Das ICH im Bild – ein Vexierspiel mit den Identitäten

Text von Corinna Heumann und Fotografie von vanderGracht

Künstler, Künstlerinnen und Künstlerische Porträts reagieren auf die Bilderflut der digitalen Gegenwart meist mit kritischer Distanz und spielerischer Ironie. Zahllose billige Möglichkeiten, unzählige Bilder im Internet per Tastendruck herzustellen, führen zu der Erkenntnis, dass Wahrnehmung keine feste Größe ist. Sie hängt vom Blickwinkel, vom Wissen und vom Kontext ab. Im Vexierspiel mit den digitalen Identitäten kommt die Frage auf, wer die Möglichkeiten hat, Bilder des Anderen oder des ICHs sinnstiftend zu prägen?

Was bedeutet es heute, sich selbst oder andere zu zeigen?

Im digitalen Zeitalter erlebt die Portraitkunst ihre radikale Demokratisierung. Influencer, Selfies, Posts in den sozialen Medien und Avatare erzeugen durch permanente Selbstinszenierung zwischen kontrolliertem Design des eigenen Bildes einerseits, Entfremdung und Kontrollverlust andrerseits, flüchtige Bilder. Algorithmen und Nutzer, Filter und Likes elektrifizieren menschliche Beziehungen zwischen Selbstbestimmung und Anpassungsdruck, Selbstwahrnehmung und totalitären Schönheitsidealen, Hyperaktiviät und Verweigerung. Das optimierte digitale ICH wird unbewusst zum Sinn stiftenden Maßstab erhoben und sogar zur Ideologie.

Portraitkunst und Humanismus

In der Kunstgeschichte gehört das Portrait zu den beständigsten Ausdrucksformen. Es ist die Suche nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit in den überaus vielfältigen, oft unübersichtlichen und überraschenden menschlichen Seelenlandschaften. Die Darstellung des Individuums in seiner jeweiligen Epoche, seines Äußeren, Selbstverständnisses und seiner sozialen Stellung entwickelt sich seit der Antike parallel zum humanistisch geprägten Menschenbild des Westens. Es spiegelt den Wandel von idealisierten Typen zu individuellen Persönlichkeiten, vom überzeitlichen Ausdruck ewiger Wahrheiten zur Darstellung von weltlicher Macht, Status, Lebenserfahrung, kultureller Identität und Erinnerung. Seit der Renaissance werden Menschen anatomisch, psychologisch und sozial erforscht und erforschen sich selbst. Leonardo, Dürer und Rembrandt stellen in ihren Portraits die Persönlichkeiten ihrer Zeit und sich selbst selbstbewusst in ihren verschiedensten Facetten möglichst detailgetreu dar. Im 19. Jahrhundert beginnen sich Künstler, Künstlerinnen und ihre Auftraggeber für das Bürgertum und im weiteren Verlauf für alle sozialen Schichten zu interessieren. Im 20. Jahrhundert entfernt sich das Portrait von der veristischen Darstellungsweise zum fragmentarisch Subjektiven und Abstrakten. Neue Ausdrucksmittel beschreiben innere Zustände, Identitätskrisen und gesellschaftliche Brüche.

Seelenlandschaften

Im digitalen Zeitalter werden das klassische Portrait und seine Seelenlandschaften marktwirtschaftlich instrumentalisiert. Menschenbilder sind nicht mehr nur ein statisches Abbild in einer klar definierten Lebensphase und in einem relativ überschaubaren sozialen Kontext oder eine private Erinnerung an einen bestimmten Punkt in der individuellen Lebensgeschichte. Das Portrait wird heute performativ erweitert, global dynamisch, multimedial interaktiv bearbeitet, in virtuellen Räumen fraktalisiert, multipliziert und kommentiert. Fluide digitale Portraits, Darstellungen von Gruppenidentitäten, Selbstdarstellungen, ihre Follower und Nutzer sagen oft mehr über das Verhalten, als über das reale Aussehen der Portraitierten und ihre soziale Wirklichkeit aus. Der einzelne Mensch wird zur Projektionsfläche. Das Objekt der Begierde wird  bewertet, monetarisiert und sobald neue spannendere und amüsantere Projektionsflächen gefunden sind, gecancelt.

Analoge und digitale Selbsterfahrung

Denken und Erkenntnisprozesse sind zunächst private Vorgänge. Ich weiss, dass ich nichts weiss – nach Sokrates muss der Mensch seine Seele und die darin sitzende Vernunft erkennen, um wirklich frei zu sein. Im digitalen Zeitalter werden Seele und Vernunft öffentlich. Sind sie dann noch frei? Kann menschliche Selbsterfahrung durch den digitalen Perfektionismus öffentlicher Rechenleistung ersetzt werden? Stärkt die permanente Verfügbarkeit von schlaueren Algorithmen „dümmere“ menschliche Denkprozesse, charakterliche Entwicklung mit ihren Irrwegen, Erkenntnis und Selbsterkenntnis? Erweitern und ersetzen fluide Vexierbilder digitaler Superoptimierung charakterlicher Merkmale bisheriger Portraitkunst? Selbstermächtigung und Sichtbarmachung einzelner und marginalisierter Gruppen sind ein demokratischer Auftrag. Dennoch führt die permanent optimierende digitale Selbstkontrolle zu tiefer Verunsicherung, Unzufriedenheit, zum deprimierenden Gefühl des Nicht-Genügens und damit zur Auflösung des sozialen Zusammenhalts in westlichen Demokratien.

Wer hat die Möglichkeiten, ein Bild des Anderen oder des ICHs überzeugend zu prägen?

Das klassische Portrait gewinnt als Thema der Kunst neue Bedeutung. Die tiefergehende Auseinandersetzung mit fluiden digitalen Identitäten im Spannungsfeld von künstlerischer Reflexion und medialer Selbstdarstellung erlaubt Künstlerinnen und Künstlern, Fragen von Herkunft, Gender, Migration, Körperlichkeit oder psychischer Gesundheit frei und spielerisch kreativ so zu verhandeln, dass ein offenes authentisches und wahrhaftiges Menschenbild, nicht selten im Widerstand gegen stereotype Darstellungen oder kulturelle Erwartungen entstehen kann. Zukünftige gesellschaftliche Szenarien, beispielsweise der zunehmend gefährliche Antagonismus von Menschlichkeit und Maschinenwirklichkeit, werden mit dem humanen Blick verhandelt, indem man sich auch auf tradiertes beruft. Wo künstlerische Reflexion und Distanz möglich sind, kann die Auseinandersetzung mit dem eigenen Abbild und demjenigen von anderen Menschen zu einem bewussten, kritisch-konstruktiven und neugierigen Selbstverständnis führen und unsere Welt zu einem besseren Ort machen.

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