Interview mit Professor Gerald Hüther (1): Hate-Speech

Titelfoto Vivian Haddad/ Interview Susanne Gold

Prof. Hüther, Foto by Michael Liebert

Professor Gerald Hüther ist Neurobiologe und zählt zu den bekanntesten Hirnforschern im deutschsprachigen Raum. Er ist Autor zahlreicher (populär-) wissenschaftlicher Publikationen und Vorstand der Akademie für Potentialentfaltung.

Grundsätzlich sind Menschen auf Problemlösung programmierte Wesen. Warum neigen Menschen – besonders im digitalen Raum dazu – Probleme mit Aggression und Schuldzuweisungen zu lösen?

Hüther: Jede Krise, die wir erleben, bedeutet, dass etwas eingetreten ist, für das wir noch keine Lösung haben. Solche Situationen erzeugen im Gehirn ein gewisses Durcheinander, welches man wissenschaftlich als „Inkohärenz“ bezeichnet.

Dieses Durcheinander spielt sich vor allem im Frontalhirn, in der präfrontalen Rinde ab und breitet sich dann auf tieferliegende Bereiche aus. Die Verunsicherung ist als Angst im ganzen Körper zu spüren. Das ist ein sehr unangenehmes Gefühl und in der Folge suchen Menschen nach einer Möglichkeit, dieses Gefühl abzustellen.

Wer eine solche unspezifische Angst empfindet muss reagieren. Dabei hat man zwei Möglichkeiten: Einerseits kann man sich an jemandem anlehnen, der einem sagt, was zu tun ist. Das führt dazu, dass man Anordnungen ausführt, die vorgegeben werden –  bis dahin, dass der eigene Kopf ganz ausgeschaltet und nur noch das erledigt wird, was von der Instanz vorgegeben ist.

Eine andere Möglichkeit besteht darin, nicht zu glauben und nicht zu machen, was vorgegeben wird. Dabei wird die Instanz als nicht kompetent und unglaubwürdig etikettiert. Es bleibt  Verunsicherung im Hirn bestehen und dann folgt jenes merkwürdige Phänomen des menschlichen Hirns, dass sich die Verunsicherung dann verflüchtigt, wenn man einen Schuldigen findet.

Ein Feind der für die Misere verantwortlich ist, wird kreiert. Es folgt ein archaisches Notfallprogramm, welches aus dem Stammhirn heraus aktiviert wird. Darauf reagiert der Mensch mit Angriff – er bekämpft den (vermeintlichen) Feind.

Aber warum passiert das so intensiv in den sozialen Medien?

Hüther: Die sozialen Medien laden regelrecht dazu ein, sich selbst zum Maßstab der eigenen Meinungsäußerung zu machen, denn man kann über die digitalen Medien alles Mögliche verbreiten, ohne irgendeine Rückmeldung, auch nicht in der Mimik und Gestik seines Gegenübers, befürchten zu müssen.

In dem Augenblick, in dem ich einer Person gegenübersitze und ihr sage, dass sie an irgendetwas schuld sei, dumm ist oder sie in sonst irgendeiner Art und Weise beleidige, dann sehe ich eine Reaktion. Diese Reaktion zeigt mir, wenn ich übers Ziel hinausgeschossen bin.

Mein Gegenüber reagiert körperlich, fängt vielleicht an zu weinen. Das ist die soziale Bremse, die uns daran hindert, unsere eigenen Vorurteile unbedacht gegenüber Dritten deutlich zu machen. Diese Art von Rückkopplungsmechanismus fällt in den digitalen Medien komplett weg.

Dort kann jeder alles sagen und braucht sich überhaupt nicht darum zu scheren, wie es dem anderen dadurch geht. Damit ist die wichtigste Voraussetzung für einen Austausch und für eine fruchtbare Kommunikation nicht mehr gegeben. Hinzu kommt, dass man sich in den sozialen Medien mit seinen Meinungen nicht allein fühlt, weil man sich mit anderen verbünden kann, die die gleichen Beschuldigungen vortragen.

So entsteht dann jene bisweilen eine sonderbare Kraft, das wir „Blase“ nennen, eine Blase von Gleichgesinnten. Dann wird es fast immer gefährlich. Ein Einzelner kann sich mit seinem Vorgehen sehr verirren, aber wenn sich eine ganze Gruppe mit ihrem Vorgehen, ihren Denk-, Gefühls- und Handlungsmustern zusammentut und das Ganze in eine sonderbare verirrte Richtung abdriftet, dann wird es richtig gefährlich.

Fortsetzung folgt.

Mehr von Professor Hüther über das Thema Angst und den Umgang damit erfahren? Kannst Du hier: Wege aus der Angst.

Kommentare

One comment on “Interview mit Professor Gerald Hüther (1): Hate-Speech”
  1. Corinna Heumann sagt:

    Ein spannendes Feld, auf dem es mich besonders interessieren würde, wie zivilisatorische Prozesse in der säkularen Bildung, der Kunst und Kultur gezielt eingesetzt werden können, um als Korrektiv destruktiver angstgesteuerter, neurobiologischer Abläufe zu wirken?

    Gibt es eine humanistisch programmierbare Zone im menschlichen Gehirn? Ich denke dabei an den berühmten Film ‚Clockwerk Orange‘ von Stanley Kubrik.

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