Text von Corinna Heumann, Image von Wolfgang Hunecke
Eine Utopie beginnt mit einer einzigen Frage. In den siebziger Jahren trieb sie Wolfgang Hunecke als Studenten der Theologie und Soziologie um: Wie kann eine gerechtere Welt entstehen?
Antworten fand er nicht nur in Bibliotheken, sondern in Nicaragua. Dort erlebte er persönlich die Dynamik der Befreiungstheologie und von deren Vertretern. Sie war damals ein lateinamerikanisches Phänomen. Sie wandte sich mit zunehmenden Erfolg gegen Familienclans, die jahrzehntelang mit Unterstützung der USA ihre Staaten als Privateigentum betrachteten, ausbeuteten, so dass die Bevölkerung kaum mehr Auswege aus der zunehmenden Verelendung fand. Noch in Bonn begegnete Wolfgang Hunecke dem herausragenden Dichter, Priester und späteren Kulturminister Ernesto Cardenal. Gemeinsam mit dem Schauspieler Dietmar Schönherr entstand aus diesem Zusammentreffen eine Vision: Kunst sollte nicht nur betrachtet werden, sondern die Welt bewegen. Sie sollte Menschen zusammenbringen, Grenzen überwinden und Räume schaffen, in denen Neues entstehen kann.
Kunst bewegt die Welt
Was zunächst wie ein Traum klang, wurde Wirklichkeit. In Granada entstand die Casa de los Tres Mundos, ein internationales Kulturzentrum mit einer Druckwerkstatt, einer Musikschule, Ausstellungen und Künstlerinnen und Künstlern aus aller Welt. Gemeinsam mit dem Verein Pan y Arte und vielen Unterstützerinnen und Unterstützern half Wolfgang Hunecke, diese Idee zu verwirklichen. Er bildete Druckgrafiker aus, arbeitete vor Ort und machte den Austausch zwischen Europa und Mittelamerika zu einem gelebten Projekt.
Es zeigt, wie aus Begegnungen etwas Dauerhaftes entstehen kann. Es sind nicht immer die großen Programme die Verhältnisse zum Besseren verändern, sondern Menschen, die sich meist zufällig begegnen und sich gegenseitig inspirieren.
Inspiration im Dschungel
Auch Wolfgangs eigene Kunst erzählt davon. Auf den Inseln des Nicaraguasees entdeckte er präkolumbianische Petroglyphen, in vulkanischen Fels geritzte Zeichen, vor Jahrhunderten von alten Kulturen in Zentralamerika dauerhaft in den Stein gehauen. Mit großer Sorgfalt entwickelte er die Technik der Frottage weiter, um diese Spuren auf Papier zu übertragen und sie zu drucken. Seine Arbeiten sind keine bloßen Reproduktionen. Sie sind ein Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Ideenwelten und Zeiten.
Besonders eindrucksvoll sind seine Arbeiten zu den fossilen Fußspuren von Acahualinca. Über 2.000 Jahre alte Fußabdrücke von Menschen, die vermutlich vor einem Vulkanausbruch flohen. Schritte, die bis heute sichtbar geblieben sind. Sie erinnern daran, dass Geschichte nicht nur aus einmaligen Ereignissen besteht, sondern aus den Wegen, die Menschen gehen.
Was bleibt?
Heute ist von der ursprünglichen Vision der Casa de los Tres Mundos nur noch ein Teil geblieben. Erneute politische Repression hat das Kulturzentrum seiner ursprünglichen Aufgabe beraubt, viele der Menschen, die es aufgebaut haben, mussten Nicaragua verlassen.Und doch ist die Utopie nicht verschwunden. Sie lebt weiter in den Kunstwerken, in den Freundschaften, die über Kontinente hinweg entstanden sind, und in der Überzeugung, dass Kultur mehr sein kann als Dekoration. Sie ist Verständigung sein. Erinnerung. Widerstand. Hoffnung.
Das Wesen einer Utopie
Das Wesen einer Utopie ist, dass sie besteht, Zeiten überdauert, die Welt verändert. Die Spuren, die sie hinterlässt, werden von denjenigen erkannt, gelesen und weitergetragen, die sie verstehen. In Landschaften, in Bildern und vor allem in den Menschen, die den Mut haben, eine gerechtere Welt immer wieder zu einer neuen hoffnungsvollen Wirklichkeit werden zu lassen.

