Wie es weitergeht (3/52)

Ilustration von Susanne Gold/ Text von Ted Ganten

Wird es Krieg geben?

Wenn wir das, „was schief läuft“ in die Zukunft extrapolieren, sehen wir, wie die Schere zwischen arm und reich weiter auseinander geht. Die Ressourcen sich verknappen. Die Polarisierung voranschreitet. Dies sind Vorboten des Krieges. Man sollte meinen, dass die Einsicht bei einem zig-tausend-fachen Overkill allein durch Atomwaffen einer waffenbasierten Auseinandersetzung entgegensteht. Bisher wird gerade dieser Abschreckung eine wichtige Funktion bei der Friedenssicherung zugesprochen. Doch die Erinnerung an die Gräuel des Krieges in den derzeitigen Generationen verblasst. Darüber hinaus gibt es noch einige psychologische Phänomene, die neue, größere Kriege in nicht allzu ferner Zukunft wahrscheinlicher werden lassen.

Akzeptanz

Die kommenden Jahrzehnte beschleunigten technologischen Fortschritts werden auch im Bereich der Kriegsführung die Ungleichheit unter den Nationen weiter vorantreiben. Wenn mit autonomen Kampfsystemen der Blutzoll auf einer Seite extrem geringgehalten werden kann, besteht die Gefahr einer erhöhten gesellschaftlichen Akzeptanz neuer Kriege. Insbesondere, wenn die Kriege auch noch räumlich in großer Distanz geführt werden. Aufgrund ihrer medialen Aufbereitung wird diese Kriegsform wahrscheinlich sogar als spannend empfunden. Vielleicht ersetzen sie in naher Zukunft andere Reality Shows oder Serien, werden wie E-Sport-Events über entsprechende Online-Plattformen ge-streamt. Jedenfalls war schon bei Desert Storm, dem Einmarsch einer von den USA geführten Allianz in den Irak, eine Tendenz zur Reality Show zu erkennen. Auch die Suche und Ermordung von Osama bin Laden war medial inszeniert. Es wurden Bilder von Barack Obama gezeigt, der im War Room in Washington live auf die Kameras der ausführenden Spezialeinheit geschaltet war … Das erinnert an jede zweite Action Serie, die gerade läuft.

Verzweiflung

Je größer der Druck auf die etablierten, religiösen Systeme durch Fortschritt und Erkenntnis wird, desto stärker werden sie um ihre Existenz kämpfen müssen. Der Feind im Außen ist willkommener Anlass, das Gemeinschaftsgefühl der Gläubigen zu stärken. Mir leuchtet schon kein Gott ein, der uns als Krone der Schöpfung bezeichnet, während die Schöpfung nachweislich noch im Gange ist (Evolution). Noch weniger scheint mir ein allmächtiges Wesen einzuleuchten, dass uns Menschen dazu anspornt, Unfrieden zu bringen und gegen seine eigene Schöpfung zu kämpfen … aber es reichen wenige, die an ihrem Glauben und ihrer Macht festhalten, um großen Unfrieden zu säen. Die Verzweiflung, die Unmöglichkeit Jahrtausend alte Anstrengungen als überflüssig abzuwerten und der Glaube daran, zumindest nach dem Tod „ein gutes Leben zu haben“, wird diese Menschen blind für jedes rationale Argument und die Einsicht in möglichen Folgen machen.

Psychoblasen

Als psychologische Grundströmung können Soziale Medien und individualisierte Suchalgorithmen eine Rolle als Katalysatoren/Brandbeschleuniger spielen. Sie schließen eine wachsende Anzahl von Menschen mehr und mehr in sich selbst bestätigende Filter-Blasen ein. Bei Facebook befreundet man sich mit Personen, die ähnlich denken wie man selbst und das führt zu Vorschlägen und Angeboten, die sich wiederum im gleichen Freundeskreis und Meinungsbild bewegen. Insoweit ist vieles öffentlich und einem anderen Kohärenzdruck ausgesetzt. Mehr und mehr bewegt man sich also in einer realen Welt, die digital vorgefiltert ist. Algorithmen von Suchmaschinen generieren Trefferlisten nach den (politischen und weltanschaulichen) Präferenzen der Suchenden. Auch sie tragen dazu bei, dass wir uns immer weniger mit Menschen, Medien und Meinungen auseinandersetzen, die einen anderen Blick auf die Welt haben – es sein denn, um sich zu empören, sich abzugrenzen und damit den eigenen Standpunkt weiter zu verfestigen. Toleranz wird also auf vielen Ebenen nicht mehr gefragt und trainiert. Dies allein ist natürlich kein Grund in den Krieg zu ziehen. Es setzt aber über die Beeinflussbarkeit der Massen sowie fehlende Toleranz und Kompromissbereitschaft die Widerstände gegen (bewaffnete) Konflikte herunter.

Medien

Mediale Inhalte erreichen uns dank unserer Smartphones überall und immer. Sie brauchen immer krassere Skandale und gewaltigere Katastrophenbilder, um die Aufmerksamkeit zu fangen. Wir leben in einer Welt der Katastrophen und medialen Verzerrung. Es ist erstaunlich zu betrachten, wie unterschiedlich über einen Raketenangriff auf Israel aus dem Gazastreifen in der Welt berichtet wird. Denkungsgleich ist das Phänomen, dass die Berichterstattung immer stärkere Bilder sucht. Am erstaunlichsten sind die Live-Mitschnitte von Katastrophen und Attentaten, die teilweise von den Betroffenen oder sogar von den Attentätern selbst in das Netz ge-streamt werden. Wir sind süchtig danach. Die Art und Weise der Berichterstattung trägt zur Polarisierung bei und ist eine sich selbst bestätigende Prophezeiung. Mord, Totschlag und Vergewaltigung sind omnipräsent. Und wenn vor Ort nichts Schlimmes passiert, wird eine Titelzeile von einem Schusswechsel in Pakistan bebildert. Gewalt ist etwas Normales geworden. Wir wollen es. Ohne diese Reizüberflutung in Zeitungen, im Fernsehen, in Dokumentationen, in Computerspielen spüren wir das Leben nicht mehr richtig.

Die genannten Gründe sprechen dafür, dass größere kriegerische Auseinandersetzungen auf uns zukommen. Es lassen sich noch einige andere Entwicklungen – mit einer gewissen Unschärfe – aber doch relativ deutlich voraussagen. Dazu mehr in den nächsten Wochen.

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