Europa neu denken: Die realistische Utopie, Der andere Ast

Text und Buch von Christian Much/ Illustration Corinna Heumann

Politische Utopien inspirieren zu allen Epochen. Neben den bekannteren wie Platons Staat, Thomas MorusUtopia, George Orwells 1984 und Aldous Huxleys Schöne Neue Welt sind manche in Vergessenheit geraten, zum Beispiel Tommaso CampanellaSonnenstaat. 1602 erdachte er diese utopische Gesellschaft im Gefängnis in Neapel, zwischen den Foltersessionen, auch als tröstender Zuspruch an sich selbst, dass die politischen Zustände nicht alternativlos sind. Auch die Gegenwart ist nicht alternativlos. In meinem Roman Der andere Ast beschwöre ich am Beispiel Südtirols die Utopie eines Europas der Regionen in einem empathischen Gedankenspiel.

Ein alternativer Ast der Zeit-Achse

Politische Utopien spielen in aller Regel in der Zukunft oder in einer zwar gegenwärtigen, aber auf der Landkarte nicht lokalisierbaren Welt. Dem Roman Der andere Ast liegt ein anderes Szenario zugrunde: die sogenannte Uchronie (Altgriechisch ou = „kein“ und chronos = „Zeit). Uchronie bedeutet: Ort und Zeit sind Hier und Heute, aber auf einer erdichteten historischen Zeitachse. Also: Was wäre, wenn die Geschichte sich anders entwickelt hätte? In meiner Utopie sitzen wir auf einem anderen, erdichteten Ast am Baum der Geschichte.

Utopie als machbarer Gegenentwurf

Warum Uchronie? Meinen politischen Entwurf, ein Europa der Regionen, wollte ich möglichst wenig „entrücken“ – weder in eine Zukunft, deren Beschaffenheit für uns in Vielem unvorstellbar ist, noch in eine Märchen(insel)welt wie die des Sonnenstaates, die zwar Vielen interessant, aber Niemandem als Heimat erscheinen wird. Dadurch, dass ich meinen Roman in der geografisch realen Region Südtirol spielen lasse, fällt es dem Leser leichter, sich zu sagen: So hätte es tatsächlich sein können wenn unsere Eltern oder wir selbst etwas dafür getan hätten, dass die Geschichte anders läuft.

Empathie nur, wenn man Verhältnisse auf den Kopf stellt

Sich die Welt als eine andere vorzustellen, verlangt Empathie für das Andere. Um für mehr Empathie zu werben, stellt der Roman die Verhältnisse zunächst einmal auf den KopfDas führt unweigerlich zum Rollen- und zum Perspektivwechsel. An die Stelle des realen Südtirols mit einer freiheitsliebenden deutschsprachigen Minderheit, die sich immer wieder durch die ferne, bisweilen verständnislose Regierung in Rom irritiert fühlt, setzt Der andere Ast ein kommunistisches Südtirol, in dem die italienischsprachige Minderheit durch eine ideologisch auftrumpfende Volksrepublik Österreich bevormundet und schikaniert wird. In dieser auf den Kopf gestellten Welt wird so richtig deutlich, worin die, nicht nur im utopischen Roman, sondern in der Realität machbare Lösung liegen kann: in der gegenseitigen Achtung der Narrative und Symbole des Anderen. Im Roman verdichtet sich dieser Ansatz zum gemeinsamen Eintreten für die Symbolfiguren Andreas Hofer und Cesare Battisti; in der sprachgruppenübergreifenden Zusammenarbeit junger Menschen für ein gemeinsames Ziel, welches konkret darin besteht, nationalistische Rituale und Parolen zu überwinden und stattdessen europäisch zu denken.

Uchronie: Was wäre wenn?

