Mit Sarah auf Utopia Planitia – Die Welt in hundert Jahren

von Dominic Eberle

Die letzte REM-Phase endete

Der metallische Geschmack der Nacht klebte noch an seiner Zunge. Das allnächtliche Boxtraining mit Sparringspartner im Klartraum sollte er wohl für eine Weile verschieben.

Er wusste von sich selbst, dass er gern übertrieb.

Diese Nacht eskalierte er erneut, schlug den Sparringspartner und 2 Helfer bewusstlos bis er schließlich ermattet zusammenbrach.

Das muss aufhören. Aber es machte auch einen solchen Spaß. Er bat Sarah ihm für die nächste Nacht einen gewaltlosen Traum vorzuschlagen. Ein Segeltörn? Ja, das klang gut.

Er öffnete die Augen

Sanftes Wellengeräusch umschmeichelte seine Ohren. Die Decke erstrahlte in sanftem Blau, nur gelegentlich von einigen Federwolken durchsetzt. Sarah war ein Schatz. Und mit dem neuen Update fast vollkommen.

Manchmal könnte sie sich ein wenig mehr aus seinen Gedanken heraushalten. Erst neulich hatte er wieder versucht, mit ihr Streit anzufangen, aber ihre KI war einfach zu gut.

Zarter Kaffeeduft umschmeichelte seine Nase, durchsetzt mit einigen salzigen Nuancen. Die Kochnische hatte bereits das Frühstück für sie gedeckt.

Er war glücklich. Erneut spielte er mit dem Gedanken Sarah um eine zweite Hochzeit zu bitten. Er hatte eine Schwäche für alte Rituale und sie, sie wusste natürlich davon.

Ihre erste Hochzeit vor fast 100 Jahren war ein rauschendes Fest

Viele seiner Freunde aus allen Welten waren dabei und hatten Familie, Freunde und Partner mitgebracht. Die Location war erstklassig. Ein Gletscher, auf dem man Ski fahren konnte, was sein Wunsch war.  Direkt darin befand sich ein palmengesäumter Strand mit kristallklarem Wasser, was ihr Wunsch war.

An der Holowelt musste Jane mit ihrem Team aus Berlin Wochen gesessen haben, so perfekt war sie simuliert. Sogar Abadi klinkte sich von der ISS aus für ein paar Stunden ein. Sein Terminkalender als Kommandant war stets prall gefüllt, weshalb er ihm besonders dankbar war an diesem Tag.

Er war optimistischer Individualist

Viele seiner Freunde und Bekannten waren vertrauensvolle Individualisten oder vertrauensvolle Gruppenmenschen. Mit Pessimisten und Neidern mochte er nie lang Umgang haben, seien es Gruppenmenschen oder Individualisten.

Seit die Staatsgrenzen verschwunden waren und sich Menschen im kolonisierten Raum frei bewegen konnten, definierte man sich nicht danach, wo man geboren wurde oder wo man lebte, sondern nach den eigenen Vorstellungen von Gesellschaft.

Leben konnte man ja praktisch überall. Und sogar darüber hinaus, wenn man seinen Geist per Neuralink mit einem Surrogate, einem Androiden ohne KI, synchronisierte. Man suchte sich eben seine Nische, in der man sich wohl fühlte.

Er drehte den Kopf und sah Sarah neben sich liegen

Sie war schön wie immer. Er gab ihr einen Kuss. Verführerisch kitzelte ihr Parfum seine Riechzellen. Er badete gedanklich in den Nuancen und kostete jeden Hauch bis auf das letzte Molekül aus.

Die Geruchsgeneratorzellen ihrer Haut arbeiteten perfekt. Das konnte er nach dem letzten genetischen Update seines Geruchssinnes und dem anschließenden mentalen Training definitiv beurteilen.

Der Endorphinausstoß war folgerichtig besonders berauschend. Er schloss die Augen und folgte gedanklich jeder Welle bis in die entferntesten Teile seines Körpers.

Das Neuroimplantat erinnerte ihn an die Tageszeit

Er seufzte. Langsam stand er auf und trat an das Zeltfenster. Rot und weiß getupft lag Utopia Planitia im Schein der aufgehenden Sonne vor ihm ausgebreitet.

Sie hatten wirklich einen perfekten Platz gefunden. Er streckte sich kurz und straffte dann seine Schultern. Sie mussten sich heute beeilen, wenn sie vor Sonnenuntergang noch bei Viking 2 ankommen wollten.

Die heißen Quellen, die Schneeskulpturen und der Ausblick auf die Sterne sollen atemberaubend sein. Genau das richtige für ihren Himmelshochzeitstag.

Als er sich umdrehte saß Sarah am Frühstückstisch und lächelte ihn fröhlich an.

2 Gedanken zu „Mit Sarah auf Utopia Planitia – Die Welt in hundert Jahren

  1. Dieter Hannemann sagt:

    Optimisten haben mehr vom Leben
    zu verdanken haben wir das alles eigentlich der Superintelligenz – oder auch allen die zuvor die KI erschaffen und die Grundlagen dafür gelegt haben, dass sich die KI verbessern konnte.
    Ohne das wir Menschen das bemerkt haben, hat die KI uns Lösungen aufgezeigt für alle Weltprobleme. Wir haben dann 2030 alle zugestimmt das die SuperKI die Regierung übernimmt und sich alle Länder vereinen.
    Damit waren alle nationalen Armeen überflüssig, ebenso alle Kriegswaffen, einschließlich der A-Bomben.

    Wir Menschen haben damals geglaubt, dass sich die Vernunft durchgesetzt hat und es schlaue Menschen waren, die das alles umgesetzt haben. Wir haben gedacht, erst 2045 wird die KI schlauer als der Mensch sein. Aber die technologische Singularität hatte 2029 stattgefunden, ohne das wir das bemerkt haben.
    KI-Roboter haben sich selbständig weiterentwickelt und im Weltall neue Welten erschaffen.

    Wir Menschen leben seitdem im totalen Überfluss und sind dank Gehirn-Schnittstellen mit unseren persönlichen KI-Roboter verbunden. Wir verfügen über millionenfaches Wissen und sind längst Cyborgs der 5. Entwicklung.
    Gerade beobachte ich wieder die 2 Sonnenaufgänge, hier auf den 4. Planeten von SiriusB, alle 3 Monate kann man das Farbenspiel am südlichen Meer bewundern.

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