Bioplastik aus Mexiko: Mit Agavenfasern die Welt verändern

Fernanda Odorica Bechelanyvon Paula Pröve, Titel-Illustration Susanne Gold

Es startete als ein Projekt für die Universität, das Instituto Tecnológico y de Estudios Superiores de Monterrey. Die Aufgabe: Integriere eine natürliche Faser in ein beliebiges Material. Das war der Anfang des Agaven-Bioplastiks, entwickelt von der 22-jährige Studentin für Produktdesign, Fernanda Odorica Bechelany aus Mexiko City. Inzwischen hat sie bereits den „Second Life of Things in Design“-Award von Cumulus Green gewonnen und arbeitet zusammen mit einem Start UP, um ihr Produkt zu perfektionieren.

Der Herstellungsprozess

Fernanda Odorica stellt den biologisch abbaubaren Plastikfilm mit einem ganz einfachen Verfahren her. Sie erhitzt Maisstärke und gibt dann die Agavenfasern dazu. Die Fasern dienen als flexible Bindungskomponente. Dann breitet sie die Masse flach aus: Ein zwei Meter breiter und zwei Meter langer dünner Film entsteht. Mit diesem Maß lässt es sich gut experimentieren. Das bisher noch heiße und flüssige Plastik wird dann zum Trocknen ausgelegt. Im trockenen Zustand ist der Film immer noch sehr flexibel und kann unter anderem in eine Plastiktüte verarbeitet werden. Um das Plastik abzubauen, legt man es in die Erde. Abhängig von der Stärke des Materials braucht es mehrere Monate, um sich selbst abzubauen und der Erde als Dünger zu dienen.

Mit regionalen Abfallprodukten arbeiten

Fernanda Odorica ist sehr stolz, aus Mexiko zu stammen. Sie ist dort aufgewachsen und hat sich, trotz ihres Abschlusses an einer deutschen Schule, dazu entschieden, in Mexiko City zu bleiben und dort zu studieren. Für sie ist es wichtig, nahe bei ihrer Familie zu bleiben und in ihrer regionalen Kultur zu leben. Mit dem Gedanken der Regionalität ist sie auch an ihr Projekt gegangen. Sie wollte ein Material verwenden, das in Mexiko häufig aufzufinden, aber nicht mehr gut nutzbar ist. Nach etwas Recherche ist sie auf die Agavenfaser gestoßen. Agaven werden in Mexiko zur Herstellung von Tequila verwendet. Aus dem Kern der Pflanze stellen die Mexikaner Agavenschnaps her. Alles andere wird entsorgt. Für einen Liter Tequila fallen etwas über drei Tonnen an Fasern an. Bei ungefähr 96 Millionen Liter pro Jahr sind das um die 289 Tonnen Bioabfall. Teile dieser Fasern werden, laut der Studentin, dann noch auf dem Wochenmarkt als Düngemittel für die Bauern verkauft.  Trotzdem bleibt sehr viel übrig. Genau da hat Fernanda angesetzt. Ihr biologisch abbaubares Plastik ist leicht aus regionalen Materialien herzustellen und zugänglich für jeden. Ihr Gedanke ist, dass jedes Land und jede Region auf die Produkte und den Abfall schauen sollten, der regional anfällt und das Potential für mehr Nachhaltigkeit besitzt. Der Vorteil: Es gäbe weniger regional-spezifischen Abfall. Und die verarbeitende Industrie ätte aufgrund der Regionalität des Produkts keine unnötigen und umweltschädlichen Transportkosten.

Agavenfasern sind reißfester als andere Biofasern

Bei der Herstellung von biologisch abbaubaren Plastikalternativen kommt es wesentlich auf die Bindungskomponente an. So gibt es auch viele Plastikvarianten aus Mango- oder Orangenfasern. Diese können genau wie Fernandas Agavenplastik in die Erde gelegt und durch den Abbauprozess als Dünger verwendet werden, wie die Studentin erklärt. In der Regel sind diese Alternativen jedoch nicht so reißfest und langlebig wie gewünscht. Das ist der entscheidende Unterschied zu Agavenplastik. Die Oberfläche ist rauer als „normales“ Plastik, fühlt sich aber sonst genauso an. Dennoch ist es nicht sofort als Plastik zu identifizieren. „Es trägt nicht die chemische Bleiche und Gerüche“, erklärt Fernanda. Somit erscheint es wie ein Naturprodukt.  Trotz seiner Elastizität ist es reißfest und langlebig. Dieses Kriterium war ebenfalls wichtig für die Erfinderin des Bioplastiks. Und als Designerin liegt ihr das Aussehen des Produkts ebenfalls am Herzen. Das Produkt soll optisch ansprechend sein, so dass die Menschen einen Anreiz haben, es auch wegen der Optik zu kaufen.

