Schneller als der Suizid – Mit künstlicher Intelligenz Selbstmörder aufhalten?

10.000 Menschen nehmen sich jährlich das Leben in Deutschland

Weltweit sind es sogar mehr als 800.000 Menschen im Jahr. Diese Zahl nennt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in ihrem „Welt-Suizid-Report“.

Alle unfassbaren 40 Sekunden beendet irgendwo auf der Welt ein verzweifelter Mensch sein Leben

In der Statistik nicht enthalten sind die Selbstmordversuche. Es wird geschätzt, dass diese Zahl im Millionenbereich liegt. Männer begehen über alle Altersgruppen hinweg signifikant häufiger Selbstmord als Frauen. Das statistische Durchschnittsalter von Selbstmördern lag 2015 für Frauen bei 58,3 und für Männer bei 57,1 Jahren.

Trauriger Selfie – Trend

Im vergangenen Jahr übergoss sich der 33 jährige Musiker Jared McLemore mit Benzin und zündete sich an. Eine 12 Jährige Amerikanerin erhängte sich im Garten. So unterschiedlich Ihr Alter und Beweggründe gewesen sein mögen, eines hatten sie gemeinsam: Beide übertrugen ihr Ableben live via Facebook.

Ichvermute, dass auch das Sterben digitalisiert wird und das Suizid-Selfie als eine „moderne Variante“ des Abschiedsbriefs Einzug hält.

Der Tod ist groß.
Wir sind die Seinen
lachenden Munds.
Wenn wir uns
mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.

(Rainer Maria Rilke)

Die Ursachen für Selbsttötungen sind vielfältig

Statistiken können lediglich beantworten – wo, wann und von wem ein Suizid begangen wurde. Die Antwort auf das „Warum“ kann keine Statistik liefern. Darum bleiben Angehörige oft verstört und fragend zurück. Kursiert dann noch ein Video des Sterbenden im Internet, mag man sich den Schmerz der Zurückgebliebenen kaum vorstellen. Um so verständlicher, dass nach Mitteln und Wegen gesucht wird, Selbstmorde dort zu verhindern, wo sie sich ankündigen und sogar live gestreamt werden – in den sozialen Medien.

Mit künstlicher Intelligenz schneller sein, als der Suizid

Chatten, Posten, Videos hochladen und Liken – Facebook verfügt über den größten Datenberg, den es über Menschen gibt – 2.1 Milliarden Nutzer gehören dem Netzwerk an. Es liegt nahe, in diesem Berg persönlicher Daten nach dem „Warum“ von Suiziden zu suchen. Hinter den Statistiken der Selbstmorde verbergen sich persönliche Schicksale und Lebensgeschichten, die oft zuvor in den sozialen Medien mitgeteilt werden.

Facebook will mit künstlicher Intelligenz Posts identifizieren, die auf eine Suizidgefährdung des Verfassers schließen lassen.

Ein Algorithmus, der typische Muster auffindet

Als Datengrundlage für die Auswertung sollen alle Inhalte – wie Posts, Kommentare und Videos der Nutzer auf alarmierende Stichworte gescannt werden. Als Beispiele dafür nennt Facebook in seiner Pressemitteilung „Geht es Dir gut?“ oder „Kann ich Dir helfen?“

Sobald die Mustererkennung Alarm schlägt, wird der Post an ein Expertenteam weiter geleitet, die – je nach Prüfung – mit den betreffenden Personen Kontakt aufnehmen. Das Team informiert gegebenenfalls auch Behörden, psychologische Notdienste oder Angehörige.

Als Befürworter des Suizid-Algorithmus kann man mit einer moralischen Verpflichtung argumentieren. Präventive Interventionen als Pflicht, die sich aus der Möglichkeit ergibt, Daten zu interpretieren können, um Leben zu retten. Übertrieben gesprochen – Die Möglichkeit zu haben, sie aber nicht zu nutzen, wäre als unterlassene Hilfeleistung interpretierbar.

Datenschutzaktivisten sind alarmiert

Kritiker argumentieren, dass zum einen nicht nur Unterhaltungen potentieller Selbstmörder gescannt und ausgewertet werden, sondern die aller Nutzer. Zum anderen sei nicht ausreichend transparent, wie die Analyse funktioniert.

Es wird vor den Folgen von Fehlern gewarnt: Dann, wenn die künstliche Intelligenz sich irrt und einem Menschen fälschlicherweise die Absicht zur Selbsttötung unterstellt.

Man stelle sich vor, irgendwo auf der Welt öffnet irgendjemand nichtsahnend eine Haustür und findet davor ein Polizeiaufgebot und psychologischen Dienst. Stigmatisierung für Beteiligte und Betroffene könnten folgen.

Prioritäten und Transparenz

Die moralische Frage, die hinter dem Diskurs steht, lautet meiner Meinung:

Was hat höheren Wert? Die Möglichkeit, Leben zu retten – oder das Recht auf Datenschutz?

Wenn die Mehrheit Einblick in ihre persönlichen Konversationen und Posts zum Schutze einer Minderheit gewährt – hat sie dann nicht das Recht auf Transparenz? Darüber, in welcher Weise und in welcher Häufigkeit sie analysiert wird? Darf ein Unternehmen wie Facebook hier im Verborgenen agieren?

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