 – fallen erste Sprengsätze aus Ballons, die Venedig treffen.  Die Technik wird kontinuierlich weiterentwickelt, bis im Jahr 1900 ein neuartiges besonders stabiles 128 Meter langes Luftschiff, auf die Bühne der Lüfte tritt: Die von Graf Zeppelin entworfene lange mit zwei 15 PS starken Benzinmotoren ausgestattete Textilhülle mit Aluminiumgerippe. Mit ihr wird erstmalig die massentaugliche Luftfahrt eingeläutet. Bis zum Beginn des ersten Weltkriegs werden mit sieben Luftschiffen 34 028 Personen befördert.

Der Kaufmann Étienne Montgolfier war ein Utopist.

Er wollte mit seiner Erfindung den Menschen Nutzen bringen und die Technik für den Handel durch die Luft nutzbar machen. Nachdem das Militär seine Erfindung bereits wenige Jahre später im Krieg einsetze, wandte er sich enttäuscht von weiteren Entwicklungsvorhaben ab. In seinen Augen waren die Menschen nicht reif für diese Technik. Alle aus der Luft geführten Kriege bestätigen seine Annahme.

Die Menschen müssen nicht nur die Grenzen der Technik überwinden, sondern sich selbst.

Sie haben es geschafft, die Menschen – sie können fliegen. In der Zwischenzeit ist viel passiert. Der Mensch ist in das Jet-Zeitalter eingetreten, hat sich sogar auf den Weg in das Nichts – in das All – gemacht und arbeitet an neuen Techniken, um die Ressourcen-Knappheit zu überwinden und das Fliegen auch weiterhin zu ermöglichen. Es gibt Drohnen, SmartBird und elektrobetriebene Flugzeuge. Sogar Flugtaxis für Städte werden diskutiert.

Doch ich frage mich, wann begreifen wir Menschen, das Himmel und Freiheit in jedem von uns selbst verortet ist? Dass wir den Himmel nie erreichen und nicht frei sein werden, wenn wir ihn nicht in uns selbst und mit unseren Zeitgenossen finden?

Wann werden wir verstehen, dass wir erst dann im Himmel und frei sind, wenn wir Technik zum Vorteil und Wohl aller nutzen?

Vor dem Hintergrund des aufkommenden Zeitalters der künstlichen Intelligenz ist diese Frage brennender denn je zuvor, finde ich.

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