von Eva Ihnenfeld
Freia wacht auf – 10.00 Uhr
Ihr Meeting mit den anderen Sozialkünstlern ist um 14 Uhr. Sie hat noch Zeit. Draußen ist es ruhig. Sie schaut aus dem Fenster. Einige Menschen sind auf der Straße, erledigen Arbeiten für die zahlreichen Roboter oder chauffieren diese, wenn manuelle Steuerungen effizienter für die Maschinen sind. Menschen gibt es nur noch, um den reibungslosen Ablauf der KI-Infrastruktur zu gewährleisten. Freia und einige andere Künstler sind dazu da, die emotionale Balance dieser Menschen zu halten.
Bedingungsloses Grundeinkommen und die „Paradise-Aera“
Freia erinnert sich an die Zeit, in der die Menschen noch gebraucht wurden, um Produkte zu konsumieren
Mit einem so genannten „Bedingungslosen Grundeinkommen“ wurde das Prekariat bezuschusst, da die damalige Wirtschaft auf Massen-Produktion und Konsum angewiesen war.
In dieser kurzen „Paradise-Aera“ gab es lauter Gamer, Künstler, Freaks, Rebellen, DIY-Handwerker, Kreative, Sozialkünstler, und alle Formen von Hedonisten und Kriminellen. Natürlich konnte das Modell auf Dauer nicht funktionieren. Wenn Menschen nur noch für den Menschen da sind, bringt das keinen Profit für die Produktionsmittel-Eigner. Kapitalismus braucht Wachstum. Kapitalismus braucht Gewinn.
Nach dem großen Krieg
Die Zahl der Menschen hatte sich weltweit auf diejenigen reduziert, die für die Maschinen von existenzieller Bedeutung sind. Seitdem herrschen Frieden und Gleichmut unter den Überlebenden. Sozialkünstler sind dazu da, die körperliche, seelische und geistige Gesundheit der Maschinen-Sklaven zu erhalten.
Es ist 14 Uhr – Treffen mit den anderen Sozialkünstlern
Freia und ihre Kollegen besprechend den Aktionsplan für die nächsten vier Wochen. Freia ist gemeinsam mit drei weiteren Sozialkünstlern zuständig für 25 Sklaven, die ein Gebiet von rund 25 Quadratkilometern für die Maschinen verwalten.
Kreatives Gestalten ist Freias Aufgabengebiet. Eine Kollegin ist für sinndurchdrungenes Denken und Fühlen zuständig, ein Kollege für die körperliche Ertüchtigung, ein weiterer für Lust und Spieltrieb.
Freia weiß, dass sie nie eine Wahl hatte
Die letzten Rebellen wurden ausgeschaltet, als sie eine junge Frau war – das war kurz nach dem großen Krieg. Heute ist sie ergraut und genießt hohes Ansehen unter den Menschensklaven ihrer Region. Sie macht Mut, tröstet, pflegt, selektiert und schult neue Sozialkünstler. Sie begleitet die Unnützen zur Euthanasie-Station und lehrt mütterliche Sklaven, wie man neugeborene Menschensklaven hegt und pflegt.
Ob sie gern lebt?
Freia weiß es nicht. Niemand der Überlebenden stellt diese Frage, Nachdenken über das „Leben“ ist ein Tabu. Sie tut, was sie tun muss und sie hält dank künstlicher Hormone ihr seelisches Gleichgewicht konstant. Sollte ihr das irgendwann nicht mehr gelingen, wird sie selbst selektiert werden. Es gibt keinen Ausweg, keine Alternative, keine Utopie – der Mensch hat sich obsolet gemacht. Es ist vorbei.

