Der, der das Rad neu erfunden hat: Wer ist Andrea Mocellin?

Interview von Susanne Gold

Andrea Mocellin entwickelt neue Möglichkeiten der Fortbewegung – dazu gehören Flugtaxis und das wohl innovativste Rad unserer Zeit. Andrea arbeitet als Senior Product Designer bei Lilium und ist Gründer von Revolve Wheel. Er wurde am 29. Dezember 1984 in Marostica, Italien, geboren und wuchs in dem Dorf San Nazario auf, bis er für sein Studium nach Turin zog. Er schloss mit Auszeichnung das IED (European Institute for Design) ab und absolvierte im Anschluss das Royal College of Art in London, wo er seinen Master in Fahrzeugdesign machte. Derzeit studiert er neben seinem Beruf Betriebswirtschaftslehre, um einen breiteren Blick auf das Geschäft und seine Grundlagen zu bekommen

Andrea, Du bist ein echter Erfinder und Tüftler, entwickelst Flugtaxis und hast Deine Firma Revolve Wheel gegründet – was war das Erste, was Du entworfen hast?

Ich erinnere mich noch daran, wie ich in der Grundschule leidenschaftlich gerne mit dem Logo einer hypothetischen Firma, ihrer Strategie und dem Endprodukt angefangen habe. Heute beschäftige ich mich mit Mobilität.

Was ist Dir bei Deiner Arbeit wichtig?

Ein sinnvolles Produkt sollte immer auch eine Geschichte erzählen. Ich bin sehr leidenschaftlich für Design, welches auch vom Storytelling lebt. Ich liebe die Möglichkeit, ein Pionier in der kleinen oder großen Welt des Reisens zu sein. Schließlich ist das eine Sache, die ich schon immer faszinierend fand: Die Ruhe, die das Bewegen, das Reisen und das In-Bewegung-Sein mit sich bringt. Ich finde, es ist eines der wichtigsten Gefühle von Freiheit und Offenheit gegenüber der Welt, sie kleiner und in einem menschlichen Maßstab zu gestalten.

Du hast die Geschichte des Rades fortgeschrieben – Was ist Dir beim Gestalten wichtig?

Um ein Produkt zu entwerfen, muss ich immer Verbindung zu dem Projekt spüren, um wirklich leidenschaftlich zu sein und die Motivation zu finden, Zeit in das Projekt zu investieren. Diese Verbindung ist grundlegend, um ein gutes Ergebnis zu erzielen. Dann habe ich auch das Gefühl, dass ich meine Zeit richtig investiere.

Hast Du eine Mission?

Meine grundlegende Mission ist es, Mobilität so zu gestalten, dass sie das Leben der Menschen verbessert. Wenn ich das nicht sehe, kann ich sehr frustriert werden. Mein Antrieb ist immer, die Mobilität im Alltag zu verbessern und – wie sich Menschen mit oder ohne Behinderung fortbewegen.

Was willst Du erreichen?

 Mein Ziel ist es, eine Reihe von Fahrzeugen zu schaffen, die einen gemeinsamen Nenner haben: Sie sollen maximal platzsparend sein, wenn sie gefaltet werden – wie unser Luftrollstuhl revolve – und sie sollen über Leistung und eine vereinfachte Funktionalität verfügen, um das Leben des Benutzers zu verbessern. Und schließlich die Möglichkeit bieten, Produkte zu benutzen, die für jede Situation und Umgebung geeignet sind. Noch besser ist es, wenn es sich um Fahrzeuge handelt, die völlig im Einklang mit der Umgebung stehen und dem Benutzer einen Adrenalinkick geben – dann wird die Reise interessanter und einzigartiger.

Es geht Dir um Funktionalität und Design?

 Nicht nur das Design, sondern auch das Erlebnis macht den Erfolg eines Produktes aus. Mein Traum ist es, ein Fahrzeug zu erschaffen, das ein integraler Bestandteil des menschlichen Instinkts ist und das völlig intuitiv zu bedienen ist, ohne dass man eine Anleitung oder ein Benutzerhandbuch braucht. Ich bin ein großer Fan des menschlichen Instinkts!