Auch Uchronie hat ihre Tücken. Die Frage, wie die Welt aussähe, wenn Hitler kürzer oder länger gelebt oder sein Kunststudium erfolgreich beendet hätte, beschäftigt gar manchen Roman- und Drehbuchschreiber, obwohl sie nach meinem Geschmack auf dem allzu simplen Geschichtsverständnis beruht, dass Geschichte im Wesentlichen von einzelnen Personen gemacht wird und nicht von Ideen und von politischen Verhältnissen im weitesten Sinne. Der Andere Ast greift diese Frage in einem Dialog auf

„Ich habe mir die Geschichte immer wie einen Baum vorgestellt. Er wächst und an einer Stelle verzweigt sich ein Ast. Erst wissen wir nicht, welcher der beiden neuen Ästen der stärkere wird. Das wissen wir erst ein paar Jahre später. Und aus dem stärkeren Ast entspringen wieder zwei neue Äste. Aber wenn der schwächere Ast der stärkere geworden wäre, was dann? Möglich wäre es ja gewesen. Auch dass dann dieser Ast und nicht der andere neue Äste bildet. Dann würde der Baum heute anders aussehen.“

Emilio faszinierte dieses Bild. »(…) Wie wäre die Geschichte verlaufen, wenn es Garibaldi 1849 nicht gelungen wäre, nach der Niederlage der Römischen Republik zu fliehen? Wie wäre die Geschichte verlaufen, wenn 1944 das Attentat gegen Hitler erfolgreich gewesen wäre…«

»… oder, noch besser,« unterbrach Sepp, »wenn die bayrische Polizei 1923 bei Hitlers Marsch auf die Feldherrnhalle ihn erschossen hätte und nicht den neben ihm laufenden Scheubner?«

»… und wie, wenn Churchill sich 1947 nicht durchgesetzt hätte und Südtirol bei Italien geblieben re?« fragte Magnago.

»Gute Frage«, sagte Hansl. »Dann wären wir heute immer noch Italiener. Wäre das besser, als österreichische Genossen zu sein?«

Sepp wollte das mit Rücksicht auf Scaglia nicht vertiefen (…). Auch Filo fand die Diskussion unergiebig. »Lassen wir die Spekulationen. Es geht doch nicht um Hitler, Garibaldi und Churchill. Wir« – und damit meinte sie die Bewegung der Jugendlichen – »sind gegen Diktatur und Nationalismus. Die hätten Europa vermutlich in jedem Fall ruiniert – wenn nicht auf die eine Weise, dann eben auf eine andere.«

Es geht um Ideen

Die Heldin des Romans, Filo, hat erkannt, dass es – im konkreten Südtiroler Fall und bei jeder Utopie – nicht um Personen, wie den besseren aufgeklärten Herrscher geht, sondern um Ideen und das bessere politische System.

Ein geeintes Europa ist ein politisches System, das für Viele, die nach 1945 auf Europas physische und moralische Ruinen schauten, ein Traum, eine Utopie war. In den ersten Nachkriegsjahrzehnten wurde dieser Traum zum Teil Wirklichkeit. Als ein in Luxemburg aufgewachsenes Kind habe ich das miterlebt, einschließlich des Glücks und der Dankbarkeit, die mein Vater dabei empfand, mehr oder weniger umweglos von einem Kriegsgefangenenlager in die erste Generation der europäischen Beamten aufzusteigen. 1989, als die Europa entzweienden ideologischen Verkrustungen aufbrachen, und in den Jahren danach gab es eine neue Chance für Europa, nicht nur größer, sondern auch besser, kohärenter und werteorientierter  zu werden. Auch diese Chance ist allmählich wieder verpufft.

Realistische und empathische Utopie Europa

Heute, angesichts enormer globaler Herausforderungen, die das Leistungsvermögen der Nationalstaaten übersteigen, scheint mir der Moment gekommen, die europäische Utopie wieder zu entfachen, bereichert durch unsere bisherigen Erfahrungen, einschließlich der Erfahrung, dass Europa dezentral sein muss, um demokratisch legitimierbar und in seinem alltäglichen Nutzen erfahrbar zu sein. Ein Europa der Regionen, beginnend mit der tatsächlich existierenden Europaregion Nordtirol-Südtirol-Trentino. Das ist die bescheidene und, wie ich hoffe, realistische Utopie des Anderen Astes.

Kommentare

3 comments on “Europa neu denken: Die realistische Utopie, Der andere Ast”
  1. Susanne Gold sagt:

    Tolle Illustration, Corinna 👌

Kommentar verfassen