Der Mensch als Antipode – ein Kunstwerk über Zeit, Kugelgestalt und Rotation

Fotografie von Peter Köster

Der Neo-Fluxus-Künstler, H.O Schmidt, verbindet mit seiner Kunstaktion symbolisch Deutschland und Neuseeland. Eine vier Meter hohen Plastik steht in der mittelalterlichen Stadt Lennep. H.O. Schmidt fliegt mit dem Herzen des Lenneper Antipoden nach Neuseeland, um es nahe des tatsächlichen Antipodenpunktes in einem künstlerischen Akt dem Südpazifik zu übergeben.

Every human being is an antipode

Dieses Statement des Künstlers, H.O. Schmidt, ist bewusst offen gehalten und inspiriert zu einer tieferen Reflexion. Die ursprüngliche Bedeutung von Antipode ist eine geografische. Auf Deutsch bedeutet Antipode Gegenfuß. Schritt für Schritt umrundet der Künstler in dieser Kunstaktion das künstlerisch-philosophische Gewicht des Antipoden für eine Standortbestimmung. Er denkt über die Kunst des Gegensatzes nach, über hier und dort, über Individualität und zwischenmenschliche Beziehungen, Identität und Erfahrungen, über Innen und Außen. Mit seinem Statement, Jeder Mensch ist ein Antipode, erweitert der Künstler den geografischen Blick auf das Gegenüber, indem er den Fuß nach Lennep setzt und mit dem Gegenfuß auf die andere Seite der Erde fliegt. Dabei nimmt er seine inneren Gegensätze bewußt wahr, die Sehnsucht nach einer versöhnlichen Ganzheit der Welterfahrung einerseits und andrerseits ihre Differenz.

Aus psychologischer Sicht schwingt die menschliche Seele in einem permanenten Spannungsverhältnis innerer Gegensätze von Vernunft und Emotion, gutem und bösem und vielen weiteren. Zwischenmenschlich erfährt jeder Mensch einen anderen Menschen als das Gegenüber. In diesem Sinne ist Antipode per definitionem ein Symbol für Unterschiedlichkeit, Individualität, aber auch Akzeptanz und Achtsamkeit. Er ist gleichsam eine Zustandsbeschreibung unserer globalisierten vernetzten Welt, in der wir pausenlos mit Gegensätzen konfrontiert werden. 

Reise nach Neuseeland

So wird auch die Reise nach Neuseeland und ein mögliches Zusammentreffen mit den Māori zum Symbol. Der Künstler zeigt die Gegenwelt der Naturvölker. Ihre Welt ist der Antipode zu technischer und kultureller Fremdbestimmung. Die Māori beispielsweise verhalten sich aus unserer Perspektive im Einklang mit der natürlichen Ordnung.

Gegensätze entfalten ihre Wahrheit erst im Verhältnis zueinander

Ein Antipode ist also geografisch der Punkt auf der Erde, der einem anderen Punkt direkt gegenüber steht. Während es an einem Ort Tag ist, liegt über dem Antipoden die Nacht. Metaphorisch spiegelt sich jeder Mensch in seinem Gegenteil. Der Antipode definiert sich erst durch den Kontrast. Vollzieht sich also erst im Anderen das Eigene?

Zeit als rotierende Kugel

Es ist ein alter Traum der Menschheit, die Zeit zu verstehen. Wenn man sich die Zeit nicht als linearen Strahl mit Anfang und Ende, sondern als rotierende Kugel vorstellt, findet jeder Moment seinen Antipoden. Der Tag hat die Nacht. Jeder Sommer hat einen Winter, jede Geburt ihren Tod und jede Handlung ihre Folge. Die Rotation stellt einen Kosmos ewiger Wiederkehr und Verwandlung dar. Sie vermittelt. Gegensätze sind auf der Kugeloberfläche miteinander verbunden. Das Bild von der Kugelgestalt der Zeit suggeriert, dass Gegensätze gleichwertig und notwendig sind. Der Antipode ist in diesem Zyklus nicht nur Gegenteil, sondern erweist sich auf seiner Reise durch die Gegensätze als ein Teil des Ganzen.

Rotation als existenzielles Prinzip des Lebendigen

Die Rotation ist nicht nur ein physikalisches Faktum, sondern ein existenzielles Prinzip – Der Kopf ist rund, damit das Denken seine Richtung wechseln kann (Francis Picabia). So wie jede Drehung, jede Bewegung, jede Wiederholung und Veränderung zu neuen Begegnungen führt, erlebt man in der Rotation die Zeit als einen lebendigen Tanz. Er steht im Gegensatz zur Erstarrung, die zum Tod führt. In der Drehung wird die Zeit, werden Augenblicke gefühlt, die sich zu widersprechen scheinen und sich doch als ein ganzes erweisen. Was jetzt fremd erscheint, kann später Teil des Eigenen sein, die eine Seite oder die andere Seite derselben Kugel. Inmitten dieser sich drehenden Bewegung spiegelt sich der reisende Künstler in seinem Antipoden.

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