Wir alle werden sterben! Was können wir tun?

Der Mensch ist keine Ausnahme! Jedes Lebewesen altert und wird sterben. Dennoch scheint es, als würden die Menschen in der Natur eine Sonderstellung einnehmen – weil ihnen ihre Vergänglichkeit bewusst ist. Unser Tod begegnet uns – lange, bevor er tatsächlich eintritt. Das Bewusstsein über die Endlickeit unseres Ichs löst vielfache Reaktionen aus: Über Panik, Midlife-Crisis bis hin zur Verdrängung ist alles dabei.

Wir sterben von Anfang an

Unser Sterben beginnt, lange bevor wir uns dessen gewahr werden. Es beginnt bereits vor unserer Geburt. Im Mutterleib, in dem wir als durchsichtiger Zellhaufen existieren, müssen überflüssige Körperzellen Platz machen. Nur so können sich unsere Organe entwickeln und wir zum vollständigen Menschen werden. In das Erbgut jeder unserer Zellen ist der Tod einprogrammiert. Jede von ihnen, die nicht mehr gebraucht wird, geht freiwillig in den Tod.

Das Leben ist ein Spiel

Unsere Existenz ist Bestandteil eines fragilen Spiels zwischen Sterben und Leben. Die Fähigkeit zu Sterben, so der Palliativmediziner Gian-Domenico Borasio, ist die Bedingung dafür, dass wir überhaupt als lebensfähige Organismen auf die Welt kommen können. Trotzdem fällt es uns so schwer, dass wir endlich sind.  Unser Ich will unendlich existieren.

Unser vielschichtiges Ich

Zu unserem Ich gehört nicht nur unser Geist, sondern auch unser Körper. Wie wir uns selbst als Gesamtheit wahrnehmen, wird in unserem Gehirn entschieden. Dort wird aus unseren Sinneseindrücken ein Bild von uns selbst geformt.

Brigitte Röder, Professorin für biologische Psychologie und Neuropsychologie an der Universität Hamburg beschäftigt sich mit unserer Körperwahrnehmung und unserem Körperbewusstsein. Röder geht von einer Körper-Repräsentation in unserem Gehirn aus. Aus den vielen Sinneseindrücken, die unser Gehirn erfährt, entwirft es ein Bild von uns selbst. Dazu gehört auch die Grenze unseres Körpers.

Unser Gehirn kennt das Ende unseres Körpers

Wo endet unser Körper, wo beginnt der Raum darum? Während wir unseren Körper wie selbstverständlich durch einen Raum bewegen, rechnet unser Gehirn. Nur, weil unser Gehirn die komplexe Rechenleistung vollbringt, permanent ein Bild von unserem Körper im Raum zu entwerfen und dies auch noch fortwährend aktualisiert – und jede Bewegung im Raum vorausberechnet – bewegen wir uns, ohne uns andauernd zu stoßen.  Die Grenzen unseres Ichs im Raum sind also eine Projektion unseres Gehirns.

Ich frage mich, ob in unserem außergewöhnlichen Gehirn, auch die Endlichkeit in der Zeit berechnet und eingespeichert sein könnte? Denn, unser Körper endet nicht nur in dem Raum, welcher uns umgibt – sondern auch in der Zeit. – Wir wissen alle, dass wir eines Tages sterben werden.

Die Tragödie des Alters liegt nicht darin, daß man alt ist, sondern daß man jung ist. (Oscar Wilde)

Unser Körper altert – unser Gehirn bleibt jung!

Eleanor Maguire und Katherine Woolett vom University College in London stellten fest, dass Taxifahrer einen größeren Hippocampus haben als viele andere Menschen. In diesem Areal des Gehirns werden Aufgaben wie das Speichern von Erlerntem und die Informationsverarbeitung erledigt. In ihrer Studie entdeckten die Forscherinnen, dass sich der Hippocampus während der Ausbildung zum Taxifahrer vergrößert. Diese scheinen laut ihrer Studie über eine bessere räumliche Orientierung und Merkfähigkeit zu verfügen. Die Gehirne der Taxifahrer haben sich im Laufe ihrer Berufstätigkeit nicht nur verändert, sondern auch funktionell verbessert. Das bedeutet also, dass wir unser Gehirn mit den Themen, mit denen wir es füttern, beeinflussen können.

