Die Kraft der Sprache – wer ist Abiir Paraouty-Abdoola?

Eine Insel im Indischen Ozean als erster Lehrer.

Ein Pflichtfach, das scheiterte – und damit alles rettete. Und eine Frau, die verstanden hat, dass Sprache kein Werkzeug ist, sondern ein Ort.

Abiir Paraouty-Abdoola wuchs auf Mauritius auf, einem Ort, der Kulturen nicht trennt, sondern verwebt. Kreolisch, Hindi, Englisch, Französisch – die Mehrsprachigkeit war dort kein Privileg, sondern Luft zum Atmen. Was das mit einem Menschen macht, merkt man oft erst später: Abiir entwickelte schon früh eine seltene Gabe. Sie hörte nicht nur Worte. Sie hörte, was zwischen ihnen liegt.

Ihr Elternhaus war von Struktur geprägt, von Erwartungen, von Disziplin. Wer dort aufwächst, lernt Verantwortung – manchmal früher, als man sich selbst für bereit hält. Abiir beobachtete. Schwieg. Nahm wahr. Stimmungen, Zwischentöne, das kleine Zögern vor dem falschen Satz. Eine Fähigkeit, die damals wie Empfindsamkeit wirkte und sich heute als professioneller Kompass erweist.

Der Weg zu ihrer Berufung verlief, wie die besten Wege oft verlaufen: alles andere als gerade. In der Schule wählte sie zunächst die Naturwissenschaften. Ärztin, vielleicht. Helfen, auf jeden Fall. Dann kam dieses eine Pflichtfach – und kam nicht durch. Was sich damals wie ein persönliches Versagen anfühlte, war in Wahrheit die präziseste Weichenstellung ihres Lebens.

Sie wechselte zu Sprachen und Literatur. Und plötzlich war Lernen kein Ringen mehr, sondern ein Atemzug. Schreiben, Lesen, Analysieren: Es lag ihr. Nicht weil es leichter war – sondern weil es sie war. Ihre Abschlüsse bestätigten, was ihr Inneres schon wusste.

Das Unterrichten kam beiläufig, fast heimlich. Im letzten Schuljahr begann sie, die Aufsätze ihrer Mitschüler zu überarbeiten – erst aus Spaß, dann mit wachsender Ernsthaftigkeit. Dabei entdeckte sie etwas, das sich schwer benennen lässt: die stille Freude daran, einen Gedanken zu nehmen, der noch sucht – und ihm einen Weg zu zeigen.

Heute arbeitet Abiir als Englischlehrerin. Aber wer bei ihr Unterricht hat, lernt mehr als Grammatik.

Was treibt dich an, Abiir?

„Die menschliche Verbindung”, sagt sie.

Keine lange Pause. Keine Relativierung. Nur dieser Satz – klar wie ein erster Satz eines Romans, der weiß, wohin er führt.

Viele ihrer Schülerinnen und Schüler kommen nicht nur mit Vokabelfragen in den Unterricht. Sie kommen mit dem, was das Leben gerade schwer macht: beruflichem Druck, inneren Zweifeln, der leisen Scham über einen Akzent, für den sie sich entschuldigen – als wäre die Herkunft ihrer Stimme ein Fehler. Manche brauchen lange, bis sie sich trauen, eine einfache Antwort laut auszusprechen.

In diesen Momenten passiert das, wofür Abiir eigentlich unterrichtet. Nicht Sprache beibringen. Sondern einen Raum erschaffen – einen, in dem Fehler kein Urteil sind, sondern Teil des Weges. In dem die eigene Stimme zählt, bevor sie perfekt ist.

„Ich lerne durch sie genauso viel”, sagt sie. Andere Perspektiven, andere Lebensentwürfe, andere Wege, die Welt zu sehen. Aus manchen Unterrichtsstunden sind über die Jahre Freundschaften geworden. Eine Art chosen family, verteilt über einen ganzen Kontinent.

Was ihr im Leben wirklich wichtig ist? Sie zögert nicht. Beziehungen. Authentizität. Innere Ruhe.

Nicht Anerkennung von außen. Nicht das Erfüllen fremder Erwartungen. Diese Lektion, sagt sie, hat gedauert – aber sie ist heute tiefer verankert als alles andere.

Und dann ist da noch der Traum: die Welt bereisen. Ihre Schülerinnen und Schüler leben in Spanien, Italien, Frankreich, Belgien – und viele haben sie eingeladen, irgendwann vorbeizukommen. Für Abiir ist das kein zufälliger Nebeneffekt ihrer Arbeit. Es ist das Versprechen, das Sprache immer mitbringt: Dass Menschen, die sich ohne ein gemeinsames Wort nie begegnet wären, plötzlich eine Verbindung haben.

Manchmal beginnt alles mit einem Gespräch. Jemandem, der den Mut findet zu sprechen. Und jemandem, der wirklich zuhört.

Kommentar verfassen