Ist der Homo Sapiens noch zu retten? (2/52)

Ilustration von Susanne Gold/ Text von Ted Ganten

Die Realität

Zunächst gilt es, gemeinsam die ersten Pfeiler in den weichen Boden der Realität zu klopfen. Was sind unsere größten Probleme? Wie werden sich die Technologie und die Menschheit weiterentwickeln? Was davon ist beeinflussbar, so dass wir unsere Energie darauf konzentrieren können? Und in dieser neuen Welt, wie sollen wir Gut und Böse voneinander unterscheiden? Oder reichen uns die Gesetze des Marktes, die zehn Gebote oder der kategorische Imperativ Kants? Erst nachdem diese Themen zumindest dargestellt wurden, stelle ich die Idee diese Buches vor. Einen Weg, der uns  bei der Gestaltung der großen Herausforderungen der Zukunft unterstützen kann.

Wachstum und Ressourcen:

Nun sind wir 7+ Milliarden Menschen und werden täglich mehr. Die Prognosen sprechen von 10 Milliarden bis 2055. Der pro-Kopf-Verbrauch an Energie steigt weiter an. Die Ressourcen an Energie, Rohstoffen, Essen und Wasser sind begrenzt. Natürlich kann man die Meinung vertreten, wir hätten in erster Linie ein Verteilungsproblem. Derzeit. Projektionen über die nächsten hundert Jahre sehen aber nicht rosig aus. Zudem lässt sich aus den Industrienationen heraus auch schlecht argumentieren, die anderen Menschen hätten kein Recht auf einen vergleichbaren Ressourcenverbrauch. Denn neben der Anzahl der Menschen, wird sich auch der pro-Kopf-Verbrauch an Energie multiplizieren. Es bleibt ein irritierendes Konzept, dass reiner Zufall und die juristische Erfindung des Eigentums darüber bestimmen, wann, wie und warum wir die Millionen Jahre alten Ressourcen unseres Planeten verwerten. Der Kampf ums Wasser, Seltene Erden und Mineralien hat längst begonnen. Die Luft beginnen wir gerade erst als Ressource zu entdecken. Noch leben wir in einer Welt des Überflusses. Das wird sich ändern.

Krieg und Frieden:

Wir sind eine aggressive Spezies. Obwohl uns die letzten 70 Jahre, zumindest in so großen Teilen der Welt wie noch nie zuvor, einen stabilen Frieden geschenkt haben, geht der Trend derzeit wieder in eine kritische Richtung. Wirtschaftlicher Protektionismus, wie er aktuell von vielen wortgewaltigen oder zumindest lauten Staatsoberhäuptern betrieben wird, ist der Vorbote des Nationalismus. Die UNO verliert an Unterstützung. Die EU kämpft mit dem ersten Austritt. Die Berechtigung der supranationalen Zusammenschlüsse inklusive der NATO wird öffentlich angezweifelt. Diese Destabilisierung, wenn auch oft aus vordergründig berechtigten wirtschaftlichen Gründen getrieben, gefährdet mittelfristig den Frieden. Die mangelnde Wertschätzung, die dem Thema Frieden derzeit zukommt, ist wohl ironischer weise die Kehrseite des tatsächlichen Vorhandenseins des Friedens. Ein Großteil der heutigen Generation kennt nichts anderes und hält Frieden für selbstverständlich.

Glückssuche und Religion:

Eine Polarisierung findet auch im religiösen Umfeld statt. In den westlichen Industrienationen lösen sich Weltanschauungen in einer gewissen Interessenlosigkeit auf. Konsum ist aus der Asche der Religion als Daseinsberechtigung aufgestiegen. Andeutungsweise spirituell bleibt die Suche nach der Steigerung des individuellen Glücks, wie sie in unzähligen Kursen und Workshops von Yoga und Meditation bis NLP (Neuro-Linguistisches Programmieren) angeboten wird. Das meine ich nicht abwertend. Einige dieser spirituellen Pfade sind in eine Weltanschauung eingebettet und unterstützen eine ethische Lebensweise. In den meisten Fällen werden diese Angebote jedoch nicht wegen ihrer ethischen Komponente angenommen, sondern weil sie einem „guttun“. Auch das ist nicht falsch. Die Suche nach individueller Glücksoptimierung ist evolutionär angelegt. Es hilft allerdings nicht bei der Suche nach einem gesellschaftlichen Konsens und bildet kein grenzüberschreitendes, gemeinsames ethisches Grundverständnis.

Gleichzeitig scheint insbesondere im muslimischen Umfeld eine Konzentration, teilweise sogar Rückbesinnung auf religiöse Werte stattzufinden. Dies geht in einigen Regionen, Staaten und Glaubensrichtungen so weit, dass es zu Ausgrenzungen von Andersgläubigen kommt und Erkenntnisse der Wissenschaft und Aufklärung ignoriert werden. Diese Tendenz ist nicht auf den Islam begrenzt. Die „intelligent design“ Bewegung vorwiegend amerikanischer Christen vertritt die Ansicht, dass der Mensch nicht vom Affen abstammen kann, weil uns Gott nach seinem Ebenbilde geschaffen hat. Dies ist keine kleine Gruppe von Sektierern. Es ist die vorherrschende Meinung in vielen Südstaaten (dem sogenannten „Bible Belt“) und wird dort in den öffentlichen Schulen unterrichtet. Auch die Einflussnahme von am Wortlaut der Bibel orientierten, ausgrenzenden Christen in den USA – wie zum Beispiel der „Family“ – nimmt zu. Mit Aufklärung hat das wenig zu tun.

Zusammenfassung:

In Summe kommt man nicht umhin festzustellen, dass die Bevölkerung des Planeten Erde – trotz aller Globalisierung und Vernetzungsmöglichkeiten und trotz Aufklärung und wissenschaftlicher Erkenntnisse – nicht auf dem besten Wege des Zusammenwachsens ist. Im Gegenteil: Politische und religiöse Kräfte, die ab- und ausgrenzen, scheinen allerorten Zulauf zu haben. Selbst für Umweltschutz muss man heutzutage „kämpfen“ und sich von den „anderen“ distanzieren.

Das war die Bestandsaufnahme. Meine Sicht auf die derzeitige Realität. Nächste Woche schauen wir gemeinsam in die Zukunft. Wie könnte es weitergehen?

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