Obgleich unsere Gehirne als Kinder die größte Formbarkeit haben, bleibt unsere Fähigkeit zur Neuroplastizität unser gesamtes Leben lang erhalten.

Neuroplastizität

Unter dem Begriff Neuroplastizität oder neuronale Plastizität versteht man die Eigenschaft von Synapsen, Nervenzellen oder auch ganzen Hirnarealen, sich – je nach Benutzung – zu verändern.

Je mehr Reizen unser Gehirn ausgesetzt wird, desto leichter fällt es uns, zu Lernen. Es lohnt sich also zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens, vertrautes Terrain zu verlassen – man lernt nur außerhalb seiner Komfortzone – dazu. Mit den Jahren nimmt die Neuroplastizität unseres Gehirns zwar etwas ab, aber selbst im hohen Alter können wir noch sehr viel Neues dazulernen, denn unser Gehirn bleibt ein Leben lang wandlungsfähig. Im Gegensatz zu unserem Körper altert es nur wenig. Scheinbar haben wir im Kopf ein wenig von der unendlichen Jugend, die wir für unsere Körper wünschen.

Mit Gedankenkkraft die Grenzen unseres Körpers in Raum und Zeit verschieben?

Diese Frage zeigt ihr ganzen Ausmaß, wenn man an das Phänomen des Placeboeffekts denkt. Die gute Nachricht ist, dass wir offensichtlich unser Gehirn beeinflussen können. So, wie wir unseren Körper durch unseren Lebenswandel beeinflussen können, können wir auch unser Gehirn dirigieren. Mit der Art, wie wir es benutzen, entscheiden wir selbst, wie es sich ausbildet.

Was passiert, wenn wir beginnen, unser Gehirn anders zu benutzen?

Gleich, ob wir eine neue Art zu Denken beginnen, ein Instrument erlernen, ein neues Hobby oder eine neue Sportart beginnen: Unser Gehirn liebt es, sich neuen Herausforderungen zu stellen. Es ist jung und wissbegierig, selbst wenn unsere Körper schon Tattergreise sind.

Biohacking

Biohacking wird auch als Selbstoptimierung bezeichnet. Sogenannte Biohacker versuchen, mit Hilfe von biologischen, chemischen oder pyhsikalischen Hilfsmitteln den menschlichen Körper stark zu verbessern.

Mit Biohacking frei von Raum und Zeit

Unter Biohacking versteht man auch die Selbstoptimierung auf der Basis eines tiefergehenden Verständnisses von Körper und Geist. Es geht hier um den Zustand des Flow – einen geistigen Zustand, in dem sowohl Zeit als auch Raum keine Rolle mehr zu spielen scheinen. Also – in dem unser Gehirn unseren Körper von räumlichen und zeitlichen Grenzen befreit wahrnehmen muss.

In solch einem Zustand sind wir voll konzentriert und maximal leistungsfähig. Menschen, die einen Flow erleben, beschreiben, wie leicht es ist, Entscheidungen zu treffen. Ihre Gedanken bahnen sich von ganz allein den richtigen Weg – nichts kann sie daran hindern.

Der Psychologe Mihàly Csikszentmihàlyi  hat sich ausgiebig mit dem Flow beschäftig und stellte fest, dass diesen Extremsportler öfter haben. Diese Menschen entwickeln enorme körperliche und mentale Kräfte. Seine Erklärung ist, dass ein extremer Sport den stärksten Trigger auslöst, den der Mensch kennt: Den Selbsterhaltungstrieb! Dabei soll ein Flow unglaublich glücklich machen. Auch unter Musikern scheint der nicht unbekannt zu sein. Der Zustand des Flow resultiert aus einem komplexen Zusammenspiel fünf verschiedener Neurotransmitter im Gehirn.

