Der Kultur-Bunker oder auf der Suche nach der verlorenen Utopie 

Vom Krieg zur Kunst: Im Kölner Bunker K101 setzen sich französische, polnische und deutsche Künstlerinnen und Künstler mit den großen Themen der Gegenwart auseinander. Klimawandel, Krieg, Gefahrenabwehr und menschliche Ohnmacht spiegeln sich in den massiven Bunkermauern. Deren im Laufe der Jahrzehnte gemauerter Gestaltwandel symbolisiert auch die Zeitenwende 2022, den Krieg in Europa und seine Folgen. 

Europa als Erfahrung

In ihrer künstlerischen Kooperation und besonders im persönlichen Austausch entwickeln die Künstlerinnen und Künstler des grenzüberschreitenden Ausstellungsprojekts amplitude reale Utopien. Sie diskutieren, leben und arbeiten europäisch. Dabei erfahren sie den überraschend harmonischen Zusammenklang ihrer Kunstwerke mit der beklemmenden Architektur des Bunkers und dem verstörenden Wissen um die historischen Verstrickungen. 

amplitude

Physikalisch beschreibt die Amplitude den größten Ausschlag einer Schwingung oder eines Pendels aus der Mittelage. Die Künstlerinnen und Künstler wählten den Begriff Amplitude als Titel ihres gemeinsamen europäischen Ausstellungsprojekts. Sie wollen, dass die Schwingungen der Vielfalt, der Entwicklung und des Optimismus die Betrachter in eine Welt der Schönheit, der Schaffenskraft, der Beständigkeit und der Avantagrde gleichermaßen befördern. Die Brüderlichkeit unter den Menschen ist das, was wir in diesen unruhigen Zeiten am meisten brauchen. (La fraternité entre les hommes est ce que nous avons le plus besoin en ces temps perturbés.) – Victor Sasportas, Salon d’Automne. Im Rahmen der französisch-polnisch-deutschen Kooperation werden die Werke auch in Paris und Oppeln gezeigt. 

Gestaltwandel und Zeitwenden

Bereits 1979, also lange bevor sich das Ende des Kalten Kriegs abzeichnete, realisierte Daniel Spoerri im Kölner Hochbunker an der Körnerstraße 101 die Ausstellung Le musée sentimentale de Cologne. 2007 wurde der Bunker als Schutzraum für die Bevölkerung ausgemustert. Die ursprünglich öffentlichen Schutzraumanlagen befinden sich heute überwiegend in Privateigentum sowie im Eigentum von Kommunen (..) Aufgrund des Krieges in der Ukraine hat sich der Bund dafür entschieden, die weitere Rückabwicklung öffentlicher Schutzräume zunächst auszusetzen und das bisherige Konzept zu überrpüfen, schreibt im übrigen das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe heute auf seiner Internetseite.

Weimarer Dreieck

Die  Ausstellung amplitude ist auch politisch. Sie bezieht sich ausdrücklich auf das Weimarer Dreieck, das 1991 von den damaligen Außenministern Deutschlands, Frankreichs und Polens, Hans-Dietrich Genscher, Roland Dumas und Krzysztof Skubiszewski in Weimar gegründet wurde. Sie betonten, dass Deutsche, Franzosen und Polen gemeinsame Verantwortung für Europa tragen. Die Zusammenarbeit sollte von vornherein dazu dienen, auch die anderen neuen Demokratien in Mittel- und Osteuropa an die Europäische Gemeinschaft heranzuführen. Das Weimarer Dreieck wurde lange unterschätzt. Aber seit dem Beginn des Krieges in der Ukraine sehen wir, dass Polen eine neue Rolle in Europa bekommt. Offenbar versteht Polen Osteuropa und Russland besser als wir.

In der Kunst und in der Ausstellung amplitude stehen Menschen im Mittelpunkt. Ihre Kommunikation, das Vergessen und Erinnern, Chaos, Kreativität und deren Schwingungen sind immer vielschichtig, zuweilen extrem. Die Kunst stellt mehr Fragen, als sie Antworten gibt. So ist auch der Ausstellungsort Bunker K101 kein Zufall, sondern Teil des Konzepts. In seinen fensterlosen Räumen werden Verblendung, Flucht, Bedrohung, Verrohung und Verletzlichkeit des Menschen einfühlsam, kritisch und hoffnungsvoll ausgeleuchtet. Nein, die Malerei ist nicht dazu da, die Appartments zu schmücken. Sie ist eine Waffe zu Angriff und Verteidigung gegen den Feind. – Pablo Picasso 

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