Eine Bilderbuch Kindheit, bis sie zerbrach

Sie hatten eine traumhafte Kindheit. Ihre Eltern verzärtelten und hüteten sie, wie ihre
Augäpfel. Brigitte und ihr Bruder wuchsen am Meer auf, in einem hübschen
kleinen Haus mit bunten Zimmern und einem großen Garten, in dem sie das
schönste Baumhaus weit und breit hatten.  Die Eltern, groß und dunkelhaarig – wie auch
ihr Bruder, liebten es, zu segeln.

Es gab in ihrem Dorf
einen Hafen, in welchem ihre Jolle lag. Kein Sommertag verging, an welchem sie
nicht zum Baden oder Fischen hinausgefahren wären. Ihr Vater arbeitete in einer
Behörde in der nahe gelegenen Hafenstadt und ihre Mutter war zu Hause, um für
die Kinder Zeit zu haben. Diese wunderbaren Jahre erscheinen Brigitte im
Nachhinein, als sei es immer nur Sommer gewesen.

Alle ihre Erinnerung ist
in warmes Licht getaucht. Sie, das kleinwüchsige und eher stämmige blonde und stupsnasige
Nesthäkchen der Familie hatte alles, was man sich unter einer
Bilderbuch-Kindheit vorstellt. Umso schwerer wog der Betrug, den sie bis heute
nicht verzeihen kann.

Teenager, die
revoltieren.

Die Jahre ihrer Kindheit
vergingen für die Geschwister völlig sorgenfrei. In der Schule bekamen sie
selten schlechte Noten, sie hatten Haustiere aller Art – ihnen wurde jeder
Wunsch von den Augen abgelesen. Brigitte konnte sich deshalb überhaupt nicht
erklären, warum sie als Heranwachsende immer häufiger von Panikattacken und
Depressionen heimgesucht wurde. Ihre Gemütszustände belasteten die Harmonie der
Familie. Sie funktionierte nicht mehr als zauberhaftes kleines Nesthäkchen,
dass jedem ein Lächeln ins Gesicht zauberte.

Immer öfter wollte sie sich
nicht fügen und revoltierte gegen ihre Eltern. Sie wollte ihre Probleme nicht verheimlichen,
nicht das süße kleine Mädchen zur Unterhaltung ihrer Eltern geben. In der Folge
kam es immer wieder zu Streit zwischen ihren Eltern und ihr. Oft wunderte Brigitte
sich, dass sie offensichtlich nicht nur äußerlich der Familie unähnlich war,
sondern auch psychisch.

Niemand außer ihr nahm
das Leben schwer und tiefsinnig war definitiv niemand. Es wurde nicht gerne
gelesen – insgesamt erschienen ihr ihre Eltern peinlich unreflektiert. Gespräche
über Politik, Gesellschaft und Psyche fanden nicht statt. Sie unterblieben auch
zu Gunsten des Familienfriedens. Die unterschiedlichen Ansichten der Eltern
sorgen schnell für Streit.

Sie warf ihren Eltern „Spießigkeit“ vor, diese ihr
„Bequemlichkeit“. Brigitte fühlte zunehmend einsam in der Familie, die ihr so
lange Geborgenheit bedeutete.

Ein Unbekannter ist ihr
vom ersten Moment an vertraut.

Im Sommer 1996 war ein
Familienfest im Garten geplant, ganz nach dem Geschmack ihrer Eltern. Es wurden
viele Gäste erwartet und der bunte Tisch in dem blühenden Garten bog sich
beinahe unter der Last der Speisen. Brigitte hatte einen Überraschungsgast
eingeladen, ihren neuen Freund.

Diesen hatte sie auf einer Jugendreise im
vergangenen Jahr in den Bergen kennen gelernt – ihre erste und letzte Liebe. Von
Anfang an empfanden sie eine intensive Nähe zueinander, als würden sie sich Ewigkeiten
kennen. Viele Briefe waren hin und her gegangen.  – Sein Besuch in ihrem
Elternhaus vereinbart worden. Nach dem ersten Kennenlernen sollten ein paar Tage auf einem Zeltplatz
am Meer folgen.

Am Nachmittag holte sie ihn vom Bahnhof ab, um ihn bei den
Feierlichkeiten ihrer Familie vorzustellen. Was die Eltern wohl zu ihm sagen
würden – zu ihrem Freund, der ihr nicht nur vom Wesen glich, sondern auch
optisch? Auch er hatte diese vielen Sommersprossen und störrischen Locken.
Sogar ihre Gesichtsform ähnelte sich.

Wie sie litt auch er – unter regelmäßig wiederkehrende Depressionen. Diese schrieb er seiner Kindheit zu, welcher er
häufig in wechselnden Pflegefamilien verbrachte. Sie hatten viel geredet
während der Reise, in der sie sich näher gekommen sind.

Brigitte fühlte sich
geborgen und verstanden von ihm. Voller Wiedersehensfreude holte sie ihn vom
Bahnhof ab, an dem sie wegen einer Verspätung des Zuges lange warten musste.
Aufgeregt und viel zu spät betrat sie mit ihrem Freund den Garten, in dem die
Feier bereits voran geschritten war.

Der Streit.