Neurotransmitter

Die körpereigenen Botenstoffe Noradrenalin und Dopamin erhöhen dein Energielevel und ermöglichen eine starke Fokussierung. Die Substanz Anandamid fördert die Kreativität und das Denken. Endorphine sorgen dafür, dass das Schmerzempfinden blockiert wird, und Serotonin ist für das emotionale „High“ verantwortlich.

Jenseits vom Ausnahmetalent: Der Flow für den Otto-Normalverbraucher

Abseits von Sport und Musik können auch andere Methoden diesen Flow verursachen. Meditation ist eine der Methoden. Meditation stärkt die Psyche, schärft den Fokus, erhöht den Energielevel und macht stressresistent. Voraussetzung dafür ist die Regelmäßigkeit der Meditation, nicht die Intensität. Heute gibt es Apps und Programme die anleiten, täglich einige Minuten zu meditieren.

Eine weitere Möglichkeit, um unseren Geist in Balance zu bringen, ist aktive Dankbarkeit. Diese hilft, negative Gedanken auszugleichen. Grundsätzlich hat der Mensch die Tendenz, negativ zu denken. Die meisten von uns setzen sich selbst unter Druck und neigen dazu, zu sehen, was sie nicht erreichten, statt der Fülle dessen, die sie umgibt.

Das Bild, welches wir von uns haben, beruht zu großen Teilen auf den Erfahrungen, die wir gesammelt haben. All das wird in einem biographischen Gedächtnis abgespeichert. Doch – unsere Erinnerung sind formbar! Sie sind Erzählungen, die wir – also unser Gehirn – täglich neu zusammensetzen. Wir können sie jeden Tag in eine gewünschte Richtung manipulieren. Die Rechtspsychologin Julia Shaw zeigte mit ihren Experimenten, wie fragil das Bild ist, welches wir von uns selbst haben. Unser Gehirn ist kreativ wie ein Kind, wenn es um die Gestaltung unseres Selbstbildnisses geht.

Mit einer grundsätzlich dankbaren Haltung, können wir ein anderes Bild von uns und unserer Biographie entwerfen. In der Folge wird uns unser Gehirn eine andere Geschichte über uns und unser Leben erzählen. So paradox es klingt – wir werden diese Geschichte glauben.

Schon die römischen Philosophen Cicero und Seneca wussten: Dankbarkeit ist die größte Tugend. Aktuelle Studien der positiven Psychologie belegen das heute. Aktiv gelebte Dankbarkeit steigert unsere Kompetenz, die Herausforderungen unseres Lebens – dazu gehört das Wissen um unsere Endlichkeit, unserem Tod – zu bewältigen.

Lass das Kind in Dir lernen und spielen

Egal, ob erlernte Dankbarkeit, Meditation, Sport, Musik oder ein anderes Hobby – Neugier und Wissbegierde ist der Schlüssel zur jugendlichen Unbeschwertheit!

Cicero wäre von der Forderung unserer Zeit – dem lebenslangen Lernen – begeistert gewesen. Der Angst vor dem Schwinden der geistigen Kräfte im Alter setzte er die Idee des immerwährenden Lernens entgegen. Damit war er der modernen Hirnforschung ganze 2000 Jahre voraus.

Selbst unser unausweichlicher Tod soll uns – laut Cicero – nicht besorgen oder am Lernen hindern: Entweder wird unser Bewusstsein mit unserem Körper sterben – und mit ihm all unsere Erkenntnisse aber auch jedes Leid, oder unser Gehirn lebt in ewiger Jugend weiter: Irgendwo dort Draußen – befreit von allen Grenzen – ohne Raum und Zeit.

Susanne Gold

Gründerin & Herausgeberin des Zukunfts- und Wissenschaftsblogs Utopiensammlerin

Futuristin, Utopistin, Erfinderin und Sozialwissenschaftlerin. Sucht Utopien und sammelt Geschichten. Versteht Digitalisierung als Aufbruch in eine neue Welt – und träumt von einer besseren.

