Abgebildet sind Laila al-Sheikh und Michal Halev vor dem Münchner Forum für Islam

Genug! Zwei Mütter-zwei Söhne-eine Entscheidung

Wenn Trauer zur stärksten Friedensarbeit wird – eine Begegnung mit dem Parents Circle – Families Forum in München

Sanftmut. Gemeinschaft. Aufrichtigkeit. Bildung. Liebe. Respekt. Glaube. Dazwischen ein Koran Vers: „Übe Nachsicht und gebiete Güte.“ Diese Worte gedruckt auf einer Glasplatte laden am Eingang des Münchner Forums für Islam zum Besuch ein. Imam Benjamin Idriz und seine Frau Nermina Idriz begrüssen die beiden Gäste persönlich. Die Dialog-Initiative „AusARTen“ hat zu einer besonderen Begegnung eingeladen – etwa 40 Menschen sitzen dicht gedrängt im kleinen Projektraum.

Enough. Genug.

Vorne stehen zwei Frauen. Beide tragen denselben kleinen, runden Button am Revers. Ein Wort, auf Hebräisch, Arabisch und Englisch – es bedeutet dasselbe: Enough. Genug. Die zwei Frauen gehören zum Parents Circle – Families Forum (PCFF), einer palästinensisch-israelischen Friedensinitiative.

Ich kenne das von anderen Abenden mit dem Parents Circle: Schnell werden Tränen in den Augen der Zuhörer sichtbar. Nicht weil die Atmosphäre sentimental wäre, sondern weil sich die Botschaft dieser Menschen ganz unmittelbar vermittelt – direkt, ohne Umwege, noch bevor man Zeit hat, sich „zu wappnen“. Die eine heißt Laila al-Sheikh, Palästinenserin und Muslima. Die andere heißt Michal Halev, Israelin und Jüdin. Beide haben im Nahost-Konflikt einen Sohn verloren. Und beide wollen mit dem Erzählen ihrer Verlusterfahrung die Weltgemeinschaft wachrütteln: Unser Schmerz, den wir empfinden, ist der gleiche Schmerz!

Am nächsten Abend sitzen Laila und Michal vor etwa 100 Menschen in der Evangelischen Hochschulgemeinde in München. Thomas Prieto Peral, Regionalbischof und Oberkirchenrat der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, übernimmt die Moderation. Zwei Abende, zwei Glaubenshäuser, zwei sehr verschiedene Münchner Gemeinschaften – und dieselbe Botschaft: Es ist genug gestorben worden. Der Gesprächsabend beginnt auf Wunsch aus dem Publikum mit einer Schweigeminute für alle Opfer.

Lailas Sohn Qussay starb 2002, sechs Monate alt. Beim Einsatz der israelischen Armee atmete er Tränengas ein; der Zugang zu medizinischer Versorgung wurde der Familie verwehrt. Michals Sohn Laor wurde am 7. Oktober 2023 ermordet – zwanzigjährig, auf dem Nova-Musikfestival, von der Hamas getötet.

Zwei Mütter, die allen Grund hätten zu hassen. Und die sich trotzdem entschieden haben: So nicht. Und nicht im Namen unserer Kinder!

Ich bin immer wieder tief bewegt, wenn Mitglieder des Parents Circle – Families Forum erzählen. Diese israelisch-palästinensische Organisation existiert seit 1995. Alle Mitglieder haben durch Krieg, Besatzung oder Terror nahe Angehörige verloren. Rund 850 Familien gehören heute dazu; seit dem 7. Oktober 2023 kamen etwa 150 weitere hinzu – jede neue Mitgliedschaft ein Verlust, den niemand erleiden sollte. Was dieses Forum versammelt, ist kein politisches Programm, sondern etwas viel Schwierigeres: geteilter Schmerz.

Ende 2024 gründete sich der Deutsche Freundeskreis PCFD. Sie unterstützen die Arbeit des Parents Circle Families Forum durch das Einwerben von Spenden und machen z.B. durch Vortragsreisen wie diese die friedensstiftenden Ziele in Deutschland bekannt.

2025 erhielt die Organisation den Nürnberger Menschenrechtspreis, anlässlich der Verleihung und eines damit verbundenen Friedensgebetes des Nürnberger Rat der Religionen würdigte Schauspielikone Iris Berben: „Diese Stimmen sollte man auch in den Medien sehr sehr laut verbreiten“

2026 wurde das Parents Circle Family Forum für den Friedensnobelpreis nominiert, der am 10. Dezember  vergeben wird.

Laila gehörte nicht von Anfang an dazu. Nach dem Tod ihres Sohnes lebte sie viele Jahre mit Hass – sechzehn Jahre lang, sagt sie. Erst dann fand sie durch einen Freund den Weg zum Parents Circle. „Hass und Ärger halten uns davon ab, uns gegenseitig als Menschen zu sehen“, sagt sie heute.

Laila erzählt von einem Abend vor einigen Jahren, bei einem Dialogtreffen in Jerusalem. Ein israelischer Mann weinte heftiger als alle anderen. Als er aufstand und zu sprechen begann, wurde klar, warum: Er war früher hochrangiger Offizier gewesen. Er hatte in Lailas Gegend gedient. Und er hatte damals einen Wagen mit palästinensischen Kindern daran gehindert, ein Krankenhaus zu erreichen.