Alle Gäste waren bereits
angetrunken, als sie mit ihrer ersten Liebe dort ankam. Es wurde  gegessen und dazu reichlich Wein und Likör
getrunken. Sie hatte ihn mit ihrem Mofa vom Bahnhof abgeholt, der Zug war verspätet gewesen. Ihr Bruder grinste ihnen entgegen, denn er war eingeweiht in
ihre Pläne. Die Geschwister haben sich zwar oft gestritten, aber jedes Mal
einen Friedenspakt geschlossen, wenn es darum ging, gegen die Eltern zu
rebellieren.

Aufgebracht und angetrunken kam ihnen die Mutter entgegen und
schimpfte, dass sie nicht früher erschienen war, um zu helfen und die Gäste zu
begrüßen. Dann erst bemerkte sie die Begleitung von Brigitte. Die Mutter
dämpfte ihren Ton und unterdrückte mühsam ihren Zorn. Zu oft geriet sie mit
ihrer Tochter in Streit. Nachdem ihre Eltern den Besuch gemeinsam begrüßten,
schauten sie irritiert zwischen ihrer Tochter und ihrem Freund hin und her.

Nach einer unangenehmen
Weile setzte man sich und der Freund wurde auch dem Rest der Familie vorgestellt.
Aber wir seltsam benahmen sich ihre Eltern beim Tischgespräch? Sie
stellten Fragen, die einem Verhör anmuteten und für eine erste Begegnung
peinlich und indiskret waren. Alles schienen sie wissen zu wollen, über seine
Eltern, Kindheit und Ausbildung.

Bei seinen Antworten wurden ihre Eltern immer
blasser und schenkten Wein nach. Brigitte maßregelte ihre Eltern. Maßregelungen ihrer Tochter
allerdings ertrugen die Eltern nicht, da die Grundstimmung grundsätzlich
gereizt war, im letzten Jahr. Ein Wort gab das andere, der Streit eskalierte.

Ihr Vater verlangte, dass der junge Freund noch am selben Tag die Heimreise antreten
müsse, er würde nicht übernachten dürfen. Brigitte gab ihren Eltern Widerworte
in einer Art und Weise, die sie selbst erschrak.

Der Ausrutscher

„Ihr seid schreckliche
Eltern, ungerecht, selbstgefällig und dumm“ hörte sie sich sagen. Die Mutter
wurde puterrot vor Zorn, ihr Vater versuchte noch sie zu beschwichtigen und
legte seine Hand auf ihr Knie. Doch es war zu spät, die Worte, das Geheimnis,
dass die Mutter nie aussprechen wollte, kam über ihre Lippen:

„Du dummes und
undankbares Kind, hast viel Glück, dass wir Dich adoptiert haben. Wo wärst Du
ohne uns?“

Jedes Leben wich schlagartig aus Brigitte, sie erblasste. Ihrem
Bruder stand der Mund offen, er hatte dem vorangegangen Gespräch stumm
gelauscht.  Brigitte sprang völlig unter
Schock auf, um den Tisch zu verlassen – gefolgt von ihrem Freund. Sie konnte es
nicht fassen – ganze achtzehn Jahre hat sie in einer Lüge gelebt.

Ihre Eltern
haben ihr verschwiegen, dass sie nicht ihre leibliche Tochter ist. Die dunklen
Gedanken und merkwürdigen Erinnerungen – das alles war keine psychische
Krankheit – es war eine Wahrheit, die sich den Weg in ihr Bewusstsein bahnen wollte.

Eine dunkle Wolke steht
über den hellen Kindheitserinnerungen.

Brigitte hat den
Vertrauensbruch ihrer Eltern nicht verzeihen können. Auch ihr Bruder
fühlte sich betrogen. Aber im Gegensatz zu Brigitte hat er noch
Kontakt zu seinen Eltern und wohnte noch einige Jahre bei ihnen.

Sie ist
noch im gleichen Sommer ausgezogen und trifft ihre Eltern seit dem nicht mehr.
Ihr Freund reiste am nächsten Tag ab, sie hat auch ihn danach nicht wieder
getroffen.

Er wollte sie nicht wieder sehen, weil sie ihn „psychisch zu sehr
runterziehe und er positive Menschen um sich brauche“ schrieb er in einem
letzten Brief. Nach dieser ersten Liebe hat sie keine mehr gehabt, „die es sich
lohnen würde, zu erwähnen“, sagt sie.

Selten telefoniert sie
mit ihrem Bruder, der viele Kilometer entfernt mit seiner eigenen Familie lebt.
Bei diesen Gesprächen vermeiden sie es, über ihre Eltern zu sprechen.

Vor
einigen Jahren hat sie – im Rahmen einer Psychotherapie – ihre leibliche Mutter
ausfindig gemacht. „Eine furchtbare Person“, wie sie findet. Nach dem einzigen
Treffen, welches die beiden hatten, wollte sie „dieses Monster“ nie wieder
sehen.

Gerne
würde sie noch einmal mit ihren Adoptiveltern sprechen, traut sich aber nicht,
den ersten Schritt zu machen. Es sei peinlich, dass sie meistens arbeitslos und
regelmäßig in stationärer Behandlung im Sanatorium ist. Ihre psychische
Gesundheit hat sich mit den Jahren noch verschlechtert.

Die größte Trauer ihres
Lebens ist der Betrug, der für sie doppelt wiegt – zum einen ausgesetzt von der
leiblichen Mutter und dann um die Wahrheit von den Adoptiveltern betrogen.

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