4 Gedanken zu „Wir alle werden sterben! Was können wir tun?

  1. Dieter Hannemann sagt:

    Altes infrage stellen, auch im Denken, ist die Alterung eine Erbkrankheit die schon bald heilbar und umkehrbar ist? Es war normal zu denken: Das Fliegen ist den Vögeln vorbehalten, der Mensch wird niemals dazu in der Lage sein.
    Wenn nun jeder mittels Flugzeug jeden Punkt des Planeten in 24 Stunden erreichen kann, dann werden die Grenzen des Lebens vielleicht schon 2029 fallen, wie Raymond Kurzweil das vorhersagt.
    Wir benötigen dazu nur etwas mehr Wissen, wie sich unsere ständig reproduzierenden Gene sauberer erneuern, ohne Todeszeit, ohne Abnutzung. Dazu Nanobots die durch unsere Blutbahnen gleiten und die Versorgung der Organe verbessern, die Entstehung von Krankheiten verhindern.
    Es reicht zuerst, dass wir die Lebenserwartung auf 140 erweitern und den alternden Körper um 10 bis 20 Jahre verjüngen. Jedes Jahrzehnt und bald Jahr wird das Wissen verdoppeln und die Möglichkeiten verbessern.
    Vielen scheinen diese Ideen utopisch bis Wunschdenken zu sein. Aber schon das Fliegen hat bewiesen, jede Vision, die der Mensch hat, kann Realität werden.
    Vielleicht kann ich hier auf die Partei für Gesundheitsforschung hinweisen, welche diese Vision durch mehr Mittel für Gesundheitsforschung Realität werden lässt und zur EU-Wahl im Mai in ganz Deutschland wählbar ist.

  2. Wegenstein Friedrich sagt:

    Es ist, entgegen der gesellschaftlichen Konvention notwendig und für das eigene Bewusstsein wichtig, sich im Leben mit dem eigenen Sterben zu beschäftigen.
    Erst die Gewissheit der Endlichkeit ermöglicht das bewussten Erlebens der Qualität der Gegenwart.
    Evolutionär betrachtet ist das Streben nach Lebensverlängerung oder von z.B. Biohacking dann ein Widerspruch, wenn man die Sexualität und die Zeugung von Kindern bejaht. Wir pflanzen uns nicht fort, um den nächsten Genrationen bei der Verwirklichung ihrer Ziele im Weg zu stehen. Sie haben die gleichen Rechte wie wir! Gerade die Vielfalt der Konzepte ist die Stärke der Evolution und sichert den Fortbestand. Zu unserem Ableben gehört auch unsere Schwäche und der Verfall.
    Dies gilt ebenso für biologische Anpassungsprozesse auf epigenetischer oder genetischer Ebene: Je öfter der Prozess des Ablebens und Fortpflanzen wiederholt wird, desto schneller funktionieren die biologischen Anpassungsprozesse. Es ist kein Zufall, dass Genetiker vorzugsweise an Eintagsfliegen den Prozess der evolutionären Anpassung verfolgen.
    Das Lebensverständnis hängt daher davon ab, ob man Leben als individuelles Phänomen oder als kollektiven, selbst regulierenden Kreislauf erkennt.

  3. Gabriele Wilms sagt:

    Nach dem Tod meiner Tochter, vor 15 Jahren, wurde mir genau das bewusst.
    Wenn eine Mutter ein Kind zur Welt bringt, verurteilt sie es zum Tode.
    Das ließ mich alle Themen anschauen, die für mir irgendwie „unangenehm“ waren.
    Krieg und Frieden, Tod und Teufel, Glück und Unglück uvm.
    Es hat mir Ruhe gebracht. Frieden.
    Glückseligkeit.
    Lebensfreude.
    Und völlige Angsfreiheit!
    Danke!

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