Mit Agavenfasern in die Zukunft

Fernanda könnte sich vorstellen, ihr Produkt irgendwann einmal auch an die Modeindustrie zu verkaufen. Jetzt schaut sie erstmal auf die Preisverleihung von Cumulus Green im Sommer dieses Jahrs in Mailand. Ihr Ziel ist es bis dahin, weiter mit dem Start UP „Biointellectus“ an ihrem Produkt zu arbeiten und ihr Produkt langlebiger zu machen. Biointellectus ist ein Unternehmen, welches ebenfalls von Studenten ihrer Universität gegründet wurde. Anders als Fernanda wollen sie sich darauf konzentrieren, ein Bioplastik ohne jegliche Fasern als Bindungskomponente herzustellen. Folgend will sie sich erstmal auf dem regionalen Markt bekannt machen. Wo, weiß sie noch nicht genau. Vielleicht könnte sie das Material vorläufig als eine Verpackungsalternative anbieten und an Supermärke verkaufen.

Fernandas zwei größten Ziele sind, das Produkt so weiterzuentwickeln, dass das Plastik mit Agavenfasern das Material Polyvinylchlorid (PVC) in manchen Produkten ersetzen kann. PVC ist ein Kunststoff, den man inzwischen so gut wie überall findet. Von Fußböden über Kinderspielzeug bis hin zu Verpackungsklebefilm. Er ist schädlich, da er sich nicht von allein abbaut und deshalb oft verbrannt wird. Im Verbrennungsprozess entstehen dann ätzende Chlorwasserstoffdämpfe, die wiederum aufwendig gefiltert werden müssen. Fernandas Produkt als Ersatz wäre nicht nur besser für die Umwelt, sondern auch für die Gesundheit der Menschen. Das zweite Ziel von Fernanda ist eine Tasche aus ihrem Agavenfilm. Hier kommt die kreative Designerin in ihr heraus. Sie möchte mit natürlichen Farben experimentieren, um die Tasche nicht nur funktionell attraktiv, sondern auch äußerlich schön zu gestalten.

Mexikos Nachhaltigkeit ist nicht so nachhaltig wie es scheint

Zu Beginn des Jahres 2020 wurde in Mexiko beschlossen, alle Einwegprodukte aus nicht recyclebarem Plastik zu verbieten. Ein toller Schritt nach vorne. Doch leider nicht nach Fernandas Meinung. Die neu verwendeten Stoffe sind immer noch schädlich und brauchen spezielle Maschinen, um kompostiert und abgebaut zu werden. Das Bewusstsein der Bevölkerung hat sich zu dem Thema Wegwerfprodukte immer noch nicht geändert. Die Dinge werden einmal benutzt und dann entsorgt. Diese Produkte, ob es nun Tüten oder andere Verpackungsmitteln sind, werden durch ihre Preise nicht als langfristig brauchbares Produkt angesehen. Man kauft sie neu, nur um sie erneut wegzuwerfen. Das muss sich ändern. „Man muss Plastik den Wert geben, den es auch hat. Es ist schädlich und verschwindet nicht“, so lautet die Aussage der Studentin. Sie möchte den Leuten ein Produkt geben, welches lange hält und nicht so leichtfertig weggeworfen wird.

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Kommentare

One comment on “Bioplastik aus Mexiko: Mit Agavenfasern die Welt verändern”
  1. Eine großartige Idee, die hoffentlich zahlreiche Unterstützer besonders in Europa findet! Großartig ist auch, dass Fernanda in ihrem wunderbaren Land bleiben möchte. Nur kreative und Werte orientierte Menschen, wie sie selbst, können Mexico vor der Zerstörungswut korrupter Politiker und derjenigen der Drogenhändler retten.

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