„Was soll ich machen? Ich kann ihm ja nicht den ganzen Tag hinterherrennen … und Hausarrest wäre ja ein Segen für ihn. Er verschwindet stundenlang auf dem Klo … soll ich den Strom abstellen, das Handy wegschließen? Keine Vereinbarung wird ohne Ermahnungen eingehalten, und es gibt immer Streit. „Noch eine Minute, nur noch eine Minute!“ höre ich ständig … Ein täglicher Kampf ist das!“
Die Eltern tun mir wirklich leid, und ich bin froh, dass meine Kinder erwachsen sind.
Immer öfter werde ich in letzter Zeit in meiner Kindersprechstunde von aufgeregten Eltern aufgefordert, dem vor mir sitzenden Jungen oder Mädchen zu erklären, dass „Daddeln“ schlecht für die Augen ist. Bisher war ich damit eher zurückhaltend, schlicht, weil sich diese Aussage wissenschaftlich so pauschal nicht belegen lässt.
Doch nun gibt es neue Hinweise, die den Blick in eine andere Richtung lenken.
Eine aktuelle Studie um Jason M. Nagata, veröffentlicht in der Fachzeitschrift NeuroImage (2026), untersuchte den Zusammenhang zwischen der Nutzung sozialer Medien und der Gehirnstruktur bei 7.614 Jugendlichen im Alter von 10–13 Jahren. Die Daten stammen aus der groß angelegten ABCD-Studie, einer der weltweit umfassendsten Langzeitstudien zur Entwicklung des kindlichen Gehirns. Grundlage waren MRT-Daten aus dem zweiten Untersuchungsjahr (2018–2020).
Die Studie zeigte, dass eine längere tägliche Nutzung sozialer Medien mit einer geringeren Dicke der Großhirnrinde und einem kleineren Volumen in mehreren Hirnregionen zusammenhängt.
Diese Regionen sind keineswegs beliebig.Betroffen sind unter anderem Bereiche für kognitive Kontrolle, Planung, strategisches Denken sowie der Umgang mit Emotionen und Konflikten. Auch Aufmerksamkeitsnetzwerke spielen eine Rolle.
Solche strukturellen Unterschiede kennt die Forschung bereits aus anderen Kontexten. Studien, die ähnliche Veränderungen in diesen Hirnregionen beschreiben, bringen sie mit erhöhter Impulsivität, psychischen Belastungen im Jugendalter oder Substanzkonsum in Verbindung. Auch im Zusammenhang mit ADHS und Depression werden vergleichbare Muster diskutiert.
Wichtig ist jedoch: Die vorliegende Studie selbst hat keine Verhaltensauffälligkeiten untersucht, sondern ausschließlich bildgebende Daten ausgewertet. Die Einordnung erfolgt daher über den Abgleich mit bestehender Forschung.
Interessanterweise zeigten sich diese Zusammenhänge vor allem mit der täglich verbrachten Zeit in sozialen Medien. Werte für eine Social-Media-Abhängigkeit waren dagegen in der regionsspezifischen Analyse nicht eindeutig mit Unterschieden in der Gehirnstruktur verbunden.
Zu den Einschränkungen der Studie zählt, dass das Design im zweiten Jahr keine Aussagen über Ursache und Wirkung erlaubt. Es bleibt also unklar, ob die Nutzung sozialer Medien die kortikale Dicke beeinflusst oder ob umgekehrt bestimmte Gehirnmerkmale zu einer intensiveren Nutzung führen. Zudem beruhen die Angaben zur Nutzung auf Selbstauskünften, die ungenau sein können, und verschiedene Inhalte oder Aktivitäten wurden nicht unterschieden.
Seit letzter Woche kann ich zu dem Streit aber zumindest etwas Neues beitragen: Ob „Daddeln“ wirklich schlecht für die Augen ist, weiß ich weiterhin nicht.
Für das sich entwickelnde Gehirn und die psychosoziale Entwicklung von Jugendlichen jedoch gibt es inzwischen ernstzunehmende Hinweise, dass ein Zuviel nicht folgenlos bleibt.
