Die Lösung aller Probleme? Durch Bewusstsein wieder ganz Mensch sein – Die Welt in hundert Jahren

von Dr. Jan Ullmann

Pablo liebte es, jungen Menschen die Entwicklung der Menschheit der letzten 100 Jahre zu zeigen. Er führte die Schüler durch die Galerie. Das erste Kunstwerk zeigte die dramatischen Gegensätze von damals und heute.

„Wir haben erreicht, was vor 100 Jahren schon als ‚die nächste Evolutionsstufe des Menschen‘ vorausgesagt wurde“, erklärte er dazu. „Wir sind unseres eigenen Bewusstseins bewusst geworden. Dies führte zur Lösung aller Probleme, derer wir uns damals noch ausgesetzt sahen: Liebevolles Miteinander statt Hass. Achtsamer Umgang mit der Natur statt Zerstörung und Gier. Bewusste, kreative Potentialausschöpfung eines jeden Einzelnen statt ein unbewusstes, konditioniertes Leben. Doch wie kann das sein, dass dieses Bewusstsein zu diesen positiven Umständen führt? Dazu muss ich die ‚Grundstörung‘ des Menschen erklären, die es 2019 noch zu großen Teilen gab.“

Essenziell und doch oft übersehen: Das menschliche Bewusstsein

Das zweite Bild zeigte Menschen, die in ihrem eigenen Kopf gerade aus dem Bett stiegen, also in sich selbst erwachten und dort in einen Spiegel blickten.

„Die Essenz des Menschen ist sein Bewusstsein“, erklärte Pablo dazu. „Es ist wie die Leinwand in einem Kino: Ohne dieses wären wir nicht ‚da‘, könnten nichts wahrnehmen. Es ist die Projektionsfläche für alles, was in unserem Leben passiert. Wie ein Gefäß, das ausgefüllt ist mit dem, was wir gemeinhin ‚Leben‘ nennen. Das Problem: Viele Menschen waren sich dieses Bewusstseins nicht bewusst, obwohl es jeden einzelnen von Geburt an begleitet. Stattdessen verloren sie sich in Gedanken. Auch wenn es fast zu einfach klingen mag: Es sind stets nur Gedanken, die die Ursache für unsere Probleme sind; die Stimme in unserem Kopf. ‚Mein Land, mein Gott, meine Rasse ist besser als deine‘, ‚ich habe eine problematische Lebensgeschichte an der andere Schuld sind‘, ‚ich muss noch das und das in Zukunft erreichen, erst dann kann ich glücklich sein‘. Doch kein Mensch wird rassistisch oder mit einer problematischen Lebensgeschichte geboren.“

Das dritte Bild zeigte einen Menschen, aus dem Geister stiegen, welche ihm die Richtung befahlen. Pablo sprach weiter.

„Die Gedanken werden von Geburt an über Konditionierung aus Erziehung, Bildung, Gesellschaft, Medien usw. in unser Gehirn ‚eingetrichtert‘, vor allem in der Kindheit. Das Ergebnis davon sind Glaubenssätze über sich selbst, die Realität und Kultur – kollektive Glaubenssätze – und ein ‚Verstandsfilter‘, der sich über die Realität der Dinge wie ein Schleier legt. Das ist erstmal nicht problematisch, nur wenn diese Gedanken ein permanentes, unterschwelliges Eigenleben führen und wir uns so sehr mit ihnen identifizieren, dass wir glauben diese Gedanken ‚zu sein‘. Das führt dazu, dass wir auf Lebensumstände unbewusst reagieren statt bewusst zu agieren – und zu allen Problemen der Menschen, im Kleinen wie im Großen.“

Pablo gestikulierte emotional, während er weitersprach: „Die oft übersehene Wahrheit ist jedoch: Wir haben Gedanken, Emotionen und einen Körper – aber wir sind nicht unsere Gedanken, unsere Emotionen, unser Körper. Wir sind das Bewusstsein, welches diese Gedanken beobachten kann. Genau wie in einem Kino klar ist, dass der Film auf der Leinwand nur eine Illusion, ein Gedankenspiel ist – es aber allzu leicht ist, sich komplett darin zu verlieren und die Leinwand zu übersehen.“

Die psychologische Zeit als Illusion und Ursache vielen Übels

Das vierte Bild zeigte Menschen, die wie Engel aus sich selbst heraustraten, während sie sich künstlerischen Aktivitäten widmeten. Pablo war jedes Mal gerührt, was man ihm anmerkte, während er weitersprach:

„Wenn der Mensch sich seines Bewusstseins bewusst ist (im Übrigen die Essenz von fast allen Religionen und Philosophien), also versteht, dass er nicht seine Gedanken, sondern der Beobachter seiner Gedanken ist, dann erkennt er: Es ist immer nur jetzt. Zeit ist eine Illusion, ‚aber eine sehr hartnäckige‘, wie Einstein schon gesagt hat. Die Vergangenheit? Gedanken und Umstände, die ich nicht mehr ändern kann. Warum sich also darüber Sorgen machen? Die Zukunft? Noch nicht gekommen, ebenfalls nur in Gedanken. Warum sich also darüber Sorgen machen? Es gibt immer nur die Gegenwart. Wenn ein Mensch das erkennt und verinnerlicht, dann ist er wirklich frei. Tiefe, innere Zufriedenheit entsteht. Denn es sind stets nur die Gedanken über einen Lebensumstand, die Stress machen, nicht die Umstände selbst.

