Umgang mit Privatsphäre – aus der Geschichte der Kartoffel lernen

Den einen ist sie heilig, den anderen gleich: Die Privatsphäre.

Spätestens seit dem letzten Facebook-Skandal und der neuen Datenschutzverordnung der EU ist sie in aller Munde – unsere Privatsphäre.

Die Welt wird zunehmend transparenter

Wie geht man in einer solchen Welt mit privaten Daten um? Diese Frage steht im digitalen Raum. Während die einen rigide Regelungen ihrer privaten Daten wollen, verlangen die anderen radikale Transparenz. Erstere wollen ihre Daten nicht für kommerzielle Zwecke in den digitalen Weiten wissen, den anderen ist das gleichgültig. Letztere sind vom Sharing Zeitalter ergriffen, in dem alles – eben auch private Daten – geteilt wird, ergriffen.

Zwei Denkschulen

Es haben sich zwei Denkschulen entwickelt: Während die eine auf Regulierung des Umganges mit Daten und deren Durchsetzung zielt, setzt sich die andere für universelle und radikale Transparenz ein. Jeder soll Zugang zu allen Daten und niemand einen Vorteil haben.

Die Denkschule der Regulierung

Regeln werden gebrochen – das ist ein menschliches Gesetz. Wer die Geschichte der Einführung der Kartoffel in Preußen kennt, weiß das. Diese ging als die Legende um den „Kartoffelbefehl“ in die Geschichte unseres Landes ein: Preußen hungerte, aber die Kartoffel war als Nahrungsmittel nicht verbreitet. Erst als Friedrich II.  die Kartoffel als Nahrungsmittel verbat, lenkte er die Aufmerksamkeit auf die Nutzpflanze und konnte so die hungernden Preußen von der Kartoffel als Nahrungsmittel überzeugen. Und zog als Grundnahrungsmittel in unsere Gefilde ein. Als Dank legen noch heute Besucher des Grabes von Friedrich dem Großen Kartoffeln nieder. Ein weiteres, noch deutlicheres, Beispiel für den Regelbruch ist die Prohbition in den USA: Alkohol wurde dennoch getrunken.

Genau so wird es sich mit Regulierungen hinsichtlich der Privatsphäre von Menschen verhalten. Sie werden aller Voraussicht nach gebrochen werden. Periodische Lecks, wie bei der NSA, deuten darauf hin, dass sogar die von Organisationen selbst aufgestellten Regeln nutzlos sein können. Angestellte der NSA nutzen ihre Ausspähmöglichkeiten und brachen die Regeln. Regeln zum Schutz sind also keine erfolgversprechende Lösung. Die Zahl der Kontrolleure dieser Regeln würde niemals ausreichen, den Schutz der Privatsphäre zu sichern.

Die Denkschule der radikalen Transparenz

Auch hier ist das Problem der Mensch, der in der Regel gegen Regeln verstößt. Angenommen, Google würde ab morgen alle Passwörter für ihre gesamten internen Server öffentlich machen. Was würde wohl passieren? Natürlich – ein anderes Unternehmen würde hocherfreut die Datenbestände seiner Konkurrenz unverzüglich aufsaugen, um diese zu analysieren. Die Ergebnisse würden diese bald danach für ein Vermögen verkaufen. Selbst der gutgläubigste Mensch kann nicht glauben, dass eine neue radikale Transparenz plötzlich frei von der alten menschlichen Habgier wäre.

Und was jetzt mit der Privatsphäre machen?

Das haben sich auch die Forscher Jaron Lanier, W. Brian Arthur, und Eric Huang gefragt.

Ihr Vorschlag ist, den Informationen, die man aus unserer Privatsphäre ziehen kann, einen kommerziellen Wert zu geben. So, dass jeder Mensch, der die Nutzung der Daten erlaubt, entsprechend Geld dafür erhält. Huang hat in diesem Zusammenhang analysiert, wie diese die Arbeit der Versicherungsunternehmen beeinflussen würde. Es scheint, als würde Versicherungsgesellschaften in diesem Fall ihr Geschäftsmodell ganz wesentlich umkrempeln. Beispielsweise würden sie plötzlich wieder Versicherungsnehmer aufnehmen, die sie derzeit ausschließen, weil sie von diesen Daten kaufen könnten.

Daten sind das neue Kapital

Der Philosoph Maurizio Ferraris forderte kürzlich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung , die Einführung einer Netzsteuer. Kapital sei nicht länger industrieller oder finanzieller Natur, sondern habe heute einen „dokumedialen Charakter“ – Daten sind das neue Kapital.  Wir alle sind Produzenten unserer Daten und nicht bloßes Produkt für Unternehmen wie Amazon, Apple, Facebook und Google. Darum, so Ferraris, sollten wir – in Anlehnung an Marx – auch als Eigentümer dieser neuartigen Produktionsmittel gelten, die es ohne uns gar nicht geben würde.

Der Wert der Daten, des „dokumedialen Kapitals“

In einer Welt, in der jeder entscheiden kann, ob und in welchem Ausmaß er seine Daten preisgibt und verkauft, könnte auch ihr Wert ausgehandelt werden. Jemand möchte in der Öffentlichkeit ein Foto machen? Kein Problem. Er möchte dieses auch verwenden, beispielsweise für ein Musikmagazin – für einen Bericht über ein Popkonzert? In diesem Fall erhält jede abgelichtete  Person einen geldwerten Anteil, der bereits im Vorfeld definiert wurde. Kulturelle Vielfalt könnte sich auf diese Weise selbst dann durchsetzen, wenn die Welt um uns komplett vernetzt wäre.

Politik und kommerzialisierte Privatsphäre

Wenn Informationen frei sind – wie es die Denkschule der radikalen Transparenz vorsieht – dann kann ein Staat seine Bürger grenzenlos ausspionieren. Die Bürger können dies kaum beschränken. Wenn die privaten Informationen hingegen einen Preis erhalten, dann können Bürger sehr gut bestimmen, wie viel Ausspähen der Bürger sich ein Staat leisten kann.

Die großen Datensätze unserer Zeit konfrontieren uns mit schwierigen Herausforderungen. Sie führen uns in eine Krise. Im Chinesischen setzt sich das Schriftzeichen für Krise aus den Schriftzeichen „Chance“ und „Gefahr“ zusammen.

Die Krise, in die Big Data unsere Gesellschaft führt, birgt viele Gefahren. Aber sie birgt auch nie da gewesene Chancen. Wir sollten uns ehrlich in die Augen schauen und sie nutzen. Unsere Welt kann mit Big Data besser werden. Diese Chance sollten wir nicht verpassen.

 

 

 

 

 

 

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