Laila sagt, sie habe nicht gewusst, was sie tun sollte. Damals bricht sie sofort in Tränen aus. Man bittet die beiden, den Raum zu verlassen und draußen privat zu sprechen. Draußen sagte der Mann: „Ich weiß, wie schwer das für dich ist. Aber ich konnte diesen Teil meiner Geschichte nicht verbergen.“ Er erzählte ihr, dass sein eigener Sohn später krank wurde – und auch er an einem Kontrollpunkt aufgehalten wurde. Die Soldaten wollten nur einige Fragen stellen, aber er war in so großer Eile. In diesem Moment, sagt er, habe er begriffen, was er getan hatte.

Er quittierte den Dienst, verweigerte weitere Einsätze und kam dafür ins Gefängnis. Nach der Entlassung gründete auch er eine Friedensorganisation, gemeinsam mit ehemaligen palästinensischen Häftlingen. Sie versuchen das Leben der Palästinenser zu erleichtern.

Laila braucht noch heute ihre ganze Kraft, wenn sie von dieser Begegnung erzählt, aber heute ist sie auch dankbar. Das Treffen hat ihr geholfen zu vergeben, auch wenn dieser Prozess nie abgeschlossen sein wird:

„Vergeben bedeutet nicht vergessen. Ich werde meinen Sohn niemals vergessen. Aber Vergeben heißt für mich: den Hass und die Wut loszulassen. Weil sie mich daran hindern zu leben. Wenn selbst wir zusammenfinden können, die sich hassen sollen, dann ist alles möglich.“

Laila beschreibt den eigentlichen Sinn des PCFF auf persönliche Weise: „Meinen Sohn konnte ich nicht retten. Aber ich kann dazu beitragen, dass die, die noch leben, sicher aufwachsen.“

Michal erzählt vom Morgen des 7. Oktober 2023. Von den ersten Nachrichten auf dem Telefon. Von dem Wort, das keine Mutter hören will: vermisst. Sie beschreibt die tagelange Ungewissheit, das langsame Begreifen. Ihr Sohn Laor war zwanzig. Er liebte Musik, wollte als DJ nur Freude bringen, auf dem Nova-Festival war er als Gast. Laor war, sagt sie, die Freude ihres Lebens, ihr einziges Kind. Die Nachricht von seinem Tod, ließ sie damals zusammenbrechen. Über Laor zu sprechen, sich einzusetzen, dass das Töten endet, ist seitdem das, was ihr Kraft gibt.

Kurz nach der Nachricht von Laors Tod nahm Michal ein Video auf, dass sie auf you tube stellte: „No Vengeance in my name. The call of Michal Halev“. Sie sprach direkt in die Kamera. Die etwas mehr als zwei Minuten wurden millionenfach geklickt:

„Stoppt alle Kriege. Hört auf, Menschen zu töten. Ich will keine Rache in seinem Namen. Die Menschen der Welt sollen sich verbinden, ihre Kinder zu liebenden Menschen zu erziehen, die ihre Träume erfüllen können. Die sich ein Leben aufbauen können und die Liebe ihres Lebens heiraten können.“

Zu Michals großem Leid begann kurze Zeit darauf der Krieg in Gaza. So viele unschuldige Menschen wurden getötet. Heute ist Michal Halev dankbar, wenn sie die Möglichkeit hat, über ihren Sohn Laor zu sprechen, wie auf Veranstaltungen des Parents Circle Family Forum. Dankbar, damit hoffentlich Menschen trotz allem zu ermutigen, sich jetzt erst recht für den Frieden einzusetzen.

Der Parents Circle bleibt aktiv– auch dort, wo die politische Lage es kaum zulässt. Gemeinsame Sommerlager, früher in Israel oder Palästina, finden heute auf Zypern oder in Griechenland statt, weil direkte Begegnungen zwischen Israelis und Palästinensern kaum mehr möglich sind. Zoom-Dialoge verbinden israelische und palästinensische Frauengruppen, wenn physische Treffen unmöglich sind.

Auf die Frage, wie man mit Menschen umgeht, die verhärtete Meinungen haben, lautet die Antwort: Nicht argumentieren. Nicht überzeugen wollen. Die eigene Geschichte teilen. Zuhören. Sich in die Lage des Anderen versetzen, auch wenn es wehtut. „Manchmal braucht man keine lange Debatte, um jemanden zu bewegen“, sagt Laila. „Manchmal reicht ein einziger Moment.”

Robi Damelin ist auch Sprecherin des PCFF. Auch sie ist Jüdin, auch sie hat einen Sohn durch den Konflikt verloren. Bei Begegnungen wie dieser in Deutschland sagt sie einen Satz, der nachhallt: „Seien Sie nicht für Israel oder für Palästina. Seien Sie Teil einer friedlichen Lösung.

Auf dem Weg nach Hause denke ich an die Wörter am Eingang des Münchner Forum für Islam.

Liebe. Gemeinschaft. Glauben. Und an den kleinen Button: Enough.

Das ist, glaube ich, die Vision, von der diese Frauen sprechen. Nicht Friede als politisches Abkommen. Sondern Frieden als tägliche Entscheidung – eine Wahl, die man jeden Morgen neu treffen muss, auch wenn der Schmerz nicht kleiner wird. Laila und Michal treffen diese Wahl. Immer wieder.

Das Parents Circle – Families Forum ist unter http://www.theparentscircle.org und sein deutscher Unterstützerverein Parents Circle Friends Deutschland e.V. unter www.parentscirclefriends.de erreichbar.

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