Wenn der innere Kritiker still ist, kann echte Kreativität entstehen, Empathie und Liebe. Nur, wenn ich meine konditionierten Konzepte und Erinnerungen über andere als Gedanken erkenne und loslasse, kann ich bedingungslos lieben. Der Philosoph Eckhart Tolle hat dazu einen Selbsttest beschrieben, den man jederzeit durchführen kann. Es ist die Frage: ‚Welches Problem habe ich jetzt in diesem Moment?‘ – nicht gestern, nicht in 5 Minuten, nicht irgendwann, sondern jetzt? Die Antwort: Im gegenwärtigen Moment kann es keine Probleme geben, da diese nur Projektionen des Verstands sind. Wenn also Vergangenheit und Zukunft eine Gedankenillusion sind und Probleme nur dort stattfinden können – dann muss man schlussfolgern, dass es eigentlich keine Probleme gibt. Sicher, es gibt weiterhin Herausforderungen im Leben, wie z.B. Krankheiten oder schwierige Lebensumstände – aber sie werden nun nicht mehr durch den Kommentar der inneren Stimme unnötig verstärkt.“

„Die Schmerzschleife“: Wenn der Schmerz des Ist-Zustands größer ist als die Angst vor dem Unbekannten, entsteht Veränderung

„Wie kam es dazu, dass die Menschen allesamt dieses Bewusstsein in sich erkannt haben und jetzt ein friedliches Miteinander leben?“, fragte einer der Schüler.

Pablo lächelte.

„Nun, dazu brauchte es eine kleine ‚Schleife‘, nämlich die des Schmerzes. Erst wenn man erkennt, dass die Konzepte und Glaubessätze über sich selbst und die Welt da draußen nichts als eine kollektive gedankliche Illusion sind, entsteht Bewusstsein – in anderen Fällen sitzt der konditionierte Verstand, das menschliche Ego, noch am Steuer, ohne dass uns das in wahrsten Sinne des Wortes bewusst ist. Solange alles ‚gut geht‘, gibt es für das Ego keinen Grund, etwas zu ändern. Aber wenn die Gier durch vermeintliche Erlösung in der Zukunft nicht befriedigt wird, sich Glaubenssätze aus der Vergangenheit als nicht funktionsfähig entpuppen, dann erkennt das Bewusstsein, dass diese Dinge von vornherein eine Illusion waren. Der dabei entstehende Schmerz ist unangenehm, aber genau deshalb ein wunderbarer Zeigefinger und Beschleuniger dieses Prozesses. Wenn ein einzelnes oder kollektives ‚es kann nicht so weiter gehen‘ entsteht, dann ist der Weg frei für echte Veränderung – idealerweise zurück zur Essenz eines jeden.“

Den Menschen in 2019 fehlte noch etwas – was war es?

Das fünfte Bild zeigte die Situation im Jahre 2019. Pablo erläuterte:

„Es ging den Menschen an vielen Orten der Erde eigentlich gut. Sie hatten Obdach, Schutz, Essen und alles, was sie zum Leben brauchten – und dennoch waren sie fast permanent latent unglücklich. Das führte dazu, dass sie allmählich die Dinge in Frage stellten und über Meditation statt ‚noch mehr tun‘, gelegentliche Stille statt ‚noch mehr Medienkonsum‘ und echtes, resonantes Miteinander statt ‚virtuelle Getrenntheit‘ Schritt für Schritt zu dem zurück kamen, was eine der wenigen universellen Wahrheiten ist: Dem gegenwärtigen Moment, frei von Gedanken über Vergangenheit und Zukunft. Auch die Menschen, die kein Obdach und wenig Essen hatten, wurden sich ihrer eigenen Mündigkeit bewusst, statt sich weiter fremdsteuern und ausbeuten zu lassen.“