Leider vergessen wir oft, diesen zu nutzen, wenn wir vor Schwierigkeiten oder Entscheidungen im Allgemeinen stehen. Deshalb sind Fahrzeuge wie Fahrräder, Longboards usw. in meinen Augen sehr faszinierend. Denn sie sorgen dafür, dass der Benutzer während der Fahrt auf seinen Körper hören kann, wodurch eine natürliche Beziehung zwischen Mensch und Maschine entstehen kann.

Gab es einen Moment in Deinem Leben, durch den Dein Interesse am Design von Mobilität geweckt wurde?

Mein Vater kaufte einen Quattro Route. Ich glaube, seitdem interessierte ich mich mehr für Artikel über neue Formen der Mobilität, neue alternative Marken und kleine Unternehmen, die versuchen, in einem Markt Fuß zu fassen, der aus Industriegiganten wie General Motors oder Toyota besteht. Ich war schon immer von experimenteller Mobilität fasziniert, egal ob es sich um Elektro-, Hybrid- oder Wasserstofffahrzeuge handelt.

Was fasziniert Dich an experimenteller Mobilität konkret?

Mich fasziniert die Möglichkeit, die Art und Weise, wie wir uns bewegen und reisen, zu beeinflussen, zu verbessern und zu revolutionieren. Aus dieser Leidenschaft gab es für mich nur einen Weg, nämlich Autos zu entwerfen oder Fahrzeugdesigner zu werden. Deshalb wollte ich unbedingt mit einem Stipendium zuerst an der IED in Turin und dann am Royal College of Art in London aufgenommen werden. An diesen Schulen war ich völlig überwältigt von der Möglichkeit zu lernen, wie man ein Fahrzeug von der ersten Bleistiftskizze bis zur Produktion entwirft. Es war ein wirklich einzigartiger und faszinierender Prozess, auch wenn er mit vielen Abstrichen und Richtungswechseln aufgrund von Notwendigkeit oder Not verbunden war.

Du bist auch als Produktdesigner in Sachen Flugtaxis aktiv: Wie beeinflusst Deine Arbeit am Lilium Jet deine Pläne für die Zukunft?

Durch die Arbeit bei Lilium lerne ich viel darüber, wie man die Mobilität der Zukunft verbessern kann, ohne zusätzliche Straßen, Brücken und Infrastruktur zu bauen, die unsere ohnehin schon verschmutzten und überlasteten Städte nur noch mehr verstopfen würden. Auf diese Weise gäbe es mehr Platz für Grünflächen und einen geregelten Flugverkehr mit leisen, im Einklang mit der Umwelt konzipierten Fahrzeugen.

Zusätzlich zu meiner täglichen Arbeit mit Lilium arbeite ich an der Fertigstellung einiger Projekte, die mit Mobilität in Verbindung mit Zugänglichkeit und Inklusion mit Hilfe von Technologie zu tun haben. Ich erforsche weiterhin, wie analoge Technologie einzigartige Fahrzeuge schaffen kann, die eine Sprache garantieren, die völlig intuitiv und nicht ausschließlich an die digitale Technik gebunden ist.

Was treibt Dich im Leben an, Andrea?

Ich würde sagen, „immer nach vorne schauen“. Ich denke, es ist grundlegend, immer eine Vision zu haben, die im Einklang mit der Natur und den Menschenrechten ist. Eine Vision die den respektvollen Umgang mit der Erde und ihrem erstaunlichen Geschenk, welches sie uns jeden Tag bietet, inkludiert.

Mehr erfahren? Folge Andrea auf LinkedIN,besuche die Website seines Unternehmens, Revolve Wheel oder schreibe ihm eine e-mail.

Kommentare

2 comments on “Der, der das Rad neu erfunden hat: Wer ist Andrea Mocellin?”
  1. Eva sagt:

    Ein tolles Interview und ein superspannendes Thema! Grazie, Susanne! Viele liebe Grüße von Eva

    1. Susanne Gold sagt:

      Vielen lieben Dank, Eva. Das freut mich sehr!!

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