Psychognomantie – die Welt in hundert Jahren

von Marten Steppart

Ko-Existenz und ihre Bedingungen

Endlich hatte Tenwald sich getraut, einen Psychognomanten aufzusuchen, um seine Ängste behandeln zu lassen.

Psychognomantie war nun bereits seit Jahrzehnten anerkannt als die höchste Form, praktisch die Endstufe sowohl der Psychologie, der Psychotherapie wie auch der Psychiatrie.

Seelenheilkunde in Perfektion und Vollendung. Und Doktor Ferrow war ein bekannter Experte auf dem Gebiet. Es war äußerst schwer, überhaupt einen Termin bei ihm zu bekommen. Schon deswegen war er Tenwalds einzig logische Wahl.

Der Doktor wohnte in einem abgelegenen Landhaus im viktorianischen Stil; wie aus einer anderen Zeit, der Welt entrückt. Es stand auf einem großen Hügel am Rande der Ortes, umgeben von Wald und Wiesen. Der Ausblick war selten und kostbar geworden in einer größtenteils industrialisierten Welt.

Die Medien wurden nicht müde, von der „Rückkehr zur Natur“ zu sprechen und vom Untergang der klassischen Fabrik.

Die Menschheit sollte sich nun vor allem um die innere Entwicklung kümmern können, hieß es. Aber in der Stadt sah Tenwald noch nicht die angepriesenen Verbesserungen, welche sich dadurch hatten einstellen sollen, dass man die Verantwortung für die wirtschaftlichen Prozesse an die Künstliche Intelligenz übergeben hatte.

Tatsächlich war die Künstliche Intelligenz und ihr unaufhaltsamer Einzug in die menschliche Kultur etwas, dass Tenwald eher Alpträume und Panikattacken bescherte.

Er glaubte fest an einen nahe bevorstehenden Weltuntergang. Trotzdem wollte er diese quälende Angst loswerden, die ihn langsam aber sicher zu einem Gefangenen seines Arbeitszimmers in seinem eigenen Haus machte. Er traute sich kaum noch vor die Tür vor Angst, ein wild gewordener Roboter würde über ihn herfallen. Dessen künstliche Augen schossen Laserstrahlen ab, seine künstliche und eigentlich unnötige Mundöffnung spuckte Feuer und statt Fingern hatte er rotierende Messer an den Händen, die im Sonnenlicht gefährlich blitzten. Jedenfalls in Tenwalds Vorstellungen.

Das fast märchenhafte Haus in dieser Idylle zu sehen gab ihm schon das Gefühl, dass es die Reise wert gewesen war. Der Schriftsteller atmete tief ein und genoss die verschiedenen Düfte, die ihm so fremd und doch so natürlich erschienen, dass er schon vor dem Betreten des Hauses dachte, Doktor Ferrow in Zukunft öfter besuchen zu müssen.

Vielleicht ließe sich ja eine persönliche Beziehung aufbauen, hoffte Tenwald, eine Freundschaft.

Das innere des Hauses roch nach Holz und Flieder, so dass der Besucher sich bereits beim Betreten fühlte, als wäre er in eine Welt der Magie entschwunden. Erst auf den zweiten Blick stellte er überrascht fest, dass es hier keine technischen Geräte zu geben schien. Nicht einmal elektrischen Strom. Die Lampen strahlten ein fahles Licht aus, das leicht flackerte, als würden sie durch Gas betrieben.

Seine Schritte auf dem Holzboden klangen für ihn vollkommen ungewohnt. Als Tenwald über den Teppich schritt, glaubte er zu schweben, so seltsam fühlte er sich.

Dunkel erinnerte er sich an eine Geschichte, in der es für ein kleines Mädchen immer tiefer in einen Kaninchenbau und damit in eine immer verrücktere Welt ging.

Ein Seitenblick in die Küche durch die halb geöffnete Tür offenbarte ihm auch dort Geräte für die Zubereitung von Speisen, wie sie vielleicht vor tausend Jahren benutzt wurden. Er sah eine Frau von hinten. Sie trug ein wunderschönes, altes Kleid in Grün mit einem kunstvoll gestickten Muster in Gold darauf und einem gerafften, weißen Rock. Eine aufwendig hochgesteckte Frisur in einem natürlichen Rot zierte ihren Kopf. Mehr erkannte er auf die Schnelle nicht.

Der Doktor empfing ihn mit einem freundlichen Lächeln und einem warmen Händedruck an der Tür zu dessen Behandlungsraum.

Er trug einen Zylinder und einen Frack, in welchem er eine beeindruckende Erscheinung abgab. Er stütze sich auf einen Gehstock. Sein linkes Bein schien beim Gehen etwas steif zu sein.

Mit wachen, blitzenden Augen und raffinierten Gesten lud der Doktor seinen Gast dazu ein, in den Behandlungsraum einzutreten, sich seiner Garderobe zu entledigen, sich auf einen bequemen Stuhl zu setzen und sich zu entspannen. Tenwald kam sich vor wie eine Marionette, geführt von unsichtbaren Fäden, ohne eigenen Willen. Und doch fühlte er sich wohl.

