Interview mit Joshua Osih – Kameruns stille Hoffnung

von Patricia Schmitz

Joshua Osih könnte der nächste Präsident Kameruns werden. Doch wer ist der Mann, der das zerrissene Land nach 36 Jahren Paul Biya verändern will? Welchen Plan hat er, um den Konflikt zwischen den englisch- und französischsprachigen Kamerunern endgültig beizulegen? Und was sind für ihn die größten Herausforderungen? Ein Interview mit Joshua Osih, dem Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Front (SDF):

Patricia Schmitz: In Kamerun werden im Herbst 2018 Wahlen stattfinden. 2011 stellte Paul Biya in einem Manifest seine Vision eines „starken und geeinten Kameruns“ vor. Sieben Jahre später scheint das Land tief zerrissen zu sein. Welche Vision hat die SDF für Kamerun im Jahr 2030?

Joshua Osih: Ich kann Ihnen kein detailliertes Programm vorstellen. Die Partei hat ein Forum, aber es gibt kein offizielles Parteiprogramm. Doch die Krise zwischen dem französisch- und dem englischsprachigen Teil der Bevölkerung ist bei unseren internen Konflikten in Kamerun nur ein kleines Problem.

Patricia Schmitz: Mitglieder der Regierungspartei RDPC bringen anonym und hinter vorgehaltener Hand ihren Wunsch nach einem Führungswechsel zum Ausdruck. Womit hat das System zu kämpfen?

Joshua Osih: In der modernen vernetzten Welt kann man nur regieren, wenn man dem Volk Entscheidungsbefugnisse gibt. Bürger, die wissen, dass ihre Stimmen kein Gewicht haben, werden die Bindung an ihr Land verlieren. Ich glaube an den Leitspruch „Einigkeit macht stark“, doch im jetzigen Zustand ist Kamerun keine Nation. Wir sind eine Gruppe von Nationen mit 70% Christen, 30% Muslimen und rund 300 Stämmen, die ihre eigenen Traditionen und zum Teil auch ihre eigenen Stammessprachen und Rechtssysteme haben.

Patricia Schmitz: Wie wollen Sie die kulturellen Barrieren überwinden?

Joshua Osih: Demokratische Legitimität und eine transparente Führung sind Grundvoraussetzungen für die Stärke einer Nation. Wir leben momentan in einem monarchischen System. Kamerun braucht allerdings viel mehr als einen Regierungswechsel. Das Land muss von Grund auf verändert werden.

Patricia Schmitz: Wie würde das aussehen?

Joshua Osih: Nehmen wir doch einmal die Gleichbehandlung von Männern und Frauen. Das ist ein wichtiges Thema, das auch im Deutschen Bundestag topaktuell ist. Als Parlamentsmitglied habe ich mich in Douala für eine Frauenquote in Vorständen eingesetzt. Wir diskutieren dieses Thema auf demselben Niveau wie die westlichen Nationen. Und ein paar hundert Kilometer weiter südlich leben Stämme nach ihren alten Traditionen. Dort haben die meisten Mädchen keinen Schulabschluss und bekommen mit 16 Jahren ihr erstes Kind. In diesen Stämmen gilt es als eine Schande für die Familie, wenn Frauen bezahlte Arbeit annehmen. Hier muss man rund 10 Jahre Aufklärungsarbeit einplanen, bevor man über die Themen diskutieren kann, die in Douala schon längst auf der Tagesordnung stehen.

Patricia Schmitz: Trotz allem ist Kamerun das wirtschaftlich stärkste Land innerhalb der Zentralafrikanischen Wirtschafts- und Währungsgemeinschaft CEMAC. Biya hat sein Versprechen gehalten, das Bruttoinlandsprodukt jedes Jahr zu steigern. Das Pro-Kopf-Einkommen ist in den letzten zehn Jahren um 12,5% gestiegen. Die Wirtschaft wächst – woher kommt diese zunehmende Verbitterung?

Joshua Osih: Von dem statistisch belegten Wirtschaftswachstum ist bei der Bevölkerung nichts angekommen. Wenn Kamerun sein Durchschnittseinkommen veröffentlicht, werden Frauen, anders als weltweit üblich, bei der Berechnung nicht mit einbezogen. Und schließlich ist das steigende Bruttoinlandsprodukt ein Ergebnis von öffentlichen Bauprojekten. In der Privatwirtschaft ist sehr wenig passiert. Die meisten Leute verdienen nicht genug, um davon leben zu können. Nach einer wachsenden Mittelschicht sucht man vergeblich.

Patricia Schmitz: Ich habe viele Frauen getroffen, die 40.000 CFA-Francs (ca. 61 Euro) im Monat verdienen. Die durchschnittlichen Lebenshaltungskosten liegen bei 200.000 CFA-Francs. Wie funktioniert das?

Joshua Osih: Da es in Kamerun keinen Mindestlohn gibt, reicht ein Job zum Leben nicht aus. Die Schwarzarbeit boomt. Arbeitnehmer zahlen keine Steuern, weil keine Berichte über die Verwendung von Steuergeldern veröffentlicht werden. Durch die mangelnde Transparenz kommt es zu einem Vertrauensverlust – eine ganz natürliche Reaktion.

Patricia Schmitz: Die mangelnde Transparenz schreckt auch ausländische Investoren ab. Im internationalen Korruptionswahrnehmungsindex (CPI) gehört Kamerun seit jeher zu den vorderen 20 Prozent. Wie wollen Sie die Korruption, Ihr größtes Problem, ausmerzen?

Joshua Osih: Ich sehe Korruption nicht als unser größtes Problem an. Korruption ist das Symptom. Die Krankheitsursache ist eine unzureichende Führung. Korruption, Steuerhinterziehung und ein katastrophales Gesundheits- und Sozialversicherungssystem – all das ist auf unsere fehlende Führung zurückzuführen.

Patricia Schmitz: Führung ist in Kamerun nicht nur auf staatlicher Ebene ein Thema. Traditionell ist innerhalb eines Stammes ein männlicher Häuptling Herrscher über zahlreiche Familien. Die Macht geht vom Vater auf den Sohn über. Welche Rolle spielen die Stammeshäuptlinge?

Joshua Osih: Die Patriarchen sind sehr wichtig und verhindern echten Fortschritt. Wissen kann nur bis zu einem gewissen Grad weitergegeben werden. Irgendwann steigt die Lernkurve nicht mehr. Um weitere Entwicklungen anzustoßen, braucht man neue Einflüsse von außen. Außerhalb von größeren Städten können rund 25% der Angehörigen traditionell lebender Stämme weder lesen noch schreiben. Es gibt keine Schulpflicht. Landesweit gibt es enorme Unterschiede beim Bildungsgrad.

Patricia Schmitz: Neben dem Code Civil im anglophonen und dem Code Napoleon im frankophonen Raum gilt in Kamerun Stammesrecht.

Joshua Osih: Ja. Unser Strafrecht ist vereinheitlicht worden. Ansonsten gibt es jedoch auch in rechtlicher Hinsicht kein Engagement zur Schaffung eines Nationalstaates. Traditionelle Stammeshäuptlinge sind als Regierungsberater tätig und nehmen ihre eigenen Interessen wahr. So erhalten sie ihre Macht.

Patricia Schmitz: Die Häuptlinge sind also auch politische Vertreter des Volkes…

Joshua Osih: … und sie verstehen nicht, dass ihr reaktionärer Führungsstil Wachstum verhindert. Mit dem Sozialversicherungssystem, das sie seit 60 Jahren aufrechterhalten, nehmen sie nachfolgenden Generationen ihre wirtschaftliche Zukunft. Diese trügerische Sicherheit verhindert Eigenverantwortung. So entsteht keine Industrie und es werden keine neuen Jobs geschaffen. Hier kann nur ein dezentrales politisches System Abhilfe schaffen. Wir brauchen ein föderales System. Und innerhalb dieses Systems brauchen wir eine Schulpflicht für alle.

Patricia Schmitz: Stattdessen werden hohe Summen in das Militär und die Verteidigung investiert. Boko Haram ist im Norden sehr aktiv. Ich habe von Ihren Parlamentskollegen gehört, dass die Mitglieder von Boko Haram im Gegensatz zu den Mitgliedern des IS nicht für eine Ideologie kämpfen, sondern dass es sich um Wirtschaftsflüchtlinge aus Libyen handelt, die eine bessere Perspektive für sich selbst suchen. Ist das wirklich so?

Joshua Osih: Boko Haram ist eine Folge der westlichen Politik – und eine weitere Folge der fehlenden Führung. Boko Haram heuert junge Männer an, die für 20.000 CFA-Francs im Monat Zivilisten töten. Niemand, der eine andere Perspektive zur Sicherung seines Lebensunterhalts hätte, würde sich auf einen so selbstzerstörerischen Handel einlassen.

Patricia Schmitz: Wie viele Mitglieder hat Boko Haram? Anders als beim IS findet man hierzu kaum Zahlen.

Joshua Osih: Glauben Sie etwa, dass jemand mit einer Liste da rausgegangen ist, um sie zu zählen? Wenn das amerikanische Militär schnell einen Bericht zusammenstellen muss, dann sagen sie, es sind 5.000, und wenn sie mehr Geld benötigen, dann sind es eben 50.000. Wir brauchen keine stärkere militärische Präsenz im Norden, weder von unseren noch von westlichen Truppen. Was wir brauchen sind Jobs, die ein Leben in Würde ermöglichen. Wenn Sie im Norden die Basis für eine funktionierende Wirtschaft schaffen, dann wird alles, was mit dem Kern von Boko Haram zu tun hat, innerhalb von fünf Wochen verschwunden sein. Ich war schon oft an der nigerianischen Grenze und habe mit den sogenannten Terroristen von Boko Haram gesprochen, sowohl offiziell als auch inoffiziell.

Patricia Schmitz: Hatten Sie keine Angst?

Joshua Osih: Nein.

Patricia Schmitz: Warum nicht?

Joshua Osih: Ich habe einen politischen Auftrag. Wenn ich diese gefährlichen Orte nicht selbst besuche, wie soll ich dann Soldaten dorthin schicken? Ein Politiker muss vor allem mutig sein. Wer keinen Mut hat, sollte nicht in die Politik gehen.

Patricia Schmitz: Zum Programm Ihrer Partei wollten Sie nichts sagen. Was wünschen Sie sich denn als Privatperson für Kamerun?

Joshua Osih: Ich würde mir eine Regierung wünschen, die dem Volk dienen will, eine Regierung, die in Kamerun keine oberflächlichen Reformen durchführt, sondern das Land von Grund auf verändert. Unser Land bleibt hinter seinen Möglichkeiten zurück. Wir brauchen eine Führung, die diese Potenziale wieder voll ausschöpft. Das beinhaltet auch tiefgreifende Veränderungen bei unseren Institutionen und eine völlige Modernisierung unseres Gesundheits- und Bildungssystems. Ich wünsche mir eine Regierung, die die Schulpflicht einführt und Chancen für Wirtschaftswachstum schafft. Eine Regierung, die versteht, dass die Wirtschaft nur mit einem starken privaten Sektor wachsen und die Verwaltung nur eine regulierende Rolle spielen kann. Ich wünsche mir in unserer Region auch ein stärkeres Zusammengehörigkeits- und Gemeinschaftsgefühl, insbesondere durch disziplinarische Maßnahmen gegenüber den anderen CEMAC-Staaten. Es muss dafür gesorgt werden, dass sie ihre vertraglich vereinbarten Ziele erreichen. Wir haben eine Zoll- und Währungsunion, doch bei unserer wirtschaftlichen Zusammenarbeit besteht starker Verbesserungsbedarf. Die Nichteinhaltung vertraglich vereinbarter wirtschaftlicher Ziele muss sanktioniert werden. Hier wünsche ich mir, dass auf Worte Taten folgen.

Patricia Schmitz: Vielen Dank für das Gespräch.

 

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