In der aktuellen Ausstellung Heldinnen im ersten Frauenmuseum weltweit treffen sich derzeit nicht nur herausragende historische Frauenfiguren, sondern auch Frauen, die Gegenwart weiterdenken. Es trifft Literatur auf Bildkunst, Utopie auf Surrealismus – und Margaret Atwood auf Max Ernst.
Utopie trifft Surrealismus
In Anspielung auf das Bilderbuch von Güte, Liebe und Menschlichkeit werden in Objekt-Collagen schwangere Barbie-Puppen, Atwood-sche Zukunftsbilder einer Romanverfilmung von Der Report der Magd mit den subversiven Rückblicken Max Ernsts auf das viktorianische Zeitalter kombiniert. Paradoxerweise bildet „Une semaine de bonté“ (1934) den Ausgangspunkt für eine feministische Reflexion, ein politisches Statement und eine künstlerische Hommage – eine vielschichtige Auseinandersetzung mit Macht, Kontrolle, Körperpolitik und der Frage, was unsere Menschlichkeit im Kern ausmacht.
Literarisches Heldinnentum
Margaret Atwood ist auch eine Heldin unserer Zeit. Nicht nur, weil sie mit schonungsloser Klarheit patriarchale und politische Machtverhältnisse offenlegt, sondern weil sie die literarische Stimme kritischer Reflexion über Aspekte ist, welche in unserer Gegenwart gerne übergangen werden. Ihre spekulative Fiktion – wie sie ihre Werke selbst nennt – ist keine ferne Utopie, sondern eine akribische Fortschreibung der Gegenwart. In Geschichten wie Der Report der Magd (1985) oder Die Zeuginnen (2019) entwirft sie erschreckend realistische Zukunftsszenarien totalitärer Kontrolle, in denen weibliche Körper zur politischen Ressource werden.
Das Zerbrechen der Realität
Im Gegensatz zu traditionellen Romanillustrationen werden in diesen Objekt-Collagen aus Literaturrezeption und surrealistischen Bilderwelten die Narrative aufgegriffen und in eine eigene künstlerische Sprache transformiert: die Kombination aus digitalen Collagen und schwangeren Barbie-Puppen mit aufklappbaren Plastikbäuchen, eine Konstruktion, die sogar Raum für Plastik-Zwillinge bereit stellt, verbindet Kunst mit Kommerz sowie Atwoods dystopische Welt mit dem surrealistischem Vokabular Max Ernsts auf unheimliche abstruse Weise. Es entstehen Szenerien zwischen Mythos und Wahnsinn, in denen Körper, Objekte, Maschinenwelten und Symbolik ineinander übergehen. Hier wird die Zersetzung sichtbar, die Atwood literarisch andeutet: Das Zerbrechen von Realität, die Verschmelzung von Mensch und System, das Verstummen des Individuums im Getriebe gesellschaftlicher Machtmechanismen.
Wie sieht post-heroischer Widerstand aus?
Diese Objekt-Collagen sind dabei nicht nur visuelle Reflexion, sondern ein aktiver Dialog: Sie laden ein, Atwoods literarisches Werk neu zu sehen – durch die Brille surrealer Bildwelten, durch eine künstlerische Sprache, die unter die Oberfläche geht. In diesem Spannungsfeld zwischen Schrift und Bild, Popkultur und Kunstgeschichte entstehen visuelle Narrative, die sich mit der Frage beschäftigen: Wie sieht Widerstand aus, wenn Heldinnentum nicht heroisch auf dem Scheiterhaufen endet, sondern leise, angepasst, überlebend ist?
Die Ausstellung Heldinnen im Frauenmuseum Bonn ist damit nicht nur eine Hommage an große weibliche Vorbilder, sondern ein künstlerischer Aufruf zur Wachsamkeit. Diese Werkserie öffnet einen Raum, in dem Literatur, Kunst und Gegenwart miteinander ins Gespräch kommen – unbequem, poetisch, verstörend und berührend.