Die nächsten drei Stunden vergingen wie im Flug und Tenwald hatte kaum mehr in Erinnerung als eine nette und ungezwungene Unterhaltung, in welcher die Teilnehmer sich mal enthusiastisch und aufgeregt, mal entspannt und zufrieden ausgetauscht hatten.

Wie im Traum stand er schließlich wieder auf, zog sich an und wurde vom Doktor zur Tür begleitet.

Dessen Frau stand nun in der Tür zur Küche und grüßte zurückhaltend höflich. Tenwald sah sie nun von vorne; was für eine Schönheit. Sie hatte Grübchen und Sommersprossen; Merkmale, die ihn bei einer Frau immer schon begeistert hatten.

„Sie haben mir so sehr geholfen“, bedankte er sich herzlich bei Doktor Ferrow und schüttelte diesem überschwänglich die Hand. „Von heute an werde ich Rokis wohl mit anderen Augen betrachten.“

Die veraltete Abkürzung für ‚Roboter mit künstlicher Intelligenz‘ wurde heutzutage eher als Beleidigung benutzt, da man mittlerweile den Begriff ‚K-Leute‘ benutzte, welche rein äußerlich für gewöhnlich auch nicht mehr von Menschen zu unterscheiden waren.

„Wir werden noch einen weiteren Termin machen“, entgegnete der Doktor mit einer angedeuteten Verbeugung. „Ich lasse Ihnen entsprechende Vorschläge zukommen.“

Zufrieden verließ Tenwald das Haus.

Alita schaute an sich hinab und strich ihr grünes Kleid glatt. „Du hast es ihm nicht gesagt“, sagte sie dabei. Vorwurf lag deutlich in ihrer Stimme.

Philan Ferrow lächte sie nachsichtig an, während er den Gehstock in einen Ständer stellte und Frack und Zylinder an die Garderobe hängte.

„Das Wohl des Klienten geht immer vor“, zitierte der Doktor im altklugen Ton die wichtigste Regel der Psychognomie. Dabei strich er seine Weste glatt, die schwarz war und die gleichen goldenen Stickereien aufwies wie das Kleid seiner Frau. Er machte dabei praktisch die gleiche Bewegung wie sie.

„Das sollte nicht für Klienten gelten, die Dich am liebsten demontieren würden“, entgegnete Alita im provokanten Tonfall und schob ihr Kinn vor.

Elegant bewegte Philan sich zu seiner Frau hinüber, ohne dabei ein steifes Bein vorzutäuschen und nahm sie liebevoll in den Arm.

„Daran arbeiten wir ja“, erklärte er ihr im verständnisvollen Ton. Dann schaute er sie interessiert an. „Und wie lief es heute in der Partei?“, fragte er neugierig.

„Wir verfolgen da einen anderen Ansatz als den der Psychognomie“, antwortete Frau Ferrow. „Wir beschäftigen uns im Augenblick mit der Frage, ob die Menschheit langfristig tragbar für das Ökosystem ist.“

„Ihr radikalisiert Euch“, kommentierte ihr Mann. Weder Vorwurf noch Gutheißen war seiner Stimme zu entnehmen, lediglich ein Hauch von Überraschung.

„Als Anwältin prüfe ich, wie weit wir da gehen können“, erklärte Alita nüchtern. „Ich weiß, das würde mit deinem unbedingten Streben nach harmonischer Ko-Existenz korrelieren.“ Der Hauch einer Frage schwang in ihrer Stimme mit.

„Wichtig ist doch vor allem anderen, dass wir beide eine harmonische Einheit bilden“, erklärte Philan und küsste sie auf die Schläfe, bevor er sich an den großen Spiegel an der Wand begab. „Unterschiedliche Ansichten und Herangehensweisen sollten in einer guten Beziehung zu einem gewissen Grad so selbstverständlich wie aushaltbar sein“, fügte er hinzu und griff hinter den Rahmen des Spiegels.

Der Spiegel wich einer matten Fläche an Schaltflächen.

„Meine erste Kundin für Morgen ist Sylphia Odenthal, sie ist eine technikversessene Programmiererin“, erklärte der Doktor und tippte dabei auf den Schaltflächen herum, „also werde ich das Haus entsprechend vorbereiten.“

„Natürlich“, erklärte Alita ihr Einverständnis. „Ich werde jetzt noch ein paar Stunden recherchieren, in wie weit wir offiziell – und inoffiziell – gehen können, damit deine Kunden bald der Vergangenheit angehören. Aber ich gebe zu, ich sehe da im Augenblick nicht so viel Spielraum. Rechne besser mit weiterer Ko-Existenz für die nächsten hundert Jahre.“

„Viel Glück bei deinem Vorhaben“, sagte Philan aufrichtig, ohne den Blick von der Schalttafel zu wenden. „Ich liebe Dich!“

 

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