Eine neue Perspektive auf die „Realität“: Die Welt ist, wie du bist

„Das gelang nicht sofort“, erklärte Pablo. „Zu groß war die Last vieler Jahrtausende kollektiver menschlicher Unbewusstheit. Doch nach und nach gelang es uns, zur Essenz und somit auch unserem Lebenssinn zurückzukehren. Und da Erziehung und Bildung in großem Maße für die Entstehung des menschlichen Egos verantwortlich ist, wurde auch die ‚Vererbung‘ von kollektiven Glaubenssätzen Schritt für Schritt weniger. Schule, welche statt eines starren Konzepts nun ein kreativer Lebensbegleiter ist, definiert sich durch kritisches Denken, gelebte Kreativität, individuelle Potentialentfaltung, Kollaboration, empathisches Miteinander und kontinuierliche Selbsterkenntnis: ‚Wer bin ich wirklich? Wie kann ich ganz Mensch sein?‘ Das sind die Leitfragen der heutigen Bildung, die zu einer besseren Welt führen. Denn eines meiner Lieblingszitate des Regisseurs David Lynch fasst es schön zusammen: ‚Die Welt ist, wie du bist‘. Wenn wir definiert sind durch bewusste Wahrnehmung und Handeln statt durch konditionierte, fremdgesteuerte Gedanken, dann ist der nächste Evolutionsschritt in Gang gesetzt worden.“

Das letzte Kunstwerk war ein Spiegel. Die Schüler blickten hinein und wirkten, als würden sie Pablos Worte aufsaugen und direkt in sich selbst umsetzen. Pablo liebte diesen Augenblick.

Marten Steppat
Marten Steppat

Chefredakteur der Rubrik „Science Fiction“, Buchautor und Trainer für kreatives Schreiben

liebt, sammelt und überarbeitet Geschichten über die Welt in 100 Jahren für die Utopiensammlerin. Gerne veröffentliche ich auch Deine Welt in 100 Jahren. (E-Mail)

Kommentare

One comment on “Die Lösung aller Probleme? Durch Bewusstsein wieder ganz Mensch sein – Die Welt in hundert Jahren”
  1. Stefan Hansen sagt:

    Wunderbar!!! Die Worte beschreiben genau auch meine innere Wahrheit die ich seit meiner spirituellen Entwicklung erfahren habe. Rückblickend auf die Anstrengungen die ich durchlebt habe um die Gegenwart bewußt zu leben, habe ich grosse Zweifel ob es möglich ist eine Gesellschaft in Richtung positivem Denken in die Gegenwart zu lenken. Sich auf Meditation, oder Therapiegruppen zur Selbserfahrung ein zu lassen ist ein riesiger Schritt in die richtige Richtung. Wieviele Vorurteile gilt es zu überwinden (oder auch Ignorieren) um dann fest zu stellen, das die Ängste unbegründet waren endlich den ersten Schritt in die richtige Richtung zu machen. Angefangen im eigenen Elternhaus bis zu allen gesellschaftlichen Begegnungen kommt ein knallhartes Urteil ( oder sogar Verurteilung) entgegen, das wiederum die Angst schürt von der Gesellschaft isoliert zu sein wenn man den Mut findet los zu gehen. Gehirnwäsche ist ein allgemein übliches Schlagwort das gerne zur Verteidigung dient sich nicht auf etwas ein zu lassen, das eventuell das Bewußtsein verändern könnte. Der Haken dabei ist nur, das die Gehirnwäsche seit unserer Geburt schon angefangen hat. Eltern, Geschwister, Lehrer, Medien, Werbung, Politiker, sogenannte Gesetzeshüter usw. haben unsere Denkstruktur geprägt ohne das wir uns darüber bewußt waren. Kaum jemand in unserer Wohlstandsgesellschaft hält es für notwendig sich aus der Komfortzone zu bewegen. Da ist es einfacher alles Ab zu wehren, was daran rütteln könnte. Es bedarf eine gehörige Portion Mut dazu sich selbst in Frage zu stellen und sich auf den Weg zu machen um dann allerdings fest zu stellen, das man schon immer hier gewesen ist. Nun gut, das sollte aber jeder selbst herausfinden. Wie gerne würde ich Hilfestellung leisten. Dann gibt es Personen die durch ein Schockerlebnis wie z.B. Unfall aufwachen. Das ist aber eine harte Variante! Ich empfehle: Öfter mal das I-phon, den Komputer, das lep-top ab zu schalten oder zu verstecken und mal sich hinsetzen und garnichts zu machen. Wirklich garnichts! Das ist für viele schon fast unmöglich. Und doch wäre es ein Anfang!!!. Viele glauben dann ganz schlau: Ah, an nichts denken!! Ja ich weiß!! Und schon hat sich ein Vorurteil durch die Hintertür geschlichen das oft nur aus der unbewußten Aroganz entspringt: ich weiß ja alles, oder ich weiß es besser, oder ich laß mir nichts von jemanden Anderen was erzählen.
    Schon ist wieder Abstand kreiert der einem in dem eigenen Saft herrumschwimmen läßt.
    Ich muß jetzt aufhören, da sich bei mir Emotionen einmischen, die nicht hilfreich sind.
    Also dann: ich wünsche jedem die Kraft zu finden den ersten Schritt in Richtung Bewußt sein zu machen.
    Liebe Grüsse auch an die vielen tollen Menschen dir mir geholfen haben glücklicher zu werden.

Kommentar verfassen