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Was tun, wenn das Leben uns Saures gibt?

Denke positiv! Das ist ein echter Schlachtruf unserer Zeit. Selbst bei Schicksalsschlägen wird erwartet, dass man möglichst unmittelbar danach den Mehrwert eines solchen erkennt und wieder zu seinem dauerlächelnden Dasein zurückkehrt.

Die Absurdität des gesellschaftlichen Positivwahnsinns negiert ein Naturgesetz:  Unser Leben ist – im Guten, wie im Bösen – unberechenbar. Menschliche Regungen sind unsere Antwort darauf und für diese soll kein Platz mehr sein. Leid ist unerwünscht.

Froh oder krank?

Ein schweres Schicksal im Leben ist der Tod eines geliebten Menschen. Eigentlich könnte man glauben, dass die Zeit und Tiefe der Trauer – je nach Dauer und Intensität der Verbindung – variieren darf. Dem ist nicht so.

Die Öffentlichkeit verlangt nach grenzenlosem Optimismus. Getrauert werden soll im Privaten, möglichst still, andere nicht belastend und auch bloß nicht zu lange. Sogar die Medizin erwartet das von uns.

Dauert Trauer zu lange, gilt ein Mensch als psychisch krank. So steht es in den Diagnosemanuals psychischer Störungen der amerikanischen psychiatrischen Vereinigung. Hier ist festgelegt, dass längere Trauer – beispielsweise über den Tod eines geliebten Menschen – eine behandlungsbedürftige psychische Krankheit ist.

Dauerhaftes Lächeln kann nun wirklich nicht die einzige Antwort auf die Härte des Lebens sein, oder?

Angenommen, positives Denken sei der Schlüssel zum Glück, welche Möglichkeiten haben wir? Haben wir ein kognitives Portfolio für positives Denken?  Betrachten wir zwei „positive Denkschulen“, die uns zur Verfügung stehen.

Die Disziplin des in der Realität verwurzelten Optimismus

Bei dieser Art, positiv zu denken, gehen wir davon aus, dass unser Leben künftig ähnlich weiter verlaufen wird, wie es bisher verlief. Wir leben noch – also war es nicht so schlecht! Wenn wir keinen Hunger haben und keinen Krieg erleiden, können wir davon ausgehen, dass sich das auch in Zukunft nicht ändern wird.

Im Sinne von Nicholas Nassim Taleb leben wir wie ein Truthahn, der sich aufgrund seiner wohlmeinenden Vergangenheit gar nicht ausmalen kann, was ihm an Thanksgiving passieren wird. Der Mehrwert davon liegt auf der Hand: Wir müssen uns nicht vor möglichen künftigen Schreckensvisionen fürchten.

Wie funktioniert das, ein „in der Realität verwurzelter Optimismus“?

Auf Grundlage der bisherigen Erfahrungen wird ein optimistisches Bild von der Zukunft gezeichnet. Eine intuitive, gleichermaßen rationale Erwartung an die Zukunft – so haben es die Begründer der positiven Psychologie, Martin E.P. Seligman, zusammen mit Prof. Peterson, definiert. Ihr Konzept soll dabei als positives „Gegenstück“ zum oben erwähnten Diagnosehandbuch geistiger Störungen verstanden werden.

In dem„positiven Gegenstück“ – ihrem Buch – wird ein Handkoffer an Hilfsmitteln offeriert, die glücklich machen: Vergebung, ein gnädiger Blick in die Vergangenheit, ein hoffnungsvoller in die Zukunft und Achtsamkeit für die Gegenwart gehören dazu.

Der gnädige Blick in die Vergangenheit lehrt uns den hoffnungsvollen Blick in die Zukunft. Die achtsame Konzentration auf den Moment hilft uns,  zu genießen und Grauen der Vergangenheit sowie Sorgen über die Zukunft zu vernachlässigen.

Sofern wir wenige harte Schicksalsschläge erlitten haben oder über ein gewisses Maß an Resilienz verfügen, ist das eine bodenständige und gute Strategie, Glück und Dankbarkeit zu empfinden.

Was aber, wenn wir ein harter Fall sind und wir uns unsere Realität – aus welchen Gründen auch immer – nicht schön denken können?

Die Disziplin der realitätsfernen Tagträume

Ein Optimismus also, der nicht in der Realität verankert ist, sondern vielmehr hilft, ihr zu entfliehen? Ein Geist auf Wanderschaft, fernab der Realität? Wozu, fragt man sich? Diese Tagträume sind keineswegs so unproduktiv, wie man lange dachte.

Wenn unsere Aufmerksamkeit in der Realität nicht gefordert ist – wie zum Beispiel bei routinierten Tätigkeiten, bei denen unsere Gedanken abschweifen – oder überfordert ist, weil das Schicksal zuschlug, dann schlägt die Stunde der Tagträumerei.

Unsere Gedanken kehren der Gegenwart den Rücken und wenden sich einer eigenen, inneren Welt zu. Unser Gehirn beginnt dann, sich mit sich selbst zu beschäftigen und das unbekannte Universum zu erforschen, in dem irdische Gesetze nicht gelten.

Gedankenreisen trösten und machen kreativ

Wer fantasiert, kann darin Trost finden. In unseren Träumen ist unser Leben immer glücklicher und besser, als in der Realität. Darum können Tagträume uns viel über unsere Wünsche und Sehnsüchte erzählen. Doch wir können noch mehr mitnehmen, als den Trost.

Studien der Psychologen Benjamin Baird und Jonathan Schooler von der Universität von Kalifornien in Santa Barbara ergaben, dass Menschen, die häufig ihren Tagträumen nachhängen, in Kreativitätstests überdurchschnittlich originell abschneiden. Tagträumen hilft offenbar der Kreativität auf die Sprünge.

Wir verbringen, nach Schätzungen von Psychologen, sogar rund 50 Prozent unserer wachen Zeit in einem Zustand der Tagträume, also mit den Gedanken auf Reisen. Solche Tagträume machen es vermutlich möglich, sich Dinge vorzustellen, die über das hinausgehen, was realistisch scheint und dabei gleichzeitig die Realität neu zu erfinden und kreativ zu gestalten.  Kein irdisches Gesetz gilt auf solchen Reisen: Man kann dort alle Sprachen der Welt sprechen, zeitgleich an verschiedenen Orten sein, fliegen und mit geliebten Menschen zusammen sein, die lange schon verstorben sind. Offenbar eine perfekte Welt, um Lösungen für irdische Probleme zu finden!

Randy Buckner und Daniel Carroll von der Harvard University haben erkannt, dass das Tagträumen in jenen Hirnbereichen passiert, die uns mentale Projektionen ermöglichen. Das Gehirn aktiviert dabei ein Netzwerk von Arealen, das als »default mode network« (DMN) oder Ruhemodusnetzwerk bezeichnet wird. Unser Gehirn ruht aber nie: Nicht, wenn wir schlafen, noch, wenn wir vor uns hin träumen. Unser Gehirn forscht, spielt und fantasiert wie ein Kind – wenn nicht, dann ist es tot.

Wir können die Unwegsamkeit des Lebens nicht ändern: Das Leben ist oft hart und grausam. Doch verfügen wir Kraft unserer Gedanken über ein Werkzeug, der Ungerechtigkeit zu entfliehen.

Wir alle tragen einen Ort in uns, an dem ALLES möglich ist. Wenn das kein Grund zum Lächeln ist, was dann? Es sollte heißen „Wenn Du nicht positiv denken kannst, dann träume schön!“

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