Text und Bild von Corinna Heumann
In Margaret Atwoods Werken treffen die großen Fragen der Zeit auf verstörende Antworten. Sie reihen sich ein in die Weltliteratur der Utopien und stehen heute an dritter Stelle nach George Orwells „1984“ und Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“. Mit Atwoods starker visuellen Ausdruckskraft wurden insbesondere ihre beiden Bücher, „Der Report der Magd“ und „Die Zeuginnen“ Teil einer neuen gesellschaftspolitischen Popkultur.
Reale und fiktive Heldinnen
Margaret Atwood schreibt Speculative Fiction. Sie erfindet keine fantastischen zukünftigen Welten in fernen Galaxien, wie man das im Bereich Science Fiction üblicherweise tut. Mit ihrer Fähigkeit, fundierte Kenntnis historischer Entwicklungen in herausragende literarische Erfindungskraft zu verwandeln, spekuliert sie über mögliche Ausformungen bekannter totalitärer Machtstrukturen und Charaktere. Nach Thomas Mann heißt Fantasie nicht, sich etwas auszudenken, sondern aus den Dingen etwas zu machen. Atwoods Mix aus Weltgeist, Katastrophen, Kontroll- und Machtfantasien beschreibt plausible Wege, die verzweifelte Gesellschaften im Zustand von Angst und Schrecken einschlagen könnten. In ihrer Erzählweise verschwimmen die Grenzen zwischen einer Autorin, die Literaturgeschichte schreibt und ihren Heldinnen, die von den Zeitläuften überrollt werden. Sie zeichnet ein düsteres Bild dessen, welches ungeheuere menschliche Unterdrückungspotential sich inmitten einer Zivilgesellschaft ausprägen kann, wenn es im Umgang mit den Herausforderungen unserer Gegenwart nicht entschieden genug eingehegt wird.
Heldinnen ohne Romantik
Anhand ihrer spekulativen Geschichten analysiert Atwood scharfsinnig und mit neuartigem popkulturellen Unterhaltungswert bekannte gesellschaftliche Konzepte, denen insgesamt der weibliche Teil der Gesamtbevölkerung zum Opfer fällt. Auf dem Hintergrund von Klimakatastrophe und Kriegen entwickeln sich aus Menschen, wie wir sie aus der Nachbarschaft kennen könnten, starke weibliche Protagonistinnen. Romantische Retterinnen sind allerdings nicht in Sichtweite. In Atwoods totalitären Systemen entsteht eine Gesellschaft auf der Grundlage Geschlechterrollen, die weit über traditionelle Rollenbilder hinaus gehen. Macht und Misstrauen durchdringen sie. Über alltagstaugliche Narrative und Bilderwelten legt sich der lähmende Nebel einer neuen Dimension, einer Art Zwischenwelt aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Düster schillernde dramatis personae bewegen sich, als würde die Sonne nie wieder aufgehen. Sie erstarren in einer verstörenden Gleichzeitigkeit. Die Autorin, ihre Heldinnen und Leser:innen agieren wie Zwischenwesen in einer gewaltgetränkten Atmosphäre streng hierarchischer Machtverhältnisse. Dieses versteinerte Setting macht romantisch vertrauensvollen Eskapismus unmöglich. Der Begriff ‚atwoodian‘ entsteht.
Was heißt ‚atwoodian‘?
Ausgeliefert und schutzlos ‚überleben‘ Atwoods Heldinnen roboterhaft unter dem Einfluss totaler physischer und seelischer Kontrolle. Dabei lotet die Autorin aus, wie nicht nur durch männliche Kooperationsbereitschaft die Ausübung von Gewalt und ihre tiefe Verankerung im Alltag des fiktiven Staatswesens Gileads zum Selbstzweck mutiert. Um möglichst effizient Macht auch über Frauen auszuüben, instrumentalisiert der männliche Teil der Bevölkerung seit jeher willige weibliche Personen. Die Frauen selbst etablieren Netzwerke für die Ausbildung von Mädchen für ihre zukünftige Bestimmung und verwalten damit höchst effizient die grausame männliche Dominanz. Diese sogenannten Tanten setzen ihre Regeln äußerst manipulativ ein. An physisch brutaler Fantasie herrscht genauso wenig Mangel. Mit atemberaubender Konsequenz zeigt Atwood, wie Frauen und Mädchen von Kindheit an gezwungen werden, auf jeder Ebene Männern zu dienen. Sie dürfen nicht lesen, haben keinen Besitz und sollen gebären. Demokratie und Freiheitsrechte wurden als kontraproduktiv für das Überleben der Menschheit erklärt und abgeschafft.
Das Ende der Imagination?
Schwindende weibliche Fruchtbarkeit wird hier zum Symbol für die Unfähigkeit, den Herausforderungen durch Umweltkatastrophen und Kriegen zu begegnen. Unter dem Vorwand, die Menschheit zu retten, verliert im fiktiven Gilead das menschliche Individuum jeden Schutz – ein erstaunlicher Widerspruch. Atwood stellt den totalitären Bruch mit unseren vielfältigen kulturellen Überlieferungen dar. Jede ansatzweise menschliche Sehnsucht an eine bessere Zukunft wird ausnahmslos sofort durch nackte Gewalt zertreten. Auf unsere Wirklichkeit übertragen, rückt der Roman humane Lösungsansätze in unerreichbare Ferne. Jede Lebendigkeit, jede Neugier stirbt. Atwoods Erzählung beschreibt, wie mit der weiblichen Fruchtbarkeit lebensbejahende Freiheit und menschliche Kreativität enden. In den totalitären Machtstrukturen Gileads wird Fruchtbarkeit, sei sie positiv oder negativ, in jeder Hinsicht zum Fluch. Totale Kontrolle über die Leben von Menschen und ihre Selbstbestimmung ist gleichzeitig das Ende der Imagination, die vollständige Erstarrung und ein mögliches Ende der Welt. Das Ende des Romans, wird hier jedoch nicht verraten.
Verbindung zu Bürger:innenrechtsbewegungen
Tatsache ist, dass sich die visuellen Ideenwelten von Margaret Atwood weiter popkulturell verselbständigen und das Potential für eine eigene spannende Rezeptionsgeschichte entwickeln, indem sie Bürger:innenrechtsbewegungen insprieren. Nicht nur die imaginäre Tracht der Mägde ist mittlerweile Teil einer politischen Popkultur und wird auf feministischen Demonstrationen getragen. Junge reale Heldinnen gründen Clubs und Interessengruppen, beispielsweise Handmaidsriot auf Instagram, um auf höchst gefährliche gesellschaftliche Ideen und Experimente aufmerksam zu machen.
