Arbeit 4.0 – aber Mittelalter im Kopf?

Vor der Erfindung der Dampfmaschine war das Zeitalter der Handwerkszünfte. Es gab kaum einen Betrieb, in dem mehr als zwanzig Menschen zusammenarbeiteten.

Erste große Betriebe

Die Ausnahmen bildeten die Betriebe, die die imposanten Dombauten, Kirchen und Schlösser natürlich auch Rathäuser, große Bürgerhäuser sowie Stadtmauern, Burgen und andere Befestigungseinrichtungen bauten – die sogenannten „Dombauhütten“. Man kann davon ausgehen, dass jede mittlere und große Stadt mindestens eine solche hatte, einfach, weil spätestens seit der Zeit des Hochmittelalters – beginnend etwa Mitte des 13. Jahrhunderts – viel mit Stein gebaut wurde.

Der Ablauf  in den vorindustriellen Betrieben war streng nach der Hierarchie „Meister – Geselle – Lehrling“ geregelt. Wahrscheinlich brüllte der Meister laut seinen Auftrag in die Werkstatt und der Arbeitsplan war fertig.

Erste Industriebetriebe und keiner weiß, wie es geht

Als die Dampfmaschine auf der Bühne der Welt erschien, mussten in Folge plötzlich hunderte von Menschen zusammenarbeiten. Genau genommen wusste keiner, wie so etwas geht. Die Menschen hatten schlicht keine Erfahrung, wie so etwas zu gestalten sei.

Das Buch „Scientific Management“ (deutsche Übersetzung: Wissenschaftliche Betriebsführung) von Frederick Winslow Taylor lieferte eine erste Theorie über die Zusammenarbeit vieler Menschen. Als wesentliche Komponenten dabei gelten die Trennung von ausführender und planender Arbeit, Zeitstudien zur Ablaufverbesserung und Ermittlung von Vorgabezeiten, zum Zwecke der Produktivitätssteigerung der Arbeit.

Eine Frage der Macht – bis heute

Im Kern ging es um eine Machtfrage: Wer bestimmte, in welcher Weise und mit welchem Tempo gearbeitet wurde? Das hierachische Modell der einstigen Dombaubetriebe derer, die die Arbeit planen und jener, die sie ausführen, wurde beibehalten. Soziologen diskutieren diese Idee unter dem Begriff des Taylorismus bis heute, ebenso, wie dessen Grundsätze immer noch Anwendung finden.

Heute noch – im digitalen Zeitalter – tummeln sich in modernen Betrieben Manager mit dem Mindset der mittelalterlichen Dombaubetriebe: Gerne in den Führungsetagen!

Wie kann es sein, dass – über alle Innovationen und industriellen Revolutionen hinweg – keine gravierenden und revolutionären Änderungen im Denken stattfanden?

Viele Betriebe wollen heute flache Hierachieren etablieren, scheitern jedoch regelmäßig an dem Machtstreben Einzelner, die sich gegenseitig – und, wie es scheint – in einer Art „Flaschenzug“ an die Spitze befördern. Dort angekommen, ersticken sie jeden innovativen Gedanken der „Gesellen und Lehrlinge“ entweder im Keim oder verkaufen ihn als ihren eigenen.

Wandel beginnt im Kopf und mit dem Verhalten jedes Einzlenen einer Gemeinschaft. Dies gilt besonders für die Gesellen und Lehrlinge – Sie dürfen sich nicht länger fürchten, ihren Meistern die Stirn zu bieten. So lange das nicht geschieht, werde  wir nicht in der Arbeit 4.0 ankommen, sondern weiter mit dem Mindset eines Dombaubetriebes arbeiten.

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Susanne Gold

Gründerin & Herausgeberin des Zukunfts- und Wissenschaftsblogs Utopiensammlerin

Futuristin, Utopistin, Erfinderin und Sozialwissenschaftlerin. Sucht Utopien und sammelt Geschichten. Versteht Digitalisierung als Aufbruch in eine neue Welt – und träumt von einer besseren.




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