Göttin – Mutter – Schöpferin: Anmerkungen zu kultischen Stätten in der Eifel

Text und Illustration Corinna Heumann – In der Anbetung ihrer Gottheiten spiegelt sich die Sozialstruktur einer Gesellschaft. An besonderen Orten, an den archäologischen Tempelbezirken der Matronen in den Wäldern der Eifel, findet man zu allen Jahreszeiten frische Opfergaben, Blumen, Früchte, Kerzen und Schmuck. Sind sie Indizien dafür, dass Teile unserer Gesellschaft an Göttinnen glauben? Werden die mythischen Aspekte des Menschlichen heute bewusst so ausgegrenzt, dass sie nur noch an entlegenen Orten gelebt werden können? Gibt es eine neue Sehnsucht nach Naturerfahrung in Kunst und Kultur? Könnte sie als ethisches Korrektiv bedrohlicher Entwicklungen wirken? 

Matriarchate als frühgeschichtliche soziale Organisationen

Man nimmt an, dass die frühesten sozialen Organisationen im Europa der Steinzeit Matriarchate waren. Im Gegensatz zum patriarchalen System der Unterdrückung der Frau, beinhalteten diese allerdings nicht die Herrschaft über Männer. Sie waren vielmehr eine arbeitsteilige, an gemeinschaftlichen Prinzipien orientierte Ordnung, in der beide Geschlechter die gleiche hierarchische Stellung innehatten. Paarbeziehungen waren komplementär. Die Partner teilten alles. Im Neolithikum erreichte mit dem Beginn der Landwirtschaft der Einfluss der Frauen in Kunst, Handwerk und gesellschaftlichen Funktionen seinen Höhepunkt. Das (matrilineare) Abstammungsrecht ergab sich aus der mütterlichen Erbfolge.

Die thronende Göttin war eine Metapher für die Herrin der Natur und der Gemeinschaft. Sie wurde als Makrokosmos und Lebensspenderin verehrt. Ihr Bild, das der großen Sippenmutter im Kreis ihrer Beraterinnen, symbolisierte eine Gemeinschaft, die sich in kollektive Einheiten strukturiert. Die Frau als Mutter war der soziale Mittelpunkt. Der Landbesitz befand sich in weiblichem Gemeinschaftseigentum. 

Kein Vater-Konzept

Ein vergleichbares Konzept des Vaters kannte man in der Kultur der Steinzeit nicht (bis ca. 12.000 vor Chr.). Männliche Gottheiten waren die Gefährten der Göttinnen. Als Ergänzung zur Herrin der Natur trat der Schamane als Herr der Natur im Neolithikum auf den Plan. Im Frühjahr fand die mythische Vereinigung der Göttin mit ihrem befruchtenden Partner statt. Zur Ernte wurde die reife Frucht geboren. Die schwangere Göttin, die sich im Einklang mit der Vegetation entfaltet, stellte Tod und Erneuerung dar. Als Herrin der Natur folgte sie einem kosmischen Muster, das dem endlosen Kreislauf des Lebens, der Mondphasen und der Jahreszeiten entsprach. Sie schützte wild wachsende Pflanzen und den Ackerboden.

Matriarchate existieren weiter

Ein interdisziplinärer Ansatz, der die kulturelle Entwicklung Europas aus ihren indoeuropäischen, minoischen, griechischen und römischen Wurzeln heraus erforscht, zeigt, dass die matrilinearen Kulturen nie ganz von patriarchalen Herrschaftssystemen übernommen werden konnten. In den vielfältigen Volksbräuchen überall in Europa hat sich der matristische Glaube (Marija Gimbutas) bis heute erhalten. In ländlichen Gegenden Deutschlands werden zum Beispiel am 1. Mai in jedem Jahr Maikönigin und Maikönig miteinander verheiratet. Oder Frauen regieren zumindest an einem Tag im Jahr, wie in der rheinischen Weiberfastnacht. In slawischen Ländern hat sich bis ins 20. Jahrhundert der Glaube erhalten, dass man die Erde achten muss und nicht auf sie spucken oder sie schlagen darf.

Naturverbindung

Der ursprünglichste, authentischste und zutiefst menschliche Traum ist es, im Einklang mit der Natur zu leben, sie zu verstehen und zu bewahren. Die uralte Verehrung der Mutter Erde, die in der Göttin dargestellt wird, gründet in der Überzeugung, dass der Regenerationsfähigkeit der Natur tiefe Achtung gebührt. Sie betrachtet das gesamte Universum als atmende, lebendige Kraft ihrer Göttlichkeit. Demeter, Persephone, die germanische Nerthus, die baltische Zemes Mate, Radegund, Macrine, Walpurga, Matronen, Maria und die Darstellungen der schwarzen Madonnen, deren dunkle Farbe den fruchtbaren Ackerboden verkörpert, sind uns vertraut.

Reichtum und Glück

Das Leben im Einklang mit den Zyklen der Natur verkörpert heute immer noch Lebenskraft, Erneuerung und Wiedergeburt, Gesundheit und Kontinuität des Lebens. In Darstellungen ist die Göttin eine Metapher für den Wunsch nach Reichtum und Glück. Ihre reichen Gewänder, Hauben und Turbane, kostbare Umhänge von wertvollen Spangen gehalten, gepflegte und üppige offene Haare umschreiben ihn. Die matrilineare Kultur des steinzeitlichen Europa lebte auf Kreta noch eine Weile fort, als verzauberte Märchenwelt (Knossos) als die vollkommenste Bejahung der Anmut des Lebens, die die Welt je gesehen hat (Sir Leonard Wooley).

Patriarchat und Monotheismus als Anomalie der Geschichte

Das Partiarchat ist mit dem Machtgefälle zwischen Mann und Frau eine Anomalie der Geschichte. Die Geschichte ist ein Alptraum, aus dem wir zu erwachen versuchen, sagte schon Stephen Dedalus in einem Roman von James Joyce. Beginnt das Patriarchat mit dem Sündenfall in der Bibel oder bereits mit der Konkurrenzsituation zwischen Kain und Abel? Ist es heute mit der rechtlichen Gleichstellung der Frau und ihrer wiedergewonnenen Unabhängigkeit endlich überwunden?

Mit der Frauenbewegung konnten im Informationszeitalter weit über rechtliche und ökonomische Gleichstellung hinaus, tatsächlich wichtige Aspekte weiblicher Unabhängigkeit wiederhergestellt werden: erweiterte Mobilität ohne beschützende Netzwerke und Allianzen aufgeben zu müssen, Kontakt mit fremdbetreuten Kindern auch auf Entfernung und eine eigene selbstbestimmte Sexualität. 

Menschen als Mischwesen zwischen Natur und Kultur

In ihrer Existenz als Mischwesen sind freie Menschen wandelbar, entwicklungsfähig und können ihr Leben selbstbestimmt gestalten. Dabei ist die Kultur entscheidend. Die kulturelle Entwicklung in den freiheitlichen, arbeitsteiligen, hochtechnisierten Gesellschaften zeigt, dass neue und gleichzeitig sehr alte Formen gesellschaftlicher Kooperation erprobt werden. Sie stellt zunehmend den Eigentumsbegriff zugunsten einer Kultur des Teilens in Frage. Traditionelle Hierarchien mit ihrem Machtgefälle werden durch neue kooperative Arbeits- und Lebensformen ersetzt. Mit Hochtechnologie und internationalen Abkommen versucht man der Ausbeutung natürlicher Ressourcen entgegen zu treten, um alternative Nahrungs- und Energiequellen zu erschließen. Natürliche Habitate werden geachtet und zunehmend geschützt. 

Die DNA der Steinzeit

Die freie, flexible und selbstbestimmte DNA der steinzeitlichen Jägerinnen, Sammlerinnen und Göttinnen konnte über die Jahrtausende nicht ausgelöscht werden. Sie wird in den lebendigen kleinen Opfergaben an den Matronen-Denkmälern in der Eifel im 21. Jahrhundert wieder sichtbar. Die Verehrung der Natur und ihre künstlerische Verarbeitung erspüren die emotionale Struktur unseres menschlichen Geistes im Gegensatz zur künstlichen Intelligenz. Ihre ungeheurere Rechenleistung kann zum Beispiel die verschiedene Modelle zum Klimawandel glaubhaft darstellen, um eine gewisse Vorstellung über zukünftige Entwicklungen zu bekommen. Sie bleibt aber ein einseitiges und andere Wahrheiten ausschließendes System. Die menschliche Emotion ist dagegen die Grundlage einer Kreativität, die sich in uralten und zugleich neuen Göttinnen-Darstellungen manifestiert.

Kommentare

One comment on “Göttin – Mutter – Schöpferin: Anmerkungen zu kultischen Stätten in der Eifel”
  1. Liebe Corinna, wieder mal ein fantastischer Beitrag von Dir. Werde es an unsere Sorores vor Ort weiterleiten.
    Herzlich Heide

Schreibe eine Antwort zu Heide Schimke Antwort abbrechen