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Die Schildkröte, die die Zukunft trägt

Johanes Fotri mit einer Zeichnung

In „The Mandala Grid“ verbindet der indonesische Künstler Yohanes Fitri einen Tempel aus seiner Heimat Riau mit einer Vision für das Jahr 2126. Sein Muara-Takus-Manifest fragt, welche Zukunft wir bauen wollen und wofür sie uns Zeit lassen soll.

Die Schildkröte schaut die Betrachter direkt an. Hinter ihr ragen rote Tempelbauten auf. Ein großer Baum wächst daneben, und eine transparente Kuppel wölbt sich über beides. In der Ferne ziehen sich helle Verkehrswege durch eine grüne Stadt. Unter der Schildkröte breiten sich Wurzeln aus. Yohanes hat diese 100 x 80 Zentimeter große Arbeit mit Acryl auf die Leinwand gebracht. 

Die Tempelbauten stehen neben dem Baum, während ringsum eine Stadt wächst. Mir gefällt der Glanz technischer Oberflächen neben Erde, Haut und Blattgrün.

Das Werk heißt „The Mandala Grid“. Yohanes lebt und arbeitet in Riau auf der indonesischen Insel Sumatra. Vor gut sechs Jahren, im Juni 2020, habe ich zum ersten Mal über ihn geschrieben. Seitdem verfolge ich sein Schaffen. Hin und wieder schickt er mir eine neue Arbeit, die mich länger beschäftigt. Dieses Mal war es die Schildkröte.

Sein neues Werk führt an einen konkreten Ort. Muara Takus ist ein buddhistischer Tempelkomplex in der Provinz Riau, nahe dem Fluss Kampar Kanan. Zu seinen Bauten gehört der turmförmige Stupa Candi Mahligai. Seit 2009 steht die Anlage auf Indonesiens Vorschlagsliste für das UNESCO-Welterbe. Für Yohanes ist sie der Ausgangspunkt einer Vorstellung davon, wie die Welt in hundert Jahren aussehen könnte. 

Eine Zukunft, die Wurzeln schlägt

„The Muara Takus Manifesto: Techno-Spirituality and the Mandala Grid of 2126“ nennt Yohanes den Text, mit dem er sein Bild begleitet. Er beginnt bei den Materialien des Tempels: roten Ziegeln, Flusssteinen und Sand. Ihn interessiert, wie eng dieses Bauwerk mit seiner Umgebung verbunden ist. Von dort aus entwirft er Städte aus lebendiger Architektur und intelligenten Biomaterialien. 

Auf der Leinwand setzt er die Idee mit Farbe um. Yohanes beschreibt, wie er mit Acryl den Eindruck metallischer Oberflächen neben erdigen, organischen Tönen erzeugt. Die Verbindung von Natur und Technik ist hier zunächst eine künstlerische Möglichkeit. Sie stellt eine Frage an die wirkliche Welt: Könnte unsere Infrastruktur eines Tages so entstehen, dass sie zu ihrer Landschaft gehört?

Das Bild macht es sich mit der Antwort nicht leicht. Die Schildkröte trägt Rüstungsteile und bleibt doch ein Tier. Der Baum wächst zwischen Tempelbauten, über denen eine Kuppel liegt. Die Stadt im Hintergrund ist grün, aber ihre Verkehrswege sind unübersehbar. Yohanes malt keine unberührte Natur. Er zeigt eine bewohnte, gestaltete Welt und fragt, wie ihre Teile miteinander leben können.

Eine Mitte, die verbindet

Im zweiten Teil seines Manifests liest Yohanes die verschiedenen Bauten von Muara Takus als Mandala. Aus ihrer Anordnung entwickelt er das Bild einer Welt selbstständiger Regionen, die miteinander verbunden bleiben. Kein einzelner Ort soll über alle anderen bestimmen. Jeder ist Teil eines größeren Ganzen.

Für das Jahr 2126 stellt er sich hochentwickelte Quantennetzwerke als eine solche Verbindung vor. Ob gerade diese Technik einmal diese Aufgabe erfüllen wird, ist offen. Die gesellschaftliche Frage dahinter finde ich spannender: Wie könnte ein Netzwerk aussehen, das Menschen zusammenbringt, ohne die Eigenständigkeit ihrer Orte und Kulturen aufzulösen?

Wozu gewinnen wir Zeit?

Am stärksten berührt mich der letzte Teil des Manifests. Yohanes stellt künstliche Intelligenz, Robotik und Automatisierung bildlich an den Fuß des Tempels. Sie übernehmen in seiner Vision wiederkehrende Aufgaben, etwa in der Landwirtschaft, der Energieversorgung und der Verwaltung. Die Menschen könnten sich dadurch stärker Kunst, Philosophie und ihrem Innenleben zuwenden.

Ob Maschinen uns jemals in dieser Weise von notwendiger Arbeit befreien werden, wissen wir nicht. Und selbst wenn sie es könnten, müssten wir noch entscheiden, wer die gewonnene Zeit erhält. Yohanes’ Frage lässt sich allerdings schon heute stellen: Was soll uns Technologie ermöglichen?

Er spricht von Śūnyatā und von Stille. Einen Begriff aus der buddhistischen Philosophie möchte ich nicht auf eine Pause von Benachrichtigungen verkürzen. Aber sein Gedanke trifft etwas in unserer Gegenwart. Vielleicht wäre eine der wertvollsten Leistungen künftiger Technik, uns wieder Raum zum Zuhören, Nachdenken und Erfinden zu geben.

Neben diesem Zukunftsbild arbeitet Yohanes an einem weiteren Vorhaben, das bei den Materialien seiner Heimat beginnt. Mit PT Yostri Art Indonesia möchte er natürliche Pigmente aus Böden und Mineralien Riaus erforschen und Künstlerinnen und Künstler einladen, mit ihnen zu arbeiten. Das Forschungs- und Ausstellungsprojekt befindet sich in Planung. Auch darin erkenne ich etwas wieder, das mich ebenfalls fasziniert: Die Zukunft zu suchen, indem man die Umgebung betrachtet. Die Gegenwart der Gesellschaft, den Stand der Technologien. 

Seine Schildkröte eilt nicht. Sie trägt ihre Welt, während sie sich bewegt. Und sie lässt uns mit einer Frage zurück:

Was muss die Zukunft mitnehmen, damit sie eine Zukunft für uns alle sein kann?

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