Interview und Bild von Corinna Heumann
Was treibt dich an, Georg Schnitzler?
Der Mensch. Der Mensch war schon immer mein zentrales Thema. In meinen Arbeiten stelle ich ihn ganz bewusst alleine dar – nicht in Beziehung zu anderen, nicht in Interaktion mit der Welt, sondern als Individuum. Es geht mir dabei nicht um eine bestimmte Person, sondern um das Menschsein an sich. Um die Seele, die sich in unterschiedlichsten Facetten zeigt.
Was bedeutet für dich der Blick auf den Menschen?
Es ist eine Suche nach dem Kern. Jede Figur, die ich male, steht für das Allgemeine im Individuellen. Ich möchte zeigen, was uns alle verbindet, was uns im Innersten bewegt. Es ist immer auch ein Versuch, das Unsichtbare sichtbar zu machen – die Seele, die Tiefe, die Intensität menschlichen Daseins.
Woher kommt diese Faszination für den Menschen und für die Kunst?
Ich bin in der dritten Generation Künstler. Mein Großvater war Künstler, meine Mutter ebenfalls. Ich bin in dieser Welt aufgewachsen – inmitten von Malern, Schauspielern, Musiker. Es war nie eine bewusste Entscheidung für die Kunst. Es war einfach immer da. Ich kenne keine andere Welt. Und bis heute fasziniert mich jede Form des künstlerischen Ausdrucks – sei es bildende Kunst, Theater, Text oder Performance.
Welche Künstler haben dich geprägt?
Viele. Egon Schiele, August Macke, Picasso, Matisse – das sind Namen, die mich tief inspiriert haben. Aber eine besondere Offenbarung war für mich Lucian Freud. Seine radikale Ehrlichkeit, seine Tiefe, seine kompromisslose Darstellung der menschlichen Seele – das hat bei mir etwas ausgelöst.
Du sprichst viel über die Seele – sowohl deine eigene als auch die der Betrachtenden. Wie zeigt sich das in deiner Arbeit?
Jedes Bild ist wie ein Kapitel. Es geht immer weiter, jedes Werk folgt auf das vorherige. Der Mensch ist mein Motiv, aber nicht als Porträt einer bestimmten Person. Ich versuche, die menschliche Seele abzubilden – ihre Zerbrechlichkeit, ihre Widersprüche, ihre Kraft. Für mich als Künstler ist das eine enorme Anstrengung, weil ich mich dabei selbst offenlege. Aber auch für die Betrachtenden ist es eine Auseinandersetzung mit der eigenen Innenwelt. Kunst ist Empathie.
Deine Farbpalette ist auffällig zurückhaltend. Warum?
Meine Farbigkeit ist relativ monochrom. Farbig, aber nie bunt. Die Zurückhaltung erlaubt mir, die Tiefe des Ausdrucks zu bewahren. Farben sollen bei mir nicht ablenken, sondern unterstützen – sie sind Ausdrucksmittel, keine Dekoration.
Wie begann dein künstlerischer Weg?
Mit zwölf habe ich meine erste Kunstschule besucht. Ich lernte klassische Techniken, vor allem Druckgrafik, wie Radierung. Später habe ich Kunst studiert. Im Laufe der Zeit habe ich mich auch anderen Ausdrucksformen zugewandt – dem Schreiben zum Beispiel, oder dem Theater.
Du warst auch in der Theaterwelt aktiv. Welche Rolle spielte das für dich?
Das Theater war ein Umweg – oder vielleicht auch ein anderer Weg zur Kunst. In den 80ern war ich Teil des Ensembles von Walter Bockmayer. Ich stand auch selbst auf der Bühne, aber ehrlich gesagt: Das war nie mein Platz. Deshalb habe ich ein eigenes Theater gegründet und dort die Bühne eher organisiert und inszeniert. Über das Schreiben bin ich dann doch wieder zurückgekehrt – ich habe die schräg of show gemacht. Sie war über 10 Jahre fester Bestandteil des Internationalen Köln Comedy Festivals. Aber die Malerei hat mich nie losgelassen.
Wann kam die Rückkehr zur Malerei?
2014, 2015 war der Wendepunkt. Da habe ich mich wieder voll der Malerei gewidmet. Ab 2017 nahm ich wieder an Ausstellungen teil. Und es ging schnell: Ich bekam den Jurypreis bei L’Art au cœur de l’Europe, wurde zum Herbstsalon nach Paris eingeladen, später nach Tokio ins National Arts Center. Seit 2023 bin ich sogar Sociétaire und Kurator einer eigenen Sektion des Herbstsalons.
Was bedeutet dir diese Entwicklung – vom Theater zurück zur Malerei, hin zur internationalen Anerkennung?
Es fühlt sich an wie ein Ankommen. Alles, was ich gemacht habe – Theater, Text, Regie – hat mir etwas gegeben. Aber die Malerei ist meine Sprache. Und endlich kann ich sie so sprechen, wie ich es immer wollte.
