Comic-style illustration of three adults using digital devices in a Thai-inspired setting. A smiling woman holds a purple smartphone between an older man with laptops and an older woman using a transparent screen and keyboard. Colorful question marks surround them, with temple roofs, tropical plants, solar panels, and a video-conferencing camera completing the scene.

Die Architektur des Zweifels

Wir alle zweifeln manchmal, heutzutage vielleicht öfter. Wir zweifeln an uns, an anderen, an der Politik. Psychologisch gesehen ist Zweifel ein mentaler Zustand, in dem unser Gehirn mehrere Erklärungen oder Handlungsoptionen für möglich hält. Das ist zunächst unproblematisch.  Problematisch wird es, wenn der Zweifel uns behindert, uns in unserem Handeln und Wirken einschränkt.

Wenn der Zweifel einen Namen bekommt

Ein Beispiel hierfür ist das Impostor-Phänomen, das erstmalig 1978 von Clance und Imes beschrieben wurde. Betroffene tendieren dazu, ihren Erfolg äußeren Umständen oder dem Zufall zuzuschreiben statt der eigenen Kompetenz.  In der Psychologie wird dies als externe Attribution bezeichnet.

Bezogen auf die Genderdiskussion zeigte eine Studie unter Softwareingenieur:innen aus 26 Ländern, dass 60,6% der teilnehmenden Frauen davon betroffen waren, jedoch nur 48,8% der teilnehmenden Männer (Guenes et al., 2023). Berücksichtigt man zusätzlich, dass laut McKinsey (2023) der Anteil von Frauen in technologischen Rollen in Europa für 2027 auf lediglich 21% geschätzt wird, ergibt sich die Relevanz dieses Themas für weibliche Führungskräfte in Tech.

Nicht nur der Mensch muss sich anpassen – der Raum auch

Die Forschung beschäftigt sich dabei hauptsächlich mit dem Selbstbild und wie wir es „reparieren“ können, unter anderem durch Coaching zur Erhöhung der Selbstwirksamkeit. Der Mensch arbeitet an sich selbst, wird passfähiger für den Raum, in dem er steht. Seltener wird gefragt, ob der Raum selbst noch zu den Menschen passt, die ihn betreten.

Bandura bezeichnet als Selbstwirksamkeit die Überzeugung eines Menschen, mit seinem eigenen Handeln ein gewünschtes Ergebnis erzielen zu können. Die vier Hauptquellen der Erwartung sind Meistererfahrungen, stellvertretende Erfahrungen, soziale Überzeugungen und physiologische und emotionale Zustände. Das bedeutet, dass nicht nur Persönlichkeitsmerkmale wie Perfektionismus, Neurotizismus und Erfahrungen eine Rolle spielen, sondern auch soziale Komponenten wie Rollenbilder.  Und gerade bei letzterem wird es eng im Tech-Bereich. Weibliche Führungskräfte sind dort weniger vertreten und laut dem World Economic Forum (2025) wächst deren Repräsentanz im Top-Management schneller als im mittleren Management. Aber genau im mittleren Management bedarf es für die nachfolgende Generation mehr Rollenbilder.

Die Architektur ist veraltet

Überspitzt gesagt, entspricht dies einer veralteten Architektur in den Technologie-Bereichen, über Jahrzehnte funktionierend für einen bestimmten Typus Mensch. Sie hält mit sozialen, globalen und technologischen Entwicklungen nicht mehr Schritt und lässt vorhandenes Potenzial ungenutzt.

Vom psychologischen Phänomen zur politischen Herausforderung

Damit wird aus einer rein psychologischen eine politische und gesellschaftliche Betrachtungsweise, die eine Anpassung von Entwicklungsmaßnahmen erfordert.

Investieren wir als Gesellschaft in Coaching nur mit der Intention, den Menschen anpassungsfähiger zu machen, riskieren wir, eine strukturelle Diagnose in eine individuelle Bringschuld zu verzerren. Ein veraltetes System saniert man nicht, indem man Menschen darin schult.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Coaching in diesem Kontext wirkungslos ist. Der Schlüssel ist hier der zielgerichtete Einsatz. Nicht, „wie schaffe ich es mich besser anzupassen, um erfolgreich zu sein“, sondern „wie aktiviere ich am besten meine Ressourcen und wofür setze ich sie in diesem Raum ein“.

Wer bleibt, verändert das System von innen

Und das führt vom Individuum ausgehend zur Systemtheorie. Ein Mensch, der trotz Zweifel bleibt, verändert das System, den Raum, von innen. Nicht weil er sich angepasst hat, sondern weil seine bloße Präsenz zeigt, dass der Raum größer ist als allgemein angenommen. Jede Frau, die in einer Tech-Führungsrolle sichtbar bleibt, verschiebt für die Nächste die Grenze dessen, was möglich ist. Das ist der aus dem Sport kommende Bannister-Effekt, etwas zu schaffen, was man nicht für möglich hielt und zu zeigen, dass es geht.

Coaching aktiviert somit neben der Selbstwirksamkeit den individuellen Ressourcenpool als Treibstoff für strukturelle Veränderung.

Der Zweifel muss nicht verschwinden – nur gerechter verteilt werden

Die Gegenwart spricht vom Raum, der strukturelle Veränderung braucht, um aus dem Dilemma zu entkommen, sich beweisen und Zugehörigkeit verdienen zu müssen.

Doch was braucht der Raum der Zukunft, wenn dies immer mehr gelingt? Und wo liegt dann noch der Zweifel? Das wäre die nächste Forschungsfrage, inwieweit auch hier Coaching wirksam werden kann, vielleicht verstärkt auf Team- bzw. Systemebene.

Vielleicht geht es am Ende nicht darum, den Zweifel abzuschaffen, sondern darum, ihn gerechter zu verteilen.

Quellen:

Bandura, A. (1977). Self-efficacy: Toward a unifying theory of behavioral change. Psychological Review, 84(2), 191–215. https://doi.org/10.1037/0033-295X.84.2.191

Blumberg, S., Krawina, M., Mäkelä, E., & Soller, H. (2023, 24. Januar). Women in tech: The best bet to solve Europe’s talent shortage. McKinsey & Company. https://www.mckinsey.com/capabilities/tech-and-ai/our-insights/women-in-tech-the-best-bet-to-solve-europes-talent-shortage

Clance, P. R., & Imes, S. A. (1978). The imposter phenomenon in high achieving women: Dynamics and therapeutic intervention. Psychotherapy: Theory, Research & Practice, 15(3), 241–247. https://doi.org/10.1037/h0086006

Guenes, P., Tomaz, R., Kalinowski, M., Baldassarre, M. T., & Storey, M.-A. (2024). Impostor phenomenon in software engineers. In Proceedings of the 46th International Conference on Software Engineering: Software Engineering in Society (S. 96–106). Association for Computing Machinery. https://doi.org/10.1145/3639475.3640114

World Economic Forum. (2025). Global gender gap report 2025. https://www.weforum.org/publications/global-gender-gap-report-2025/

Foto von Birgit Eckart, mit KI (Picsart) bearbeitet.

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