Homo Sapiens vs Homo Deus? (4/52)

Ilustration von Susanne Gold/ Text von Ted Ganten

Eine neue Menschenklasse?

Früher oder später werden eine oder mehrere neue Menschenklassen entstehen. Auf der einen Seite werden leistungsoptimierte Cyborgs auf der Erde leben. Menschen, deren Sinne verändert oder verbessert werden, deren Leistungsfähigkeit durch Chips und direkte Vernetzung stark gesteigert wird und solche, deren Reaktionsgeschwindigkeit und Kraft heraufgesetzt wurde. Beispiel aus der Gegenwart hierfür sind Ratten, denen ein Infrarotsensor auf dem Kopf befestigt und dessen Output über ein Kabel in das Gehirn eingespeist wird. Die Ratten lernen diesen völlig neuen Sinneseindruck zu deuten, um warmes Futter im Dunkeln zu finden. Dies ist nur der Anfang. Denken Sie an die Möglichkeiten. Wir nehmen schon lange nicht mehr alle Dinge wahr, die wir messen können.

Transgene „Menschen“

Zudem werden sich auch transgene Vertreter unserer Spezies etablieren. Neben Pflanzen ist das auch bei Säugetieren längst Realität. Schweine, denen ein Fliegenwachstumsgen eingesetzt wurde, wachsen konkurrenzlos schnell und erzielen erstaunlich viel Fleisch pro Futtereinheit. Das Spiel hat gerade erst begonnen und es sind fantastische Kombinationen vorstellbar. In China hat im Jahr 2018 der erste Wissenschaftler erklärt, dass er genetisch optimierte Kinder erschaffen hat, die Resistenz gegen Aids genetisch verankert bekommen haben sollen. Die CRISPR Scheren Technologie ermöglicht ein gezieltes Einpflanzen bestimmter Gensequenzen in das Erbgut. Die Tierwelt ist voll von ungeahnten Qualitäten. Bessere Ohren, bessere Augen, bessere Nasen, mehr Kraft, mehr Schnelligkeit und Krebsfreiheit, Langlebigkeit, bessere Nahrungsverwertung. Alles scheint auf lange Sicht möglich.

Cyborgs

Auch die Kombination von Cyborg-Technologie mit transgenen Menschenabkömmlingen ist vielversprechend. Wer Anregungen sucht, kann sich in der Science-Fiction-Literatur und entsprechenden Filmen bedienen. Trans- und Posthumanisten halten diese Entwicklung für erstrebenswert, weil sie das Potential birgt, die Probleme des Menschen (bis hin zum Tode) beziehungsweise des Planeten mit dem Menschen zu lösen. Jedenfalls der Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt.

Die Welt in 100 Jahren

Natürlich wird nicht alles in den nächsten 100 Jahren oder überhaupt verwirklichbar sein. Die Komplexität der Probleme übersteigt unsere wildesten Vorstellungen. Insofern sei davor gewarnt, dass diese Technologien die Lösung aller Probleme beinhalten. Insbesondere kann die Technologie selbst auch Teil des Problems werden. Trotz aller Gefahren kann ich mir nicht vorstellen, wie die Weiterentwicklung auf diesen Gebieten gestoppt werden soll. Bisher konnte mir auch noch keiner ein Beispiel nennen, bei dem eine Technologie/eine Anwendung möglich war, aber aus ethischen Gründen nicht entwickelt wurde. Schon bei der Entwicklung der Armbrust – die zum ersten Mal auch starke Panzer durchschlug – wurde wegen ihrer „absoluten Tödlichkeit“ die Technologie verboten. Lange gehalten hat das nicht. Von der persönlichen Einstellung zu den oben genannten Technologien unabhängig, ist die Entwicklung nicht aufzuhalten. Deshalb sollten wir schon jetzt darüber nachdenken, wie wir damit umgehen wollen.

 

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