Künstlerinnen im Dialog zwischen Blick und Berührung – das Portrait als Begegnungsraum

Interview von Corinna Heumann, Illustration von Kim Kluge, Corinna on the Move

Kim Kluge und Corinna Heumann sprechen über Nähe, Wahrnehmung und die besondere Dynamik zwischen zwei kreativen Persönlichkeiten.

CH: Als ich dich portraitierte, erlebte ich es als befreiend, zur Abwechslung eine Kollegin zu malen. Unsere beide Blicke liegen im Bild übereinander, ohne sich zu stören. Darin liegt nicht nur eine Geschichte, sondern zwei und ein offener Raum dazwischen. Vielleicht hängt das mit einer besonderen Dynamik unter uns Kreativen zusammen? Wie verändert sich ein Mensch in deinen Augen, sobald du ihn nicht mehr nur anschaust, sondern beginnst, ihn zu portraitieren? 

KK: Ich beginne zunächst mit der neuen Erfahrung, selbst portraitiert zu werden. Am Anfang habe ich mich mit deiner Farbigkeit schwer getan, mit der Kombination aus Pink und Grün. Zu dieser Zeit befasste ich mich selbst in meiner Serie, Wesensportrait, mit Farbe und Farbigkeit. Im Lauf der Zeit hat sich meine Perspektive auf deine Sicht auf mich verändert. Ich konnte sie mehr und mehr verstehen. Dein Bild von mir erschließt sich mir. Es hat auch mit Selbstannahme zu tun. Ich konnte deine ungewöhnliche Sicht auf mich annehmen. Sie machte mich neugierig. In diesem Portrait sehe ich eine Piratin, eine Art Jeanne d‘Arc, eine Kämpferinnen-Natur. So habe ich mich bisher nie wahrgenommen. Ich betrachte mich selbst als eher zurückgezogen. Du hast mich sehr präsent dargestellt. Ich finde das faszinierend. Gleichzeitig hat es mich erschreckt. Das ist absolut spannend.

CH: Welchen Gedanken hattest du, als du mit dem Portrait von mir angefangen hast?

KK: Die Erde bewegt sich mit 100.000 km/h um die Sonne. Sie dreht sich mit 1000 km/h und bis zu 1600 km/h am Äquator um ihre eigene Achse. Bewegung ist unsere Natur. Stillstand ist eine Illusion. Im Portrait, Corinna on the Move, tritt alles zu Tage, was ich von dir kenne, dein Esprit, dein Humor, deine Lebensfreude und dein Immer-in-Bewegung-sein. Du wirkst auf mich vollkommen alterslos und dynamisch. 

CH: Welche Emotion hat dich beim Arbeiten am stärksten begleitet und welche hast du erst im fertigen Portrait entdeckt?

KK: Die Gefühlswelt ist immer polarisierend und begrenzt. Deshalb beschäftige ich mich in der Kunst mit der Wahrnehmung und den Wahrnehmungsfeldern. Durch Beobachtung und Reflexion kann ich mich über meine Gefühle hinaus erweitern und mehr Inhalte transportieren. Nur in der Distanz zu meinen eigenen Gefühlen offenbaren sich Inhalte, die mir entgehen würden, wenn ich an einer Person zu nahe dran bin.

CH: Hattest du das Gefühl, dass ich etwas verbergen oder im Gegenteil, etwas zeigen will, das nur du sehen sollst?

KK: Ich habe das Pflaster gezeichnet. Zuerst habe ich gedacht, dass es eine Andeutung für die Verwundbarkeit ist, die du hinterm Berg hältst. Die Bewegung ist ja total harmonisch, freudig. Das Pflaster steht für deinen Perfektionismus. Das Pflaster macht den Bildstörer aus, also deine Verletzbarkeit. Pflaster stehen für Fürsorglichkeit, für Hilfsbereitschaft, Versorgung. Du kümmerst dich! Und du bist Perfektionistin! Bei dir paaren sich Zugewandtheit mit künstlerischer Professionalität und so wird der Störer im Bild zu einem positiven Symbol.

CH: Fühlte sich der Prozess wie ein Dialog an, ein Tanz, ein Lauschen oder als etwas völlig anderes?

KK: Beim Arbeiten trete ich immer in einen Dialog. Hier in besonderer Weise, weil wir uns als Künstlerinnen in unseren Werken wie auch in unserer Sprache gegenseitig spiegeln. Das ist ja das Spannende. Durch unseren Dialog wurde mir deutlich, wie ähnlich wir uns in unserer künstlerischen Herangehensweise und in unseren Prozessen sind.

CH: Weil wir merken, dass wir ähnlich kreativ denken, können wir ungeschützt darüber reden und voneinander lernen?

KK: Für mich war es ein Wagnis portraitiert zu werden und die Sichtweise der anderen zu erleben. Das kleine empfindliche ‚ich‘ wird aus seiner Komfortzone gezogen. Man stellt sich der anderen Sichtweise und erlebt, dass es nicht immer dem eigenen Idealbild entspricht. Das hat viel mit Vertrauen zu tun. 

CH: Fühltest du dich beobachtet und welche Rolle spielte es für deinen künstlerischen Prozess?

KK: Ich finde das Thema, Beobachtet-Sein, interessant. Denn sobald man in die Öffentlichkeit tritt, fühlt man sich weniger beobachtet, als man es tatsächlich ist, obwohl es eine Realität ist, dass man beobachtet wird. Alle werden nicht nur ständig beobachtet, sondern auch kommentiert. Demzufolge setze ich mich dem Prozess des Beobachtet-Werdens aus. Wenn ich auf die Bühne trete, ist das einfach so. Ich fühle mich zunehmend wohler damit und gestalte das auch immer mehr, weil es mit Spaß macht. Es hat aufgehört, dass ich mich davor fürchte. Ich stehe immer mehr zu der Kim, die ich bin, statt einer Erwartung von mir zu entsprechen.

CH: Wenn dieses Portait sprechen könnte, welche Frage würde es dir oder mir stellen?

KK: Es würde dich, Corinna, fragen, ob du dich in diesem Portrait gespiegelt siehst? Mir stellt es keine Frage, sondern hat alle beantwortet: 100% Corinna!

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