Die letzte Stunde im Hauptquartier Sankt Oswald – die Welt in hundert Jahren

von Gerhard Zirkel

Sankt Oswald – 15.03.2118 X-IA Hauptquartier

Leichten Schrittes verließ er die Eingangstüre und ging die paar Meter durch den Tunnel zu seinem EUV. Bis zum Büro des Kanzlers waren es nur ein paar Meter, aber niemand ging hier irgendwo zu Fuß hin. Schon lange nicht mehr. Nicht im innersten Zentrum der Macht.

Die Luft draußen war schon lange nicht mehr atembar

Die letzten Jahrzehnte waren hart gewesen – für die Anderen. Frische Luft und natürliche Umgebung kannte er aus Büchern und von Bildern. Muss schön gewesen sein, damals. Angefangen hatte es sehr vielversprechend, es muss um das Jahr 2018 gewesen sein.

Damals kam der Begriff der X-Frequencer auf

Eine Bezeichnung für Leute, die energetisch hoch schwingend waren. Auch wenn man sie zu der Zeit noch als hochsensibel bezeichnete. Da waren sie alle drauf abgefahren, die ganzen Spirituellen. Auch sein Vater, der war damals mittendrin gewesen.

Alle, die von sich selbst glaubten, dass sie was Besonderes wären, dabei haben sie sich nur was vorgemacht.

Sie glaubten, die Welt retten zu können

Wobei, einige von denen  hatten wirklich was drauf. Der X-Guard zum Beispiel, sein Vater, der hatte es drauf. Der hat es damals schon kapiert, wo die Welt hin geht und der hat es richtig gemacht.

Die X-IA hat er gegründet, unter anderem

Hat sich nicht mehr mit den ganzen Opferlämmern abgegeben, sondern für die gearbeitet, welche die Macht hatten. Die Konzerne vor allem. Deshalb auch der Name X-Guard, er war der energetische Beschützer der führenden Kaste gewesen. Aber am Ende hat auch er nicht vorhergesehen was dann passiert war.

Wer hätte auch ernsthaft an ihre Rückkehr gedacht?

War das damals Mitte des 20. Jahrhunderts nicht dramatisch genug gewesen? Aber es war dann doch passiert und sein Vater hatte seinen Anteil daran. Früher, da hat er es nicht so mitgekriegt, als Kind. Da war die Welt in Ordnung gewesen.

Sicher, er hatte schon gemerkt, dass sie etwas besonderes waren

Während der Jahrzehnte des großen Kriegs gehörten sie zu den wenigen die etwas zu essen hatten und geschützt waren. Millionen von Menschen waren jämmerlich verreckt, als Kind freilich, konnte er sich das nicht recht vorstellen. Und warum erst recht nicht.

Sein Vater der war mittendrin, immer noch der X-Guard aber jetzt nicht mehr für die Konzernbosse sondern für den neuen Führer. Einen, der nicht etwa aus den Reihen der Politik kam.- Denn die hatte schon längst keine Macht mehr.

Nein, er war aus den Reihen der Konzerne gekommen. Lang war ihm nicht klar gewesen, wie das passieren konnte.

Bis es ihm sein Vater erzählt hatte, auf dem Sterbebett, eine Art Beichte

Wie er langsam vom reinen Beschützer zum aktiven Part wurde. Wie er zuerst zaghaft und dann ganz unverhohlen auf die dunkle Seite gewechselt war, als er anfing Gegner auszuschalten. Das alles, um seinen Boss zu stärken. Dass er auf schwarzmagische Weise ganze Konzernstrukturen umbaute, wie er unliebsame Widersacher ausschaltete. Weltweit.

Das war ein Schock gewesen. Ein großer Schock

Aber er hatte seinem Vater auch die Karriere zu verdanken. In der X-IA, jener Behörde die das Zentrum der neuen Macht darstellte. Er war dort rasend schnell aufgestiegen, von Ebene zu Ebene, das Erbe seines Vaters. Und er hatte es ja auch drauf, das ganze magische Zeug.

All das ging ihm durch den Kopf in den wenigen Minuten, die er ins Büro brauchte

Zu der Besprechung, zu der er gerufen war. Angesicht zu Angesicht mit dem Kanzler, dem Allmächtigen. Ja, er hatte Zugang zu dieser Ebene der Macht und er würde sie nutzen. Ja, das würde er.  Vorbei an den ganzen grauen Gesichtern – über die Treppe, den Fahrstuhl hinauf. Vorbei an noch mehr Gesichtern.

Unbehelligt, denn er gehörte längst zum inneren Kreis der Macht

Keiner misstraute ihm, keiner konnte ihn aufhalten, außer dem Kanzler selbst. Als er vor ihm stand, war sein Weg klar. Alles was er war, lag klar vor ihm. Der zweitmächtigste Mann im Reich, ihm gegenüber der mächtigste. Es musste ein Ende haben, es musste jetzt aufhören.

In einer fließenden Bewegung zog er die Waffe, richtete sie aus, zwei Menschen, zwei Schüsse, beide direkt ins Ziel.

 

 

Erfahre mehr über das Projekt „Realität, Utopie und Glosse“ und die Welt in hundert Jahren

 